Der Skandal einer Epoche
Mihail Sebastians Roman «Seit zweitausend Jahren»
Nur ausgesuchten Kennern der rumänischen Literatur wird Mihail Sebastians Roman «Seit zweitausend Jahren» ein Begriff sein. Eine genaue Vorstellung davon konnten über Jahrzehnte nur die Zeitzeugen des Literaturskandals haben, der 1934 auf die Erstveröffentlichung des Buches folgte. Mehr als 60 Jahre lang war das Werk seither in Rumänien verschwiegen und verboten. Eine Neuedition liess bis zum politischen Umbruch 1990 auf sich warten. Inzwischen ist das Werk dank der Initiative des Paderborner Igel-Verlags auch dem deutschsprachigen Leser zugänglich.
Mihail Sebastian (eigentlich Josef Hechter) lebte von 1907 bis 1945. Sein Prosawerk umfasst neben dem inkriminierten Band den Romanerstling «Die Stadt der Akazien» (erst 1935 publiziert), sowie «Frauen» (1933) und «Unfall» (1940), sein anerkanntestes Buch. Zu Ruhm brachte es Sebastian auch als Dramatiker. Die Theaterstücke «Ferien spielen» (1938), «Stern ohne Namen» (1944), geschrieben während der faschistischen Diktatur in einem Versteck und veröffentlicht 1943 unter einem Decknamen, sowie das 1946 post mortem erschienene Drama «Letzte Ausgabe» haben Aufführungen auch ausserhalb Rumäniens erlebt, und sie stehen heute noch auf dem Programm rumänischer Theaterbühnen. Zudem macht das feuilletonistische Schaffen Sebastians einen beachtlichen Teil seines Gesamtwerks aus.
Josef Hechter, geboren in der Donau-Hafenstadt Braila, entstammt einer jüdischen Familie. Mit seinem Abitur erregt er die Aufmerksamkeit des Bukarester Universitätsprofessors Nae Ionescu und wird als Student der Jurisprudenz und dann der Architektur einer der ihm nahestehenden Schüler. Mit Ionescus Hilfe gelangt Hechter 1927 in die Redaktion der Zeitung «Das Wort», bleibt aber stets Mitarbeiter anderer wichtiger Periodika. Der von den jungen Intellektuellen der dreissiger Jahre Mircea Eliade, Constantin Noica, Emil Cioran, Mircea Vulcanescu bewunderte Ionescu entwickelt sich immer stärker zum Theoretiker des extremen Nationalismus. Als in Rumänien die Rassengesetze ins kulturelle Leben einzugreifen beginnen, versiegen für Sebastian die publizistischen Kanäle. Seine erst kürzlich veröffentlichten Tagebücher belegen, dass viele Menschen, auch literarische Freunde, ihn damals im Stich liessen. Als früherer Mitarbeiter von «Reporter», einem marxistischen Organ, findet Sebastian während des Krieges den Kontakt zu kommunistischen Kreisen. Nach der Wende vom 23. August 1944 engagiert er sich im revolutionären Kulturleben, wird aber bald, 1945 und kaum 38jährig, auf dem Weg zu einem Vortrag über Balzac an der neuen Arbeiter-Universität, Opfer eines Verkehrsunfalls.
Der Roman «Seit zweitausend Jahren», dessen Anfang die antisemitischen Unruhen an der Bukarester Universität in den Jahren 1922/23 beschreibt, ist im Hinblick auf die sozialhistorischen und kulturellen Folgen des Ersten Weltkriegs zu begreifen. Rumänien erfährt auf Grund des Vertrags von Trianon im Jahr 1920 einen erheblichen Gebiets- und Bevölkerungszuwachs; 30 Prozent der Bevölkerung besteht nun aus Minderheiten. Demokratisierungsbestrebungen, Wirtschaftskrise und das Aufkommen der von Zelea Codreanu gegründeten Legionärsbewegung kennzeichnen diese unruhige Periode. Viele Intellektuelle suchen nach geistigen Identifikationsmustern. Der Antisemitismus wird neben nationalistisch-religiösen und irrationalistischen Lehren zur einflussreichsten Ideologie; sein eifrigster Vertreter ist Nae Ionescu.
Als autobiographisch fundierter Tagebuch-Roman, der das Leiden eines Juden an seinem Judentum schildert, ist «Seit zweitausend Jahren» ein Zeugnis dieser Verunsicherung. Zu den Umständen der Veröffentlichung ist der Einführung und dem Nachwort von Ovid Crohmalniceanus viel Aufschlussreiches zu entnehmen. Sebastian hatte nämlich den unglücklichen Einfall, seinen Mentor Ionescu um ein Vorwort zu bitten, und war schliesslich zu stolz, das Buch ohne dieses drucken zu lassen. Den Antisemitismus auf metaphysischer Basis rechtfertigend, hatte Ionescu in arroganter und skandalöser Weise am Text vorbei argumentiert. Bei seinem Erscheinen löste das Buch einen allgemeinen Aufruhr aus. Es kam zu einer Welle antisemitischer Tiraden in der Rechtspresse, umgekehrt wurde Sebastian von jüdischer Seite vorgeworfen, den Antisemitismus zu rechtfertigen, indem er das den Juden zugefügte Unrecht als Schicksal annehme. Zu seiner Verteidigung veröffentlicht Sebastian ein Jahr später die polemische Nachschrift «Wie ich ein Hooligan wurde», die mit Auszügen aus rumänischen und deutschen Periodika die gegen ihn geführte Hetzkampagne belegt und kommentiert.
Die auf drei Momenten aufgebaute Handlung des Romans schildert in einem ersten Teil die mit den antisemitischen Gewaltakten an der Universität gekoppelte Annäherung des Ich-Erzählers an sein Idol Ghita Blidaru (das Alter ego von Nae Ionescu) und den auf dessen Rat erfolgten Studienwechsel zur Architektur. Ebenfalls auf dessen Vermittlung kommt der Ich-Erzähler im zweiten Teil nach Uioara, auf die Baustelle der amerikanischen Ölgesellschaft Rice, wo er in der kosmopolitisch-toleranten Atmosphäre amerikanischer Ölförderer eine ruhige Zeit erlebt und die Bekanntschaft des Rationalisten Vieru und des lebensfrohen Drontu macht. Im letzten Teil sieht sich der Ich-Erzähler nach der Rückkehr von einem zweijährigen Aufenthalt in Frankreich mit den neuen rechtsextremistischen Manifestationen konfrontiert; es folgt die Abkehr von den einstigen Freunden, der Rückzug auf das Humane und den vermeintlichen Frieden des Augenblicks.
Der Romanheld ist auf der Identitätssuche in einer Gesellschaft, die ihn ablehnt, der er sich aber durch Sprache und Bildung, Herkunft und Arbeit zugehörig fühlt. Er bekennt sich zum Judentum, hält aber zu allen gesellschaftlichen Gruppierungen Distanz. Seine Leiden und seine Einsamkeit erscheinen komplex motiviert. Die Heimat entzieht sich ihm von aussen wie von innen her, andererseits ist er unfähig, das Risiko des Kampfes auf sich zu nehmen. Das Verharren in diesem unlösbaren, im Roman in unterschiedlichen sozialpolitischen Spannungsfeldern geschilderten Zustand veranlasste Nae Ionescu, in seinem Vorwort zynisch zu deklarieren: der Jude leidet, er muss leiden und wird bis zum Ende der Welt leiden, weil er den Messias in Christus nicht erkannt hat.
Sebastian gelingt es in seinem psychologisch wie sprachlich hoch nuancierten Text, die geistige Atmosphäre seiner Zeit präzise zu vergegenwärtigen. Er lässt leidenschaftliche, aber auch sensible Menschen sich äussern, von denen einige als Persönlichkeiten des Bukarester Kulturlebens einsichtig gemacht sind (so ist etwa in Vieru der Schriftsteller Camil Petrescu zu erkennen). Die Verhaltensweisen der Juden werden in etwas allzu schematisch umrissenen Typen festgehalten: im Zionisten (Sami Winkler), Marxisten (S. T. Haim) und jiddischen Traditionalisten (der Buchhändler Abraham Sulitzer). Dargestellt wird der auf die orthodox-jüdische Tradition sich besinnende, aber auch der zur Assimilation neigende, weltoffene Zweig der eigenen Familie, dem sich der Ich-Erzähler enger verbunden fühlt.
Das Nationale und das Religiöse bleiben unvereinbar. In tragischer Weise scheitert das Bemühen des Ich-Erzählers nach Selbstfindung, aber auch die Identifikationsversuche der anderen jüdischen Protagonisten gehen fehl: Pierre Dogany, der auf die ungarische Sprache und Kultur setzt, erlebt auf der Budapester Universität dieselbe Verfolgung wie in Rumänien, und Sami Winkler emigriert nach Haifa. Der Revolutionär Pârlea lässt seinen fanatischen Aktionismus in den Judenhass münden.
Ohne die Leistung des Herausgebers und Übersetzers Daniel Rhein schmälern zu wollen, der eine Dokumentation über die Hintergründe des rumänischen Antisemitismus sowie bibliographische Angaben zu Leben und Werk Sebastians im Anhang liefert, soll vermerkt sein, dass das in jeder Hinsicht interessante Buch eine sorgfältigere Übersetzung und ein aufmerksameres Lektorat verdient hätte.
Julia Schiff