Schwer wie Blei lag der Winternebel über dem Genfer See und hüllte die Stadt in ein feuchtkaltes Tuch. Nur wenige Gehminuten von der parallel zum Quai Gustave Ador verlaufenden Seepromenade entfernt wohnte Sven Herzog..." Das ist der Mann, der im Thriller von Rolf Froböse die meiste Zeit den Durchblick hat und die Fäden leidlich in der Hand behält. Jedenfalls ist sein Schicksal für den Zeitrahmen der Handlung auch das Schicksal der Welt. Denn Sven Herzog ist dabei, als das Ungeheuerliche entdeckt wird: "Sven spürte, wie sein Adrenalinspiegel in die Höhe schoss. Lediglich der Kaffee in seiner Tasse hatte sich wieder beruhigt. Er nahm einen kräftigen Schluck." Wenige Augenblicke vorher hatte einer der Beteiligten im kleinen Kreis der verantwortlichen Wissenschaftler am Conseil Européen de la Recherche Nucléaire, kurz CERN, mit der Faust auf den Tisch geschlagen. Er erklärte den Versammelten, dass der Projektleiter und sein ruchloser Helfer "ein Schwarzes Loch erzeugt" haben. Der wissenschaftliche Hintergrund ist real In Fachkreisen wurde die Diskussion darüber, ob dies in der Genfer Anlage des CERN geschehen könnte, schon geführt. Wirklich in Abrede gestellt wurde es nicht. Schließlich sollen in der "Urknallmaschine" LHC, dem Teilchenbeschleuniger, auf nahezu Lichtgeschwindigkeit beschleunigte Partikel aufeinanderprallen und so eine Situation wie kurz nach dem Urknall erzeugen. Gesucht wird in den Experimenten das "Gottesteilchen", das dafür verantwortlich sein soll, dass Materie eine Masse besitzt. Wer es findet, dem dürfte der Nobelpreis sicher sein. Doch dann passiert das Unfassbare: die verantwortlichen Forscher haben ein Schwarzes Loch erzeugt. "Ein bisher noch nie da gewesener Wettlauf gegen die Zeit beginnt...", schreibt Rolf Froböse in seinem Thriller. Und diesen Wettlauf schildert er.
Froböse ist selbst Wissenschaftler und der Hintergrund seines Plots ist real. Er ist so ungeheuerlich, dass man beim Lesen nicht nur von der Spannung schier aufgefressen wird, sondern auch ins Grübeln kommt. Der britische Wissenschaftler Stephen Hawking hatte die Möglichkeit des Entstehens eines Schwarzen Lochs bei den Experimenten in dem 27 Kilometer langen Tunnel unter der Stadt Genf nicht ausgeschlossen. Allerdings würden diese lediglich mikroskopisch kleinen Schwarzen Löcher unter Abgabe von Strahlung innerhalb von Sekundenbruchteilen zerfallen.
Und nun war im CERN ein Schwarzes Loch manifest geworden, allen Theorien zum Trotz. In der Romanhandlung nimmt die Entwicklung folgenden Verlauf: "Es gab" so überlegte Sven, "zwei mögliche Erklärungen dafür: Erstens konnte Hawking zwar im Prinzip recht haben, sich jedoch hinsichtlich des Zeitrahmens beträchtlich irren." - Das entstandene Schwarze Loch würde nicht sofort, sondern erst Wochen oder Monate später zerfallen. Aber immerhin zerfallen.
"Die zweite Möglichkeit war so entsetzlich, dass Sven sie sich kaum ausmalen mochte: Danach war ebenfalls ein Schwarzes Loch entstanden, das aber entgegen der Hawkingschen Theorie nicht zerstrahlte, sondern immer mehr Masse in sich aufsaugte." Sven beschloss, sich die Messprotokolle genau anzusehen. Denn soviel stand fest: "Wenn die zweite Möglichkeit zutraf, war die allmähliche Massenzunahme des Schwarzen Lochs nicht mehr aufzuhalten. Nach und nach würde es alle umgebende Materie in sich einsaugen, bis von der Welt nichts mehr übrig war." - Bis auf eine schwarze Murmel, einen Zentimeter im Durchmesser.
In den kurzen, fast atemlos geschriebenen Kapiteln tauchen US-Wissenschaftler auf, Taxifahrer und Frauen - begehrenswerte und an der Handlung entscheidend beteiligte. Sven ist am Ende mit Anastasia in Novosibirsk. Man schreibt den Oktober des Jahres 2016, denn der Thriller spielt in unserer nahen Zukunft. Beide gehen Arm in Arm in einer kalten, sternklaren Nacht am Ufer des Ob spazieren. Sie blicken hinauf zur Milchstraße. Ihr galaktisches Zentrum soll das in Genf erzeugte Schwarze Loch eines Tages absorbieren. "In rund 100 Millionen Jahren", erklärt Sven lächelnd seiner nächtlichen Begleiterin.
Mehr sei nicht verraten. Außer vielleicht noch, dass eine Frau im roten Mantel, die von Anfang an betroffen ist von der skrupellosen, über Leichen gehenden Wissenschaftsmafia in Genf, noch eine Rechnung begleicht. --Hans Wagner, Eurasisches Magazin, Ausgabe 8/9, 2009
Ein mysteriöser Mord an einem Physiker in Berlin muss aufgedeckt werden, doch die Ermittler tappen zunächst im Dunkeln. Einzig die Auffälligkeit des Ermordeten sich kritisch zu Großprojekten in der Physik per Blogs zu äußern scheint eine Spur zu liefern. Diese führt dann auch ins schweizerische CERN, wo der LHC steht, der weltweit größte Teilchenbeschleuniger, mit dem Wissenschaftler aus aller Welt hoffen das Higgs-Bosonen zu finden... Ein aufregender Krimi beginnt. Unter ihnen sind jedoch auch zwei skrupellose Wissenschaftler, die alles dafür tun würden, damit ihr Experiment glückt. Vielleicht würden sie dafür sogar einen Mord begehen...? Sekunde Null ist ein spannender Krimi, der gut recherchiert ist, was bei dem Beruf des Autors auch nicht weiter verwundern dürfte, ist dieser doch selbst Wissenschaftler und der Plot bezieht sich auf einen wahren Hintergrund. Das Technik auch verwüsten kann ist leider Teil des Fortschritts und hier versteckt sich wohl auch ein bisschen die Kritik, welche vom "Sekunde Null" ausgeht. Es kommt eben immer darauf an, wer sie in Händen hält und wie man sie gebraucht. In Sekunde Null sind zufällig einige Parallelen zu Dan Browns Illuminati zu finden, doch was die Spannung anbelangt muss sich Sekunde Null keine Sekunde lang hinter Illuminati und dem Brownschen Feingeist für gut recherchierte Geschichten verstecken. --taschenbuecher.de vom 30. 9. 2009
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.