rechtzeitig zum 150. Geburtstag von Sigmund Freud am 6. Mai
Sigmund Freud als intellektuell-ideologisches Referenzsystem hat noch lange nicht ausgedient, auch wenn Woody Allen kaum noch von Freud redet. Die Psychoanalyse als renommierteste Therapieform wird heute von allen Krankenkassen finanziert, meistens sind dies ca. 300 Sitzungen zu 65 bis 90,-€. Der hinter der Couch sitzender schweigende Therapeut ist keineswegs ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert, möge er sich auch auf einen der Nachfolger Sigmund Freuds beziehen. In den meisten Therapiezimmern ist über einer mit verstaubten Wandteppichen umrahmten Couch ein Bild von Sigmund Freud aufgehängt.
Psychoanalysekritik hat nichts von ihrer Aktualität verloren. Der 150. Geburtstag von Sigmund Freud am 6. Mai 2006 sollte nicht nur dazu genutzt werden, um entweder Hymnen an die Psychoanalyse zu verkünden oder um anderseits die Flexibilität seiner Nachfolger zu rühmen. Es ist auch Zeit, eine objektive Bilanz zu ziehen und die Risiken und Nebenwirkungen der über Jahre andauernden Psychoanalysen nicht mehr zu verschweigen. Bislang wurden Schäden durch Psychotherapien weitgehend tabuisiert und Misserfolge den Patienten angelastet. Die monetären Interessen scheinen gegenüber einer fachlichen Diskussion über Qualitäten zu überwiegen. Psychoanalytisch arbeitende Psychotherapeuten sitzen mittlerweile bei gleichzeitiger Vernachlässigung ihrer Patienten als macht- und geldgierige Scharlatane in den Führungsgremien der Berufsverbände und Kassenärztlichen Vereinigungen.
Die Psychoanalyse, deren Rolle es ist, die Seele von den Wunden der Vergangenheit zu befreien, verfehlt ihre Ziele. Auf diese Erkenntnis kommen viele nach einer mehrjährigen schmerzhaften Psychotherapie. Der Entschluss, eine Psychotherapie zu beginnen, wird meistens durch leidvolle Erfahrungen ausgelöst. Der Betroffene ahnt, dass Änderungen notwendig sind, aber kaum ein Patient hat eine Vorstellung davon, wie schwierig und leidvoll dieser Prozess ist, obwohl der Erfolg keineswegs garantiert ist.
Patient und Therapeut sind im Rahmen der hochfrequenten dreimal wöchentlich stattfindenden Psychoanalyse in einer dyadischen Beziehung aufeinander bezogen, aus der die äußere Realität weitgehend ausgeklammert bleibt. Im Zuge der starken Bindung zum Therapeuten werden andere Beziehungen vernachlässigt oder abgebrochen. Oft werden solche Entwicklungen durch die methodenimmanente unklare Zielsetzung der Psychoanalyse begünstigt. In unendlichen Therapien haben die Beteiligten längst vergessen, weshalb der Patient ursprünglich den Analytiker aufsuchte.
Patienten sind selber schuld, wenn sie das Gute der Therapie nicht hinreichend angenommen haben. Gründe für ein Scheitern auch in der therapeutischen Beziehung zu sehen, also auch ausdrücklich nach der Beteiligung des Therapeuten zu fragen, wird weitestgehend vermieden.
Die wenigen Studien über die Wirkung von Psychotherapieschäden beruhen überwiegend auf den Selbsteinschätzungen der Behandler. Auf zaghaften Fortbildungsveranstaltungen zu diesem Thema werden Psychotherapieschäden heruntergespielt und in Form von Beispielen abweichenden unkonventionellen Behandlungsmethoden zugeschrieben. Vor Evaluationen, in denen Patienten zu Wort kommen, bestehen größte Ängste.
Psychotherapieschäden sollte eine besondere Bedeutung beigemessen werden, weil Patienten gerade am Ort der Hoffnung, an dem sie Heilung erwarten, kaum wieder gut zu machendes Leid zugeführt wird, das in der Regel immer zu ihrer persönlichen Geschichte gehören wird.
Die Autorin Marie Faber macht mit ihrem Erfahrungsbericht auf die Risiken und Nebenwirkungen einer analytischen Psychotherapie aufmerksam und stellt die Methode an sich in Frage. Dieser aufwühlende authentische Bericht benennt verschwiegene Gefahren ausgedehnter strapaziöser psychoanalytischer Behandlungsstrecken. Anhand jahrelanger persönlicher Erfahrungen der Autorin werden die ungewollten qualvollen Folgewirkungen auf den Lebensalltag Betroffener menschlich berührend geschildert. Das Geschehen zeigt, dass durch die Psychoanalyse erwachsene Menschen, die im Beruf stehen und funktionierende Beziehungen haben, auf der Suche nach fachmännischer Unterstützung in kindliche Regressionen und Bedürftigkeiten gebracht werden.
„Seelenrisse auf Rezept“ handelt von dem emotionalen Missbrauch der Protagonistin Marie Faber während ihrer Psychotherapie bei einem psychoanalytisch arbeitenden Nervenarzt. In schonungsloser Offenheit berichtet sie über ihre Opferrolle in dieser hierarchischen Machtsituation. Marie Faber sieht in dem Psychotherapeuten, einem hochrangigen Ärztefunktionär, der in vielen berufs- und gesundheitspolitischen Organisationen Ämter und Funktionen innehat, zunehmend eine Vaterfigur, die ihr in der Kindheit fehlte. Als Bestrafung für fehlende Unterwürfigkeit katapultiert er seine Patientin in eine Opferrolle, in der er sie schonungslos misshandeln und ausnutzen kann. Sie erlebte in ihrer Therapie eindeutig negative Therapeuteneigenschaften und -verhaltensweisen wie Kälte und Zwanghaftigkeit, Führen eines ungleichen Machtkampfes, Überarbeitung, mehr Interesse für berufspolitische Ämter als für Patienten. Schließlich eskaliert die Situation und Dr. Bohr lässt sie mit Polizeigewalt aus der Praxis entfernen.
Die Schädigung der Autorin durch ihre Therapie ist kein Einzelfall. Der beschriebene Therapieverlauf entspricht weitgehend einer ganz normalen Psychoanalyse, jedoch mit einem sehr unheilvollen Ende.
Im Fazit gelingt es überzeugend, die Methode an sich in Frage zu stellen und die Stichhaltigkeit der vorgeblichen Motivgeflechte therapeutischer Wort- und Meinungsführer zu erschüttern.
Durch ihre engagierte, sachlich fundierte und zugleich literarisch spannende Aufbereitung des Themas leistet die Autorin mit diesem Buch einen wertvollen ausgewogenen Beitrag in dem aktuellen Diskurs zur Überwindung der immer noch weit verbreiteten Tabuisierung von Psychotherapieschäden.