Die Autorin tanzt als Ethnologien und Religionswissenschaftlerin sowie dabei auch gleichzeitig selbst Praktizierende des Seidr auf beeindruckende Weise zwischen akademischer Welt und derer der aktiven Anhänger. Da es kaum Literatur über Seidr gibt ist es eine Fundgrube für beide Interessentengruppen. Seidr kam erst in den letzten Jahren ins Bewusstsein der Öffentlichkeit und gilt als effektive geheimnisumrankte ekstatische Magiepraxis. Jenny Blair stellt klar, dass das, was sich gerade neu als Tradition etabliert, nicht als das Seidr vergangener Zeiten verstanden werden kann. Die lückenhaften unvollständigen Fragmente aus den nordischen Sagas und der Edda reichen nicht aus um Seidr zu rekonstruieren. Die Anknüpfung war allerdings ausreichend genug dafür, dass sich innerhalb der „neoschamanischen" Szene etwas sehr fundiertes neu entwickeln konnte. Es gab da keine „Meisterschamanen", die Seidr lehrten, sondern Interessierte, die ihr Wissen und ihre Erfahrungen austauschten. Den großen Erfolg konnte diese neue magische Bewegung wohl verzeichnen, weil sie vom Ursprung her als „Frauenmagie" galt und deswegen in den eher patriarchalisch geprägten Asatru-Heidenkreisen eine Lücke füllte. Natürlich sind in Seidr Männer nicht ausgeschlossen, wie z.B. auch in Wicca bezieht sich Frauenmagie mehr auf eine weibliche Herangehensweise als auf das primäre Geschlecht des Ausübenden. Ganz grob könnte man sagen, dass in heutiger Zeit überall solch „harte" Wikingergruppen entstanden mit kämpfenden Kriegern und dann die Frauen dort nach etwas anderem suchten und eine eigene Magie etablierten. Deswegen wird selbst in diesen Kreisen von den Männern das Seidr argwöhnisch beobachtet. Man hat wie überall in patriarchalischen Systemen im Grunde Angst vor der Frau und deren weiblichen „empfänglich" sexuellen Aktivitäten und magische Geschlechtspraktiken beunruhigen. Wikinger-Männer wissen nicht, was ihre Frauen tun, während sie damit beschäftigt sind, „Wikinger zu spielen". Die Männer haben ihre athletischen Wettstreite, die Frauen betreiben jedoch Magie. Immer mehr Männer interessieren sich allerdings auch für diese neu-alte Tradition und werden in den nordischen Asatru-Szenen deswegen ebenso misstrauisch beäugt wie die Frauen. Seidr ist fürs Patriarchat eine problematische, gefährliche Sache. Als Seherin kann man noch romantisiert werden, aber Männer die auf weibliche Art beginnen Magie zu betreiben, entsprechen nicht mehr dem Bild des unabhängigen und freien Wikingers. Im Seidr geht man aber das Männliche und Weibliche hinaus und betrachtet es aus übergeordneter neutraler Position. Wie überall im Schamanismus ist die Definition von Sexualität nicht etwas, das zwischen zwei Menschen stattfindet, sondern sich in allen Beziehungen zur Schöpfung (nicht nur in den offenkundig sexuellen) ausdrückt. Aus den alten nordischen Texten wird deutlich, dass Seidr dort eigentlich auch schon aus Verbindungen zum samischen Schamanentum Einkehr in das nordische Religionsleben gefunden hatte. Es ist nichts ungewöhnliches, dass der Neoschamanismus in heutiger Zeit ebenso wieder eine Attraktion für nordische Religionsausübende darstellt.
Der Arun-Verlag hat mit der Veröffentlichung dieses Titels einmal mehr eine gute Wahl getroffen. Dieses Buch liefert das Grundlagenwissen zum aktuellen Stand der Beschäftigung mit einer innovativen Ekstase-Magie, die in kommenden Jahren noch viel an Bedeutung zugewinnen wird.