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Yann Martels androgyne Expedition
Eine der meistdiskutierten philosophisch-anatomischen Fragen des Mittelalters und der frühen Moderne war die nach der Herberge der Seele im menschlichen Körper. Mit Federkielen und später auch Skalpellen versuchte man die flüchtige Substanz des Lebens zu lokalisieren und zu untersuchen, und die erstaunlichsten Ideen kamen dabei zutage.
In seinem Roman «Selbst» bietet nun Yann Martel seine eigene, wenn auch nicht neue Lösung zu diesem Problem an und das Zentrum seines Werkes ist eindeutig ein anatomisches, eines allerdings, zu dem Doktor Freud wohl schon mehr gesagt hat als irgendein anderer.
Der Roman erzählt ein Leben von der Kindheit bis ins frühe Erwachsenenalter. Was die Hauptfigur aber auszeichnet, ist die Tatsache, dass sie von einem Buben zu einer jungen Frau wird und dann wieder zu einem Mann. Dies böte Gelegenheit zu faszinierenden psychologischen Erkundungen und Beobachtungen, aber Martel gibt uns nichts dergleichen. In oft experimenteller Erzählweise durchläuft sein Protagonist den konventionellen erotischen Leidensweg von Kindheit, Pubertät, Studenten- und Erwachsenenzeit mal szenisch, mal tabellarisch und dann wieder episodisch und erweckt so den Eindruck, als hätte sich der Leser aus Versehen im Zug neben einen freundlichen und intelligenten, vor allem aber sehr geschwätzigen Menschen gesetzt, der mehr aus seinem Leben erzählt, als man jemals wissen möchte.
Bei all dieser Redseligkeit jedoch bleibt das grosse Potential einer wirklichen Ausleuchtung von dem, was es ausmacht, ein Mann oder eine Frau zu sein, unangetastet. Zudem verhindert die rasch wechselnde experimentelle Erzählstruktur, dass sich ein sprachlicher Duktus aufbauen und tragen könnte. Im ganzen scheint ein kompositorisches Konzept hier zu fehlen: was sich anfangs vielversprechend als eine Erkundung von komplementären Erfahrungsstrukturen (Sonne und Mond, Zweisprachigkeit, männlich und weiblich) anlässt, wird später einfach fallengelassen, und ausser dem Ton der erzählenden Stimme und der (wenn auch wechselnden) Identität der Hauptperson gibt es nichts, was der Erzählung Zusammenhalt geben würde.
Wie bei allen Experimenten, auch gescheiterten, gibt es hier Interessantes: Fremdsprachige Dialoge in zwei Spalten in Deutsch und im originalen Französisch, Spanisch oder Englisch wiederzugeben ist sicherlich eine Bereicherung des Textes; wenn es aber zu Ungarisch und Tschechisch kommt, wirkt es prätentiös, wie auch die ellenlangen gebildeten Leselisten, die immer wieder auftauchen.
Wittgenstein endete seinen berühmten «Tractatus» mit den Worten: «Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen» ein Leitsatz nicht nur für Philosophen: Das experimentelle Erzählen fällt völlig flach in der drehbuchartigen Vergewaltigungsszene, in der die Handlung und die Emotionen des Opfers in zwei Spalten dargestellt werden. Keine Anzahl von Worten kann wohl den Schrecken einer solchen Erfahrung darstellen, und der Wortschwall der Beschreibung geht hier auf Kosten der Intensität des Nacherlebens.
Hier zeigt sich auch ein zentrales Problem dieses Romans wie auch anderer Werke, in denen sich der Autor in die Identität eines Menschen hineinversetzt, dessen Lebenserfahrung nicht die seine ist. Allzuoft findet man in solchen Erzählungen alles, was ein intelligenter und einfühlsamer Mensch erwarten würde, aber nichts, was als eine neue und überraschende Einsicht käme. Das literarische Überspringen der Geschlechtergrenze, das Beschreiben der Lebenswelt und -erfahrung des anderen Geschlechts ist wohl eine der grössten Herausforderungen für Schriftsteller. Virginia Woolf nahm in ihrem «Orlando» weise davon Abstand, zu tief in die Innenwelt ihrer Figur zu tauchen, eine Entscheidung, die sie vor der Verflachung dieses Buches rettete. Martel zeigt diese Zurückhaltung nicht, und so bleibt vieles an der Erfahrung des Frauseins nach empfunden, ohne zum Leben zu erwachen.
Auch schöne und amüsante Beobachtungen finden sich in diesem Buch oft die Sprache betreffend. So heisst es über einen Charakter, dass er «Ungarisch brauchte wie seine blossen Hände, Englisch wie getragene Lederhandschuhe, Slowakisch wie Fäustlinge, Deutsch und Russisch wie Messer und Gabel [und] Französisch wie Essstäbchen». Leider wird die Frage der Identität hier auch mit Fäustlingen angegangen als ein hauptsächlich sexuelles Phänomen und in (oft unnötiger) Abwasserprosa; andere Facetten, wie Sprache, Kultur usw., werden marginalisiert. Zudem lässt die Übersetzung des Buches zu wünschen übrig, ganz besonders auf der Ebene der Umgangssprache. Mit der inkongruenten Diktion des Protagonisten, deren Spannweite von «Nix da!» bis «zum Teufel mit meinen Dünkeln, zum Teufel damit» reicht, setzt sie wohl kaum Standards für sprachliche Exaktheit und Sensibilität.
«Selbst» ist nicht nur das Thema dieses Romans, es ist das Thema aller Romane, und es ist ehrgeizig genug, dies in den Titel des Werkes zu erheben. Leider aber ist es gerade das Selbst der Hauptfigur, das Martel nicht zu fassen vermag.
Philipp Blom
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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Sehr lesenswert,
Rezension bezieht sich auf: Selbst (Gebundene Ausgabe)
Ein, wie alle Bücher von Yann Martel, sehr ungewöhnlich und schön geschriebenes Buch. Der Lebens- und Leidensweg der Haupftfigur ist zeitweise extrem schmerzhaft und trotz der Tatsache, dass die Wandlung zur Frau und dann wieder zum Mann an gewisse Grenzen der Vorstellungkraft geht, war dieses Buch doch eines der wenigen, mit denen ich mich noch lange Zeit beschäftigt habe.
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6 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Veränderung als Lebensinhalt,
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Selbst (Gebundene Ausgabe)
Naja, ein Buch, in dem die Titelfigur zwei mal ihr Geschlecht wechselt, ist ja schon mal interessant. Eigentlich geht es aber um die menschliche Entwicklung ganz allgemein - dass es immer weiter geht - und ich habe viele Parallelen zu meinem Leben gefunden. Ein absolut lesenswertes Buch.
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