Sein oder Nichtsein (Lubitsch, 1940), Ein Lied von Liebe und Tod (Schübel, 1999)
Eine amüsante amerikanische schwarz-weiß Komödie von 1940 und eine berührend farbige deutsch-ungarische Koproduktion aus dem Jahr 1999: beide Filme sprengen als grandiose, ästhetisch perfekt auskalkulierte Balanceakte zwischen Leichtigkeit und schwarzen Humor, Lebensgenuß trotz Todesgefahr, mit ihren intelligenten, überraschenden Pointen und ihrem politisch-geschichtlichen Hintergrund die Grenzen der Genres.
Auch sonst haben sie viele Motive gemeinsam:
1. Die Zeit - beide spielen Ende der dreißiger Jahre und zugleich in der Gegenwart (ihres Drehens), was bei Schübels Film durch den fast sechs Jahrzehnte versetzten, die Handlung erst abschließenden Rahmen möglich wird.
2. Der Ort, Polen bzw. das Warschauer Theater im einen, Ungarn bzw. das Budapester Restaurant "Szabo" im anderen Film - in beiden Städten erscheint die friedliche Lebenssituationen ihrer Bewohner zunehmend vom Einmarsch der Deutschen bedroht.
3. In beiden Filmen treffen wir auf dieselbe Figurenkonstellation - im utopischen Kern eine emotional bewegliche erotische Dreierkonstellation im künstlerischen Milieu: sehr schöne Frau - hier die blonde Schauspielerin Maria Tura, dort die brünette Sängerin Ilona - lebt ihre Liebe zu zwei Männern, die ihrerseits einander trotz Eifersucht achtungsvoll und freundschaftlich verbunden sind. Als echt lebensbedrohliches Problem tritt erst die dritte Männerfigur hinzu, der Nazideutsche, roh, sentimentalisch und verblendet, gegen den es also in beiden Filmen solidarisch zu gewinnen gilt.
4. Der bereits in den Titeln beschworene künstlerische Hintergrund gibt beiden Filmen die Möglichkeit zum facettenreich abgründigen Spiel mit Fiktion und Realität. In "Sein oder Nichtsein" wird dieser durch das Theaterspiel gebildet, verdichtet im Leitmotiv der Hamletmonologrezitationen des narzisstischen Ehemanns von Maria, Joseph Tura. Das "Lied von Liebe und Tod" verdichtet sich in der doppelten Ambivalenz der Leitmotive Kochkunst und Musik: herrlich die "Rollfleischszene", in welcher - in der Vorphase der nationalsozialistischen Okkupation - der jüdische Restaurantbesitzer Lázló Szabo und Freund Ilonas den Deutschen Eberhard Wieck durch Evokation der Zubereitung von dessen Lieblingsgericht aus seiner durch das Lied des Restaurantpianisten Andras herauf beschworenen Liebesdepression rettet und damit ästhetisch dezent bereits die Schlusspointe vorbereitet! Das in der Realität 1932 von dem ungarischen Komponisten Reszo Seres aus der Situation eines persönlichen Liebesdramas heraus kreierte melancholisch magische Lied "Gloomy sunday" avancierte in der Tat zum "Selbstmörderlied".
5. Die raffinierte Gestaltung von Pointen - die immanente Filmlogik ist stets um eins bis zwei schlauer, als es der Zuschauer erwartet - ist Lubitschs Stärke. Aber Schübel steht ihm nicht nach. Und wider größte auftauchende Bedenken werden in beiden Filmen nicht nur Verstand und Herz, sondern zuletzt auch das Gerechtigkeitsempfinden vollends befriedigt.
Aufgrund dieser vielen Ähnlichkeiten kann man beide Filme auch wunderbar direkt hintereinander ansehen, allerdings in der Reihenfolge: erst "Sein oder Nichtsein", dann "Ein Lied von Liebe und Tod", da man sich mit dem zweiten Film emotional sehr identifiziert, während man den ersten eher analytisch, als amüsierter Beobachter, genießt.