Von der jüdischen Sekte zu den christlichen Weltkirchen hat die Bewegung des Jesus von Nazaret einen gewaltigen Weg hinter sich gelassen. Doch auch an ihren Rändern fransen diese etablierten Amtskirchen als Sekten bezeichnete Abspaltungen aus, die in ihrem Anspruch in der Nachfolge Christi` stehen. Der evangelische Theologe und Sektenbeauftragte Georg Schmid arbeitet in seiner nur noch antiquarisch erhältlichen Studie "Die Sekte des Jesus von Nazaret. Neue Aspekte einer Betrachtung des Christentums" heraus, inwieweit die Jesus-Bewegung den Charakter einer Modell-Sekte unserer Tage einnimmt.
Seinen Betrachtungen stellt Schmid die provozierende These voran, dass das frühe Christentum nicht weniger Sekte als die Sekten der Gegenwart sei, sondern weit mehr Sekte als sie. Die Aufschlüsselung dieser These ist zwar detailliert, aber in sich derart widersprüchlich geraten, daß der Leser am Ende nicht mehr weiß, woran er eigentlich ist. Schmids Bild von der dem Urchristentum vorangegangenen Jesus-Bewegung unterscheidet sich derart von dem, das er von den Sekten entwirft, dass er sich immer weiter von seiner Ausgangsthese entfernt.
Doch das tödlichste Manko dieses Buch ist Schmids schwammiger Sektenbegriff, der mit keinerlei konkreten Inhalten gefüllt ist. Auf nicht eine Sekte aus heutigen Tagen oder vergangener Zeit wird darin näher eingegangen oder bis auf wenige Ausnahmen gar namentlich erwähnt und in ihrem Ansprüchen der Jesus-Nachfolge mit dem antiken Vorbild abgeglichen. Die Destruktivität dieser oftmals zweifelhaften Bewegungen wird sehr nebensächlich abgehandelt und einigermaßen verdutzt liest man Schmids Aufforderung an die Sekten, ihren Weg konsequent weiter zu gehen, so wie es die Jesus-Sekte tat: "Am Ende eines Sektenweges, wenn er durchgehalten wird, steht vielleicht eine unwahrscheinliche Freiheit, ein neues Menschsein, ein neuer Sinn für unsere besten Möglichkeiten jenseits der eingeschliffenen Normalität und der zwanghaften Sektenerleuchtung." Bei einem solchen Satz fragt man sich, mit welchen Gruppierungen Schmid als Sektenbeauftragter zu tun hatte, dass er in ihnen ein derartiges Potenzial innewohnen sieht.
Ermüdende 200 Seiten ziehen sich ohne roten Faden durch das Buch, an dessen Ende kein greifbares Fazit steht. Was ist denn nun eine Sekte und was charakterisiert sie? War denn das Urchristentum eine Sekte? Wie soll die moderne Gesellschaft mit ihrer religiösen Vielfalt mit ihnen umgehen? Welches Verhältnis sollen die Kirchen zu ihnen einnehmen? Dies sind die wichtigen Fragen, die sich aus der Thematik dieses Buches ergeben und doch leider ohne Antwort bleiben. Statt dessen steht über allem die Frage, worauf der Autor eigentlich hinaus wollte.