Irgendwie merkwürdig, als Leseratte noch nie etwas von Danielle Steel gehört zu haben. Denn mit 600 Millionen verkaufter Bücher gehört sie weltweit zu den meist gelesenen Autorinnen. Und nun las ich ein Buch von ihr in einem Zug durch. Allerdings eines, das auch meine Biographie betrifft. Denn in "Sein strahlendes Lächeln" verarbeitet Danielle Steel den Selbstmord ihres Sohnes Nick. Und da auch ich meine Tochter verlor, interessierte es mich, wie eine Schriftstellerin über diese Unglaublichkeit des Schicksals schreibt. Ob sie das in einem anderen Stil angeht als in ihren Bestsellern, kann ich nicht beurteilen. Aber nachdem ich das Buch beiseite legte, hatte ich das Gefühl, sie habe diese Geschichte aufschreiben müssen, um zu gesunden, zu heilen, zu leben.
Weshalb ihr Sohn in der Welt und zu Hause so aneckte, wusste Danielle Steel jahrelang nicht. Erst als er fünfzehn war, stand die Diagnose fest. Und die Mitteilung des Arztes, dass ihr Kind manisch-depressiv sei und ADHS-Syndrome aufweise, war Erleichterung und Erschütterung zugleich. Ich kenne das Gefühl. Man ist froh, dass der unbekannte Feind endlich einen Namen hat und gleichzeitig verzweifelt, den Feind wohl nie besiegen zu können. Zumindest nicht ohne Medikamente und fremde Hilfe. Und kaum ist die Diagnose gestellt, tauchen die Schuldfragen auf. Hätte man die Vergangenheit anders gestalten können? Suchte man an den falschen Orten nach Hilfen? Ist man selber zu schwach, um den noch Schwächeren zu helfen? Kaum hat man eine Antwort, tauchen neue Fragen auf. Nicht zuletzt die, wie man einer verständnislosen Umwelt das nicht zu Verstehende beibringen kann. Schliesslich gibt es ja noch Moralapostel und religiöse Fundamentalisten, die alles dem Schicksal zuschreiben, Medikamente als Werkzeuge des Teufels betrachten und mit ihren guten Ratschlägen nicht zurückhalten. Auch davon spricht die Autorin.
Im Mittelpunkt der Geschichte stehen aber nicht Schuldzuweisungen und Jammern, sondern die vielfältigen Formen der Liebe. Und zwar nicht in den verklärenden Varianten eines Dreigroschenromans. Wie weit kann unbedingte Annahme gehen? Wo beginnt die Erschöpfung? Wie holt man das eigene Kind aus seiner Verzweiflung und Einsamkeit? Wo muss man dem Schicksal seinen Gang lassen? Wen darf man mit der eigenen Verlassenheit belasten? Und wie lernt man die Kunst des Loslassens? In diesem Buch geht es um existenzielle Fragen, auf die auch Geld keine Antwort zu geben weiss. Denn nachdem Danielle Steel mit ihren Romanen weltweiten Erfolg hatte, standen ihr sämtliche finanziellen Möglichkeiten zur Verfügung. Wie gering diese Hilfen sind, wird durch diese Lebensgeschichte ebenfalls klar. Was ausgelassen wurde, ist der Einfluss eines solchen Schicksals auf die eigene Beziehung. Woran die Ehen von Danielle Steel scheitern, wird nur angetönt oder umschifft. Das ist zwar schade, aber verständlich.
Mein Fazit: Sein Kind zu verlieren, mit dessen manischer Depression umzugehen und trotz aller Schwierigkeiten den Lebensmut nicht zu verlieren, gehört zu den ganz schwierigen Aufgaben. Wie das die vielen unbekannten Mütter und Väter schaffen, interessiert in der Regel wenig. Wenn aber eine weltweit bekannte Schriftstellerin darüber schreibt, wächst vielleicht das Bewusstsein, dass die meisten Lebensratgeber herzlich wenig nützen, Medikamente für Betroffene oft ein Segen sind und unsere Vorstellungen von Normalität oft Teil des Problems werden. Ein liebevolles Buch über die Liebe, das Schicksal und den Tod.