Lesenswert ist das Buch wohl für alle, die ein grundsätzliches Interesse für die Psychologie, ihre philosophischen, naturwissenschaftlichen und methodischen Grundlagen sowie die menschliche Seite von Psychologie-Professoren mitbringen.
Die Herausgeber haben rund 350 Psychologie-Professoren aus den deutschsprachigen Ländern angeschrieben und sie gebeten, auf maximal zwei Seiten etwas Persönliches darzustellen - etwas, das im Alltagsgeschäft keinen Platz findet, jedoch wesentlich zum speziellen Reiz der Psychologie beiträgt. Dieses Konzept - das bekennen Kämmerer & Funke freimütig - ist übernommen aus dem kürzlich erschienenen Buch „Philosophie à la carte" von Spitzley und Stoecker (2002). 98 Professorinnen und Professoren der Psychologie konnten zu einem kurzen und ganz persönlichen Beitrag bewegt werden. Als ganzes kann man das Buch mit einem bunten Kaleidoskop vergleichen, in dem die grundsätzlichen Positionen in der Psychologie als Wissenschaft, aber oft auch die menschliche Seite von akademisch führenden Psychologen pointiert sichtbar werden.
Das reizvolle und besondere an diesem Buch ist zweifelsohne die Vielfalt der Inhalte und der Formen, die von den 98 Professoren gewählt wurden. Obwohl ich selbst seit ca. 20 Jahren als Psychologe in der Forschung tätig bin, fällt mir auf Anhieb kein vergleichbares Buch ein. Im Gegensatz zu dem schwer verständlichen Fach-Jargon und den hoch differenzierten Statistiken, die in den wissenschaftlichen Fachzeitschriften dominieren, finden sich in dem Buch unter anderem sogar Cartoons, Gedichte und Aphorismen. Da werden die Probleme der Psychologen im Alltag deutlich - unter anderem, wenn „der Psychologe" am Kneipentresen in Ruhe ein Bier trinken will (heißer Tipp: bloß nicht zugeben, dass du Psychologe bist!) oder wenn „die Psychologin" als Mitglied der Bundesregierung wissenschaftlich akzeptierte Ansichten in der Öffentlichkeit anspricht. Neben den Schwierigkeiten mit der Psychologie in Alltag und Umsetzung wird aber auch die Freude am Forschen in der Psychologie deutlich. Da wird gleich neben dem ästhetischen Reiz mathematischer Formeln in der Wahrnehmungspsychologie die Romantik sternklarer Nächte angesprochen; das lustvolle Ping-Pong-Spiel zwischen Theorien und empirischen Daten, das oft mit ausgeklügelten experimentellen Methoden gespielt wird. Gleich daneben finden sich Beiträge, die biologisches, klinisches, philosophisches, soziologisches oder auch einfach menschliches ansprechen. Dabei enthält das bunte Allerlei fast alle Geschmacksrichtungen: süß, sauer, salzig und bitter, die aktuellen Forschungsschwerpunkte in der Psychologie und die „überholten" (die dann vielleicht demnächst anderer Form wiederkommen) ... und ... und ...
In weiten Bereichen der psychologischen und medizinischen Forschung findet man derzeit kaum eine wissenschaftliche Originalarbeit, die nicht mehrere Autoren hat. Ein Kopf reicht derzeit selten für wissenschaftlich akzeptable empirische Studien. Demgegenüber enthält dieses Buch ganz individuelle Beschreibungen, Ansichten und Aussagen in frei gewählter Form - allerdings von Professoren, die mit den Spielregeln der Psychologie als Wissenschaft nachweislich bestens vertraut sind. Auch das trägt zum Reiz der „Seelenlandschaften" bei.