Fassbinder stellt für mich in der deutschen Filmgeschichte einen Bruch dar. Er ist bislang der einzige deutsche Filmemacher, der mit so viel Ideenreichtum und Originalität einen ersten Versuch gemacht hat durch die Thematisierung der deutschen Nachkriegsgeschichte nicht nur eine deutsche Selbstfindung voranzutreiben, wie Jean Luc Godard sagt, sondern auch durch filmische Experimente einen typisch deutschen Film zu entwickeln, der zwar nicht frei von Inspiration aber frei von Nachahmung ist.
Darum geht es: Der ehemalige Ufa-Star Veronika Voss befindet sich in einer Berufs- und Lebenskrise. Ihr Stern am Filmhimmel scheint, nach großen Erfolgen während der NS-Diktatur, erloschen, nur noch selten kann sie sich Hauptrollen verschaffen. Die bittere Einsicht, dass ihre Karriere am Ende angelangt ist, zerstört sie. "Zuflucht" verschafft sie sich in der Nervenheilpraxis von Dr. Katz, die sie mit Morphium gezielt willenlos macht. Ihre Begegnung mit dem Sportredakteur Robert Krohn hat indes Folgen. Seit seiner Begegnung mit der verstörten und verzweifelten Veronika Voss, geht sie ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er macht sich auf die Suche nach den Ursachen für Veronikas Schutzlosigkeit und ihre Anfälle. Zwar findet er heraus, dass Dr. Katz ihre morphiumabhänginge Patientin als Geisel hält und sie ihr Vermögen beansprucht, aber helfen kann Krohn nicht mehr. Zwischen Veronika Voss und Dr. Katz herrscht schon lange kein "Katz und Maus Spiel" mehr. Sie hat die Voss schon lange im Beutegriff und hält sie auf sadonische Weise am Leben. Das Glück, das ihr durch die Drogen zuteil wird, ist kurzlebig und eine ersehnte Illusion. Die Praxis von Dr Katz ist weiß wie die Tabletten, blendend hell und steril, sogar psychedelisch, beinahe erscheint die Praxis wie ein Puppenhaus, ein Spielzeug, eine Einbildung, wie ein falscher Himmel, in dem sich Veronika sicher fühlt. Dr. Katz entkommt Krohns "Ermittlungen", er kann ihr nichts nachweisen. Am Ende werden die "Sieger" zynisch beim Festessen gefilmt.
Die Dramaturgie gelingt hervorragend durch den Wechsel von hell und dunkel, schwarz und weiß in den Szenen. Besonders die Kamera trägt zu besonderen Bildgenüssen bei. Die Schauspieler spielen um die Wette. Veronikas Abgang, eingeschlossen in einem Nebenzimmer der Praxis, wird kontrastiert durch Rückblenden an den Abschiedsfeier am Abend zuvor: Realität oder Halluzination? Auch am Anfang des Films im Kino stellt sich diese Frage: Inwieweit zeigt der Kinofilm, den Veronika sich anschaut und in dem sie selber mitspielt, ihre Wirklichkeit? Wahrheit oder Fiktion? Ein toller Einfall zum Thema "Film".
Hochinteressant ist der Film als Beitrag zur deutschen Nachkriegsgeschichte. Wirtschaftswunder und Wiederaufbau als Abhängigkeit (von den Siegermächten; In Dr. Katz Praxis befindet sich auch ein US-Soldat). Wird mit dem Vertrauen nur gespielt? Es gibt eine Vielzahl von Abhängigkeiten im Film: Veronika und Dr.Katz, Krohn und Veronika, Krohn und seine Freundin, etc. Dr. Katz schlägt aus den Sehnsüchten der Opfer von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit Profit. Ist Glück nur in der Abhängigkeit möglich? Im Film wimmelt es von kleinen "Vorzeichen", z.B. richtet sich die Kamera in einer Szene mit imaginärem Fingerzeig auf ein Halteschild einer S-Bahn Station, auf dem erst übergroß das Wort "GEISEL-" ins Bild gerückt wird. Bezeichnenderweise ist Krohn nicht nur Hobby-Kriminologe , sondern auch Sportredakteur. Im Film wird er zu einem Korrespondenten eines sportähnlichen Spieles zwischen Dr. Katz und ihren Opfern. "Weder Sieg noch Niederlagen" habe er seit langem erlebt erzählt er Veronika bei einem Treffen. Am Ende des Films wird er Zeuge einer Niederlage. Doch aufzugeben scheint er dennoch nicht: "Fahren sie mich zum Stadion" weist er einen Taxi-Fahrer an, also auf zu einem neuen Spiel.