Als Ernst Lubitsch seinen heute bekanntesten Film drehte, waren die unvorstellbaren Verbrechen des Regimes der Nationalsozialisten noch nicht weltweit bekannt, erst nach dem Krieg wurde das ganze Ausmaß des Grauens, das die Nazis über die Welt gebracht hatten, offenbar. So erklärt sich die Leichtigkeit mit denen die NS - Unterdrücker lächerlich gemacht werden und bis heute gilt "Sein oder Nichtsein" neben Chaplins "Der große Diktator" als hervorragendes Beispiel eines antifaschistischen Propagandafilms, der zum ewigen Klassiker wurde.
Als der Film entstand, hatten Hitlers Armeen fast ganz Europa überrannt oder in Bündnisse gezwungen, nur Großbritannien und nationale Widerstandsgruppen boten den Deutschen die Stirn, die Wehrmacht stand an mehreren Fronten im Krieg und war bereits tief in die UdSSR eingedrungen, wo der Vormarsch erst Ende 1942 in Stalingrad steckenbleiben sollte. Genau wie im Deutschen Reich wurden auch in den USA zahlreiche Propagandafilme zur Unterstützung der Kampfmoral und um den Feind zu dämonisieren oder lächerlich zu machen produziert.
"Sein oder Nichtsein" sollte ein Propagandafilm zur Unterstützung des polnischen Widerstands sein, es wurde eine der brillantesten Komödien aller Zeiten und eine bissige Abrechnung mit dem Nazireich. Die Handlung spielt in Warschau im Jahr 1939, am polnischen Nationaltheater wird eine Komödie mit dem Titel "Gestapo" geprobt, doch die bedrohliche Situation führt zur Absetzung des Stückes und nun wird der politisch unbedenkliche "Hamlet" gegeben. Stars des Ensembles sind das Ehepaar Joseph (brillant als eitler, aber liebenswerter Fatzke, der alle Schwächen in sich vereinigt, die ein Schauspieler nur haben kann: Jack Benny) und Maria Tura (die bezaubernde Carole Lombard, die kurz vor der Uraufführung des Films mit nur 33 Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam). Die flatterhafte Maria wird von dem jungen Fliegerleutnant Sobinski (Robert Stack) umworben, was zu einem herrlichen Running Gag führt. Kaum steht Joseph Tura als Hamlet auf der Bühne und beginnt den "Sein oder Nichtsein" - Monolog, steht Sobinski auf und verläßt den Zuschauerraum zum Stelldichein, worauf Tura prompt hängenbleibt. Auch gibt es hier wieder den berühmten "Lubitsch - Touch" zu bewundern: Es bleibt der Phantasie des Zuschauers überlassen, wie weit das Techtelmechtel zwischen Maria Tura und Sobinksi geht. Mitten in diese Situation platzt die Nachricht vom deutschen Einmarsch, das Theater wird geschlossen, das Ensemble zerstreut sich und Sobinski flieht zur polnischen Fliegerstaffel bei der Royal Air Force. Nun formiert sich in England und Polen selbst der Widerstand, einem Verräter und Spitzel der Gestapo muß das Handwerk gelegt werden, dazu (und natürlich, um Maria wiederzusehen) wagt sich Sobinski mitten in die Höhle des Löwen, das zerstreute Ensemble wird wieder vereinigt, Joseph Tura spielt mehr oder weniger freiwillig die Rolle seines Lebens und es wird in zahlreichen irrwitzigen und gefährlichen Situationen dem scheinbar übermächtigen Feind, verkörpert durch den Kommandanten der Gestapo, "Konzentrationslager - Erhardt" (ein schauspielerisches Meisterstück von Sig Rugman, der es schafft, Gefährlichkeit und Trotteligkeit zu vereinen) immer wieder ein Schnippchen geschlagen.
"Sein oder Nichtsein" zählt absolut zu den ganz großen Klassikern der Filmgeschichte den man getrost in eine Reihe mit Filmen wie "Citizen Kane", "Der Pate" oder "Casablanca" stellen kann. Nicht nur die Handlung ist ungeheuer vielschichtig und verliert auch bei der verrücktesten Situation nicht eine gewisse Glaubwürdigkeit, es gibt hier auch eine großartige Ensembleleistung (es gibt kaum etwas Besseres, als wenn Schauspieler Schauspieler spielen) und einen nahezu unerschöpflichen Schatz an Filmzitaten (Joseph Tura: "Sie kennen doch bestimmt diesen hervorragenden Schauspieler Joseph Tura?" - Erhardt: "Oh ja, den kenne ich, den hab ich vor dem Krieg in Warschau gesehen. Wissen Sie, was der mit Shakespeare gemacht hat, das machen wir jetzt mit Polen.") zu bewundern.
Die DVD - Ausgabe liefert den Film in bester Bild - und Tonqalität, so daß man ihm sein stolzes Alter fast gar nicht mehr anmerkt, die Tonspuren wurden restauriert (nebenbei bemerkt: "Sein oder Nichtsein" ist ein Musterbeispiel für eine rundum gelungene deutsche Synchronisation), also ein reiner Genuß ohne Knarzen und Rauschen.
Einziger Kritikpunkt: Es gibt leider kaum Extras, außer ein paar Trailer und eine recht magere Dokumentation über Ernst Lubitsch.
Das schmälert allerdings den Gesamteindruck kaum, "Sein oder Nichtsein" ist ein Juwel in jeder Filmsammlung.