Ich bin jetzt bei Seite 140 und versuche, als Autor hier keine "Werbung zu machen", sondern meinen Eindruck zu schildern. Der ist sehr gut.Das Erbe, Krähenkolonie, Der Geliebte der Nacht, Mondscheinlied und Nächte der Angst sind ungewöhnlich originelle Geschichten.
Bei "das Erbe" gefällt mir, wie hier das traditionelle Element der Gothic Novel, die Unausweichlichkeit des Fluchs in moderner Zeit wieder erscheint.
Krähenkolonie halte ich atmosphärisch für die beste Geschichte. Beim Lesen hatte ich die Bilder vor Augen, zusammenhängend wie in einer schamanischen Reise in die Unterwelt. Vieles erinnerte mich an Krabat, nur ohne Happy End: Eine sehr bedrückende Story.
In "der Geliebte der Nacht" gefällt mir, dass die Versteinerung Ammons erst gegen Ende deutlich wird und der uralte Konflikt zwischen Liebe und Sicherheit durchschimmert.
Monscheinlied hat mich mitgerissen. Eine solche Interpretation des Fegefeuers habe ich bisher noch nicht gelesen. Alle Achtung, das Leiden des Leichnams ist entsetzlich plastisch. Ausgesprochen gut gefällt mir auch das Ende, als der Leichnam das Heulen des Werwolfs als vertraute Nachtmelodie erkennt, der Werwolf aber auf der anderen Seite des Lebens steht.
Nächte der Angst mag ich, weil es die einzige realistische Geschichte bisher ist. Ich mag inzwischen Schauergeschichten lieber, in denen die Aufklärung rational ist. Bis zum Ende dachte ich, es handelt sich um einen Geist, nicht um einen Psychopathen. Mehr davon.
Der Rosengarten des Teufels ist super, gestört hat mich lediglich die Anzahl der Leichen. Eine, zwei oder drei hätten es auch getan.
Des Teufels Lehrling fand ich von der Idee klasse, hätte aber auf ein paar Klischees verzichtet. Warum sollen Teufel immer kleine Hörner und rote Haut haben?
Leichenfutter hätte auch gut in "Die Toten tanzen" gepasst. Da ist kein Raum mehr für düstere Romantik, sondern eine zynische Welt, zu der es kein positives Gegenüber gibt. Lecker.
Blutiges Erwachen gefällt mir von der Idee her, aber einiges hätte sich auflösen können. Welche Bedeutung hat das Amulett? Warum liegt es im Bus etc.?
Maestro der Nacht hat eine schöne Stimmung und das Thema des gottlosen Wolfes (Varulf) hat es mir eh angetan.
Konstruktive Kritik zu Teufelsmoor: Die Idee, dass Jugendliche nach einer Party durch das Moor gehen und Bestien zum Opfer fallen, ist sehr klassisch. Das ist kein Problem, aber für ein klassisches Thema sind mir einige Punkte zu unlogisch: Wovon ernähren sich Heerscharen von Moormonstren, wenn nicht gerade ein paar Partygäste vorbeikommen? Wie kann ihr Vorkommen unentdeckt bleiben?
Mir wäre eine Art "Blair Witch Project" lieber gewesen; einer nach dem Anderen verschwindet, der Leser weiß nicht, ob die tausend Augen und tanzenden Lichter nur in der Imagination existieren und der Sumpf verschluckt die letzte Überlebende. Gut geschrieben ist Das Teufelsmoor aber.
Gejagt hat mich ganz schön mitgenommen. Die Verzweiflung des Gejagten ist mitreißend geschrieben, er flieht vor dem, dem er nicht entkommen kann. Bravo.
Schneespuren ist beeindruckend und realitätsnah. Wer kennt nicht das Gefühl, in Gedanken versunken durch den Schnee zu wandern und sich von diesen Gedanken nicht mehr lösen zu können?
Das soll jetzt erst einmal reichen. Auch die nicht besprochenen Geschichten haben bisher alle ihre Reize gehabt. Generell hätte ich mir bisher mehr Geschichten gewünscht, die sich den unbekannteren Kreaturen des Mythenschatzes der Kulturen widmen, weniger Vampire, dafür Werhaie, Wendigos, Redcaps etc.: Vielelicht kommen die ja in Kreaturen der Nacht.
Alles in allem ein Buch, das in den Schrank eines jeden Liebhabers von Schauergeschichten gehört.