Aus der Amazon.de-Redaktion
Einen solchen Eklat hatte es im Auswärtigen Amt bis dahin noch nicht gegeben: Nachdem Außenminister Joschka Fischer einem verstorbenen Diplomaten aufgrund dessen Nazi-Vergangenheit ein "ehrendes Gedenken" im amtsinternen Mitteilungsblatt verwehrt hatte, schalteten 128 ehemalige Diplomaten ein ganzseitiges, namentlich gezeichnetes Zeitungsinserat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung "in memoriam Franz Krapf". Darin versicherten sie dem Botschafter a. D. (und früheren SS- und SD-Mann) ihr ganz persönliches, ehrendes Andenken. Dafür, lautet unser Fazit aus dem hier angezeigten Buch, sollten sie sich schämen!
Die Untersuchung, in der Döschner die Ergebnisse seiner früherer, seit längerem vergriffenen Studien Das Auswärtige Amt im Dritten Reich und Verschworene Gesellschaft aktualisiert zusammenführt, rekonstruiert akribisch recherchiert die personalpolitische Tradition des Auswärtigen Amtes auf der Grundlage einer Vielzahl von Quellen, die teils erst seit kurzem zugänglich sind. Die referierten Tatbestände lassen die Ungeheuerlichkeit der jüngsten Verwerfungen zwischen dem Minister und (ehemaligen) Mitarbeitern des Auswärtigen Dienstes in grellstem Licht erscheinen. "Da sich die Bundesrepublik Deutschland aus der Überwindung und Negation des nationalsozialistischen Unrechtsstaats legitimiert", schreibt Döscher mit Blick auf den Fall Krapf, "zeugt das Verlangen nach ehrendem Gedenken für einen ehemaligen SS-Führer im Jahre 2005 von bemerkenswerter Indolenz". Krapfs Nazi-Vergangenheit ist dabei leider kein Einzelfall: Ganze Seilschaften von Ex-Nazis waren nach dem Zweiten Weltkrieg am Aufbau des AA in Bonn beteiligt. Und auch mit der Legende von der angeblich "unpolitischen Behörde", die das Amt während der Zeit des Dritten Reiches gewesen sein soll, räumt der Autor auf.
Ein Buch, auf dessen Lektüre jeder einzelne Mitarbeiter des diplomatischen Corps verpflichtet werden sollte! --Andreas Vierecke
Pressestimmen
»Bloß keine Außenseiter. Eine widerliche Symbiose von Nazis und Diplomaten: Hans Jürgen Döscher berichtet über Seilschaften im Auswärtigen Amt...Döschers Bilanz spiegelt ein prekäres und typisches Stück bundesdeutscher Geschichte.« Klaus Naumann, Literaturen 10/2005 »Auswärtiges Amt. Braune Flecken, weiße Westen. ...die wahrscheinlich skurrilste Sachbuchvorstellung des Jahres 2005. Gut eine Stunde lang hat Döscher vielleicht 70 Zuhörern vorgetragen, wie in der Adenauer-Zeit manche Aspiranten für den diplomatischen Dienst vorgingen und ihre Rolle im Dritten Reich beschönigten, um wieder an einen Posten zu kommen.« Damir Fras und Holger Schmale, Berliner Zeitung »Hitlers Schatten im Auswärtigen Amt. ...Der Osnabrücker Zeithistoriker Hans-Jürgen Döscher legt nun eine aktualisierte Fassung früherer Bücher vor, aus der klar hervorgeht, dass die Neukonstituierung des Auswärtigen Amts nach 1949 keineswegs so demokratisch ablief wie kolportiert. Penibel und fundiert zeichnet er an individuellen Fallstudien und an einzelnen Personen nach, wie Diplomaten sich vor 1945 schuldig gemacht hatten, dies nach 1945 abstritten und verschleierten, sich gegenseitig Persilscheine ausstellten, Seilschaften bildeten und wieder Karriere machten...« Rheinischer Merkur, »Die profunde Sachkenntnis des Autors sowie eine deutliche Sprache ermöglichen dem Leser spannende Einblicke in das filigrane Geflecht einer verschworenen Gesellschaft, die in den Jahren des Aufbaus der Bundesrepublik das Auswärtige Amt als ihren Erbhof betrachtete und oftmals mehr durch Anpassungsfähigkeit als durch Professionalität auffiel.« Ralf Balke, Handelsblatt »In den Personalakten schlummert noch manch heikle Verschlusssache, behauptet der Zeitgeschichtler Döscher... Umso notwendiger ist die Lektüre seiner Seilschaften als beklemmendes Beispiel für falsch verstandene Solidarität, Berufsarroganz und trüben Korpsgeist.« Olaf Ihlau, Spiegel special »Döschers Buch ist wissenschaftlich fundiert. Der geschickte Aufbau, die Zitate aus Verhören, Zeugenbefragungen und Zeitungsartikeln und immer wieder eingebaute kleine Anekdoten machen es jedoch auch für den historischen Laien gut lesbar.« Annette Wilmes, Deutschlandradio Kultur
Kurzbeschreibung
Hans-Jürgen Döscher hat als erster Historiker die geheimen oder vertraulichen Protokolle früherer Untersuchungsausschüsse zu personalpolitischen Mißständen im Auswärtigen Amt eingesehen, deren Glaubwürdigkeit in deutschen und amerikanischen Archiven quellenkritisch überprüft und die Grenzen parlamentarischer Kontrolle aufgezeigt. Seine Befunde werfen ein neues Licht auf die nationalsozialistische Vergangenheit und personelle Kontinuität im Außenamt sowie auf die von Seilschaften und Cliquen geübte fragwürdige Kumpanei mit belasteten Diplomaten.
Über den Autor
Hans-Jürgen Döscher, geboren 1943 in Eberswalde bei Berlin, ist Studiendirektor und Lehrbeauftragter für Neuere Geschichte an der Universität Osnabrück. Es wurden zahlreiche zeitgeschichtliche Publikationen von ihm veröffentlicht, darunter die beiden Standardwerke zum Auswärtigen Amt "Das Auswärtige Amt im Dritten Reich" und "Verschworene Gesellschaft".