Calder ist ein Seelenhüter, der seit über 300 Jahren die Seelen Sterbender in den Himmel geleitet. Erfüllt von Mitgefühl für die Hinterbliebenen, doch nie zweifelnd hat er seine Aufgabe bisher immer gewissenhaft erfüllt. Doch eines Tages erblickt er eine wunderschöne Frau am Bett eines sterbenden Jungen und spürt eine seltsame Verbindung zu ihr, als würde er sie aus einem früheren Leben kenne. Er verliebt sich augenblicklich in sie und für ihn steht fest: sie muss seine Seelengefährtin sein. Um der Frau den Schmerz zu ersparen, verweigert er dem sterbenden Jungen die Hand, die ihn in den Himmel geleiten soll und zwingt ihn so zum Weiterleben. Fortan kann er die Frau nicht mehr vergessen und als er die Chance erhält, besetzt er den Körper eines Sterbenden, um ihr nahe zu sein. Doch damit verstößt er gegen die uralten Gesetze der Hüter - mit fatalen Folgen...
An manche Bücher geht man mit einer bestimmten Erwartungshaltung heran und muss dann im Verlauf des Buches feststellen, dass diese Erwartung vollkommen über den Haufen geworfen wird. So ist es auch bei "Seelenhüter". Ich fürchte leider, dass viele Leser, die das Buch nur aufgrund des Klappentextes gekauft haben, enttäuscht sein werden, denn der Klappentext verspricht einfach etwas ganz anderes, als das Buch letztlich bietet. Und ich finde, das hat dieses schöne Buch nicht verdient.
Erwartet man von der Beschreibung her eine romantische Liebesgeschichte ähnlich wie bei "Silberlicht", bietet das Buch tatsächlich in Wahrheit eine Geschichte um Calders Schicksal als auf die Erde verbannter Seelenhüter und die letzten Tage der Zarenfamilie Romanov.
Der Körper, den Calder besetzt, gehört nämlich niemand anderem als Grigori Rasputin und seine Angebetete entpuppt sich als die Zarin Alexandra. Bestürzt muss Calder erkennen, dass es sich nicht um seine Seelengefährtin handeln kann und er sich die seltsame Verbindung zu ihr scheinbar nur eingebildet hat. Wie konnte er nur für diese Fantasie die göttlichen Gebote brechen und Rasputins Seele in der Ebene der verlorenen Seelen zurücklassen?
Doch Rasputin ist mit seiner Existenz als ruheloser Geist gar nicht so unzufrieden und will dem reuigen Calder nicht zurück in den Himmel folgen. Stattdessen wird er zum Vermittler zwischen den anderen Seelenhütern und Calder, der wegen seines Verstoßes gegen die Gebote nicht mehr in den Himmel zurück kann, bevor er das Chaos nicht wiedergutgemacht hat. Dazu erhält er die Aufgabe, die Zarenkinder zu retten und einen neuen Begleiter auszuwählen, der Calders Lehrling werden soll.
Soviel zur tatsächlichen Handlung. Ein bisschen wusste ich schon über das Schicksal der Zarenfamilie Romanov und gerade dieses Wissen machte das Buch nur noch trauriger. Denn Calder weiß natürlich nichts von dem Schicksal, welches die Familie erwartet und schildert viele Vorkommnisse ganz nüchtern und von außen betrachtend, wie beispielsweise die weißbemalten Scheiben oder den Bretterzaun um das Haus herum, welches für die Familie von zentraler Bedeutung ist.
Bis zu einem bestimmten Punkt kann man als Leser noch vorhersehen, was als nächstes passieren wird, doch ab der Hälfte war ich völlig ahnungslos, in welche Richtung sich die Geschichte nun entwickeln würde. Würde es doch noch die versprochene Liebesgeschichte geben? Und wird Calder in den Himmel zurückkehren können? Nur so viel sei verraten: ein wenig Liebe wird es noch geben.
Laura Whitcomb versteht es einfach immer wieder, ihre Leser zu überraschen. Das Buch beginnt gewohnt ruhig, wie man es schon aus "Silberlicht" kennt. Whitcomb lässt sich Zeit mit der Einführung in Calders Welt. Stirbt ein Mensch, gelangt Calder durch eine Tür zum Todesschauplatz und wartet auf die Entscheidung der Seele. Von dort führt er sie auf die Passage in den Himmel, auf der den Seelen ihre Fehler, aber auch ihre guten Taten vorgeführt werden. Flieht eine Seele jedoch vor ihrem Begleiter, strandet sie im Land der verlorenen Seelen und streift als unsichtbarer, unglücklicher Geist über die Welt.
Calder als Hauptcharakter fand ich sehr interessant. Wie auch schon Helen in "Silberlicht", wird Calder von seiner Vergangenheit verfolgt. Obwohl sich Seelenhüter nicht an ihr Leben als Menschen erinnern können, erlangt Calder mit jedem Tag, den er länger auf der Erde verweilt, ein Stückchen seiner Erinnerungen zurück.
Das ganze Buch ist gewohnt schön geschrieben, auch wenn man die Handlung diesmal wohl als ein wenig still und sogar etwas langatmig beschreiben könnte, aber das verzeihe ich Whitcomb, denn das ist einfach ihr Schreibstil. Ihr solltet von diesem Buch allerdings keine hochdramatische Geschichte erwarten, sonst könntet ihr wirklich enttäuscht sein. Ich konnte das Buch trotzdem nicht weglegen, denn das Schicksal der Zarenfamilie und nicht zuletzt Calders Versuch, die Welt wieder in Ordnung zu bringen, haben doch eine merkwürdige Faszination auf mich ausgeübt.
Mein Fazit: Ganz anders als erwartet und doch wundervoll! Trotz kleiner Schwächen hat mir "Seelenhüter" wieder sehr gut gefallen und Laura Whitcomb zählt jetzt offiziell zu meinen Lieblingsautoren. Lasst euch vom Klappentext jedoch nicht in die Irre führen: "Seelenhüter" ist keine simple Liebesgeschichte. Wer nach herzzerreißender Romantik sucht, sollte diesmal lieber zu einem anderen Buch greifen. Wer aber "Silberlicht" mochte und eine ungewöhnliche Geschichte über das Leben nach dem Tod sucht, ist hier genau richtig!