»Es ist doch nur ein Stück Stoff. Ich bin doch immer noch dieselbe.«
Ein ganz normaler Schultag in Frankfurt. Auf dem Stundenplan steht Gesellschaftslehre. Thema der Stunde 'Das Kopftuch in der Schule ' Ja oder Nein'. Es ist der Tag der hessischen Landtagsdebatte zum Thema Kopftuch bei Lehrerinnen. Canan und Sinem, zwei Türkinnen, diskutieren leidenschaftlich um das brandheiße Thema.
Sinem hatte am vorherigen Wochenende Besuch von ihrer Cousine Belgin, die streng religiös lebt, ein Kopftuch trägt und versucht hat, mit Sinem über den Islam zu reden. Sinem allerdings wächst in einer Familie auf, die nicht sehr religiös lebt, nicht in die Moschee geht und nicht betet. Sie vermutet hinter jedem getragenen Kopftuch einen Zwang, kann nicht verstehen, wie eine Frau sich freiwillig so einengen lässt. Sinem ist durch ihre Verwestlichung voller Vorurteile gegenüber dem Islam und hält uns Europäern so einen Spiegel vor die Augen. Sie vermutet hinter jeder strengeren Ansicht gleich fundamentalistische Strömungen und ist jedem guten Argument gegenüber verschlossen.
Canan trägt schon ewig ihr Kopftuch und verteidigt dies auch, ihr späterer Berufswunsch ist eine Anstellung als Lehrerin. Sinem trägt kein Kopftuch und kann Mädchen und Frauen nicht verstehen, die eines tragen. Dementsprechend emotional fällt die Diskussion aus. Sinem redet sich in Rage und merkt gar nicht mehr, wie verletzend sie wird.
Nach dem Unterreicht irrt Canan zornig und allein durch die Stadt, ist wütend auf ihre Lehrerin, wütend auf die Mitschüler, aber vor allem auf Sinem, die bei der Diskussion gar nicht mehr zu Worte kommen ließ. Ein Disput, der beleidigend und verletzend zugleich war.
»Immer schon musste sie kämpfen. Gegen die anderen, gegen die Verbote der Eltern. Und immer geht es ums Kopftuch, um die Tradition oder um die Schule, nie geht es um sie. Nie! Canan hat ihren eigenen Kopf. Und niemand könnte sie zwingen etwas zu tun, was sie nicht will. Aber wem soll sie das klarmachen? Und wie? Die anderen denken doch sowieso, was sie wollen. Sinem ist die Schlimmste. Diese blöde, blöde Kuh!«
Am nächsten Schultag erscheint Canan nicht zum Unterricht. Sinem, aufgrund ihrer bösen Worte von Schuldgefühlen geplagt, macht sich auf die Suche nach ihr. Dabei landet sie auch in der Moschee, wo Canan zum Koranunterricht geht, und lernt den Islam auf eine ganz andere Art und Weise kennen und vor allem schätzen. Im Koranunterricht lernt sie, dass das Hinterfragen das Wichtigste in ihrer Religion ist.
Aygen-Sibel Celik hat ein wundervolles Buch geschrieben, das wichtige Informationen rund um den Islam bietet, ohne oberlehrerhaft zu wirken. Sie plädiert in ihrem Roman für mehr Toleranz, für Verständnis, aber vor allem für eine respektvolle Diskussion und Aufklärung. Gelungen ist das Buch weil hier zwei Musliminnen 'gegeneinander' antreten. Jede hat ihre Argumente und legt ihren Glauben anders aus. Der Leser fiebert mit, wo Canan steckt, ob in fundamentalistischen Kreisen oder bei einer heimlichen Liebe und erfährt so sehr viel über Vorurteile und Ängste vor dem Fremden.
Das Thema Kopftuchverbot bei Lehrerinnen hat in den letzten Jahren für brisante und langwierige Diskussionen gesorgt. Das Land Hessen ging noch einen Schritt weiter und verbot das Kopftuch für alle Beamtinnen. Im Buch findet man zu dem Thema auch mehrere Hinweise auf weitere Publikationen wie auch den Gesetzesentwurf der hessischen CDU. Ein Glossar erläutert die türkischen oder muslimischen Spezialbegriffe und bietet somit noch viel mehr Hintergrundwissen.
'Seidenhaar' ist ein tolles Jugendbuch für Teenager ab ca. 14 Jahren. Es unterhält, ist sprachlich grandios geschrieben, informiert und regt zum Diskutieren an ' was will man mehr? Aber auch Erwachsene können in diesem Buch noch viel zum Thema Integration erfahren.
Die Autorin Aygen-Sibel Celik hat bereits einige Werke zum Thema 'Darstellung des Fremden in der Kinder ' und Jugenbuchliteratur' veröffentlicht und wurde 2006 für den 'Feuergriffel', das Stadtschreiberstipendium für Kinder- und Jugendliteratur der Stadt Mannheim nominiert. Neben dem Schreiben bietet sie Kindern und Jugendlichen Kurse im Kreativen Schreiben an. Für das Buch 'Seidenhaar' bekam sie das 'Arbeitsstipendium für Schriftsteller 2006 des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst' - völlig zurecht.