Nun werde ich zwar immer misstrauisch, wenn man mir einen "Krimi mit Anspruch" anbietet, denn in den meisten Fällen leidet darunter entweder der Krimi oder der Anspruch (oder beide), aber Schlink gelingt hier -- zusammen mit Walter Popp -- genau das, was ihm im "Vorleser" noch gründlich danebenging: Die Reflexion über die jüngste deutsche Geschichte.
Der immerhin schon 68jährige Privatdetektiv Gerhard Selb lässt sich auch von Rheuma und ähnlichen altersgemäßen Gebrechen nicht davon abhalten, seinen Beruf ernstzunehmen. Während er nun im Auftrag eines großen Chemiekonzerns nach einem Hacker fahndet, der im firmeninternen, streng abgeschirmten digitalen Netz allerlei Schabernack treibt, wird er immer intensiver mit seiner eigenen Vergangenheit als ehrgeiziger junger Staatsanwalt im Dritten Reich konfrontiert.
Was hier, in einem Satz zusammengefasst, gar zu konstruiert wirkt, entwickelt sich in der Romanhandlung ganz kontinuierlich, eins kommt zum andern. Die Spannung steigt allmählich aber stetig. Schließlich bestimmt Selb das Tempo, und der ist nicht mehr der Jüngste.
Dieser Krimi lebt jedoch nicht nur von seinem wichtigsten Handlungsstrang. Im Gegensatz zu vielen anderen zeitgenössischen Krimis mit starkem Lokalkolorit spielt hier das Milieu eine entscheidende Rolle, wird nicht zur schicken Zutat degradiert. Schlink und Popp kennen den Großraum Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg, keine Frage. Sie kennen ihn so gut, dass sie nicht nur mit wenigen Andeutungen eine dichte Atmosphäre schaffen, wie sie für diese Region charakteristisch ist; sie kennen auch die Mentalität. Figuren wie Mischkey, der Hacker mit moralischem Impetus, oder wie der Kellner Giovanni, wie Selbs Freund Philipp (schrullig genug, um nicht allzu mondän zu wirken) oder der vielleicht gar nicht so biedere Hauptkommissar Nägelsbach sind keine Typen, die man in jede beliebige Gegend oder in jedes Milieu verpflanzen könnte. Jeder von ihnen hat Züge, wie sie für die immer ein klein wenig renitente Kurpfalz typisch sind. Und genau dies macht den Charme dieses Krimis aus, der seine Möchtegern-Konkurrenten aus Venedig und anderswo souverän hinter sich lässt. Doch bleiben diese Charakteristika klug im Hintergrund; man kann den Roman genauso gut genießen, wenn man den Menschenschlag nicht kennt oder wenn man nicht weiß, wo in Mannheim der "Suezkanal" ist und wie's weiland in der Heidelberger Frauenbuchhandlung "Xanthippe" aussah.
Aber nicht nur die Figuren sind unspektakulär schrullig, auch die Handlung lockert mit gut plazierten Intermezzi das schwergewichtige Thema auf. Ob's um 100.000 Rhesusäffchen auf dem Betriebsgelände geht oder um einen bemerkenswerten Trick, im Restaurant feinstes Essen serviert zu bekommen, oder um den Kater Turbo, dessen Leistungen Selb den vorbildlichen Karrieren andrer Leute Nachwuchs entgegenhält -- die Witze sind keine Schenkelklopfer, sondern feine kleine, mitunter melancholische Variationen über das Thema "Realität".
Schade, dass in den beiden folgenden Bänden die Handlung allzu konfus wird; Selb hätte ein würdigeres Ende verdient. Dies aber nur am Rande.
Was "Selbs Justiz" betrifft: Genug gelobt. Dieser widersprüchliche Nachfolger von Maigret und Wachtmeister Studer schafft die Synthese von Vergangenheitsbewältigung und Krimi auf seine ganz eigene Art.