Vorweg gesag: Ich arbeite seit mehr als 30 Jahren in der Eingriffsverwaltung, wenn auch in einer anderen Behörde. Und ich kenne auch Chorweiler, war dort selbst sechs Jahre lang Ermittlungsdienstleiter. Und ich gehöre ebenfalls zu schreibenden Zunft, meine zwei Romane werden - obwohl sie sich eher schlecht verkaufen- im Schulunterricht durchgenommen bzw. finden sich in NRW- Schulbüchern wieder. Von daher glaube ich, mitreden zu können.
Ich kann diese Höchstbewertungen nicht nachvollziehen, denn dieses Buch gehört mit Sicherheit nicht zur Weltliteratur. Aber noch weniger nachvollziehen kann ich diese Vorwürfe der Ein-Sterne-Rezension.
Wie ein Fotograf bereits bei der Festelegung des Bildausschnittes die Wahrheit verfälscht, quasi verfälschen muss, weil nicht alles in das Bild passt, so muss sich auch der Schreibende auf einen Ausschnitt beschränken. Er ist beschränkt durch seinen Standpunkt. Er schreibt, wenn er wie hier nahe der Realität bleibt und aus der persönlichen Perspektive berichtet, hauptsächlich über die Dinge, die er erlebt oder erfahren hat. Er wählt aus, über was er schreibt. Er muss auswählen, denn den Leser interessiert nicht jeder Toilettengang und jeder Dialog und jede Vorschrift und jede Kleinigkeit und erst recht nicht jede Geschichte. Und von daher mag ein Insider, der auch die langweiligen Seiten des Polizeialltags kennt, diese Zusammenstellung der persönlichen Highlights von Frau Binder als "völlig übertriebene und unreelle Darstellung unseres Polizeialltages" ansehen. Aber alles andere wäre so langweilig, dass das Buch keiner kaufen würde.
Weiter heißt es in der Ein-Sterne-Rezension der "unbekannten Kollegin": "Frau Binder scheint in ihrer kurzen Dienstzeit nicht nur schon alles erlebt zu haben, nein, auch ist sie immer die entscheidende Schlüsselfigur ..."
Wenn Frau Binder ihre Geschichten schildert, aus ihrer Erzählperspektive, dann ist sie automatisch Mittelpunkt, 'Schlüsselfigur', oder spielt zumindest eine entscheidende Rolle. Erst dadurch wirkt das ganze realistisch, kann vom Lesenden gut nachvollzogen werden und verkauft sich gut.
Kurz gesagt: Ein Autor wird niemals die ganze Wahrheit und erst recht nicht alle Wahrheiten wiedergeben können. Fr. Binder kommt ihr aber ziemlich nahe, fast jeden von ihr geschilderten Fall habe ich auch schon ähnlich erlebt. Das Buch hat den einen Stern und die fünf Sterne nicht verdient. Es sind gute, realistische Storys mit etwas Schulaufsatzcharakter. Von daher: Realistische gute drei Sterne.