Wer heilt? Was heilt? Wer darf heilen? Was hat Heilen mit Macht zu tun? Wann und wie wird Macht missbraucht und schadet somit den Heilsuchenden? Rotraud A. Perner, Professorin und langjährige Psychotherapeutin in eigener Praxis in Wien, geht differenziert ans Werk: Verstrickungen und Abhängigkeit schaffende Mechanismen werden subtil entflochten. Anhand vieler, anscheinend alltäglicher, oft berührender Beispiele legt sie überzeugend und umfassend die verschiedenen Ebenen und Formen des Machtmissbrauchs dar. Sie zeigt dessen Ursachen und macht Vorschläge, wie Machtmissbrauch vermieden werden kann.
Neben ihrem wissenschaftlichen Ansatz outet die Therapeutin sich mit einer selbstverständlichen, niemals aufgesetzten Haltung zu spirituellen Sicht- und Heilweisen, und als Tiefenpsychologin schöpft sie beim Thema Gott und Spiritualität aus dem Vollen: So schlägt sie zum Beispiel vor "in Energie zu denken" und bezieht sich dabei auf Orgon-Energie, Chi, Bio-Energie, Prana, Licht, bioplasmische Energie, odische Kraft, Mana, Munia und ähnliches. "Man sieht den oder die andere plötzlich nicht nur mit dem oberflächlichen Blick, sondern mit dem Herzen. Diese Herzöffnung hilft, den oder das andere in sich aufzunehmen. Dann hat man es in sich: Gedanken, Gefühle ' oder einen bestimmten Geist, einen Spirit."
Sein wie Gott ist ein wissenschaftlich fundiertes, reichhaltiges Buch, geschrieben - auch - mit dem Herzen. Wie Jakob Böschs Werk Spirituelles Heilen und Schulmedizin ist dieses Buch informativ, provokativ und zukunftsweisend in dem Sinne, dass hier nicht bloss Therapeuten aus der westlich-schulmedizinischen Ecke ein Alleinrecht aufs Heilen haben, sondern dass Heilende verschiedener Schulen oder Richtungen Platz haben - sofern sie ihre Macht nicht missbrauchen. Ein aufklärendes Buch für neugierige Heil- und Hilfesuchende, aber mindestens genauso wichtig für Praktizierende in Heilerberufen, die helfen wollen, Missbräuche zu vermeiden.
Rébecca Kunz