Er schreibt umgangssprachlich, provoziert, benutzt das Wort F*** am laufenden Band, und hat nur eine Absicht, seine Leser aufzuwecken, aufzurütteln, wachzurütteln, um zu mehr Wahrhaftigkeit dem Leben gegenüber zu kommen. Den Grundansatz dafür finde ich persönlich phänomenal. Die Umsetzung dagegen z.T. eher fragwürdig, persönlich eingefärbt und grottenschlecht. Ein Buch, wo man kostbare Sätze zum eigenen Reflektieren genauso finden kann, wie unklare und unbedeutende ja gar abstossende Sätze wie.."Leck mich doch am A*sch* finde ich dann doch in so einem Buch deplatziert.
Eine auf Verkauf ausgerichtete Provokation, die den Geschmack des Geschäftemachens, dann doch nicht ganz los wird. ("Ich bin ein Busines-Punk".) Eine Note "Charlotte Roche-Stil", nur hier mit spiritueller Ausrichtung. (Was dort funktioniert, könnte ja hier auch funktionieren.)
Jedoch mit einem "differenzierten Blick" kann es sich lohnen (zumindest teilweise), sich auf jene Lebensprovokation einzulassen, auch wenn ich das Gefühl nicht loswerde, dass der Autor, dessen Name sogar auf der Frontseite fehlt (!) dann doch häppchenweise den Leser zu moralisieren. Ich glaube kaum, dass sämtliche Leser mit der Meinung des Autor konform gehen oder mit allem grosszügig einverstanden sind. Lindau will den Leser aus der Komfortzone, raus aus dem Mittelmass hinein ins eigene Leben führen. Sein Credo:" Das Schöne, das Wahre, das Gute!" Manches bleibt unklar: "Erinnere dich an das Versprechen!" fragt sich nur welches. Manchmal dachte ich: Also schreiben kann er nicht! Lindau schreibt einfach 'mal drauf los, frisch, frech, salopp! Manches klingt dabei allzu profan oder auch zu undifferenziert ("Ich weiss nicht was das bedeutet"). Da der Autor das Wort "seelengev*gelt" (was ist das eigentlich?) in verschiedenen Kontexten verwendet, habe ich es irgendwann für mich als "durchdrungen" übersetzt, dass für mich stimmiger ist. Sein Schreibstil klingt manchmal vor allem anfangs wie ein Briefstil.
"Das Leben will lieben,will leben, und sich erkennen...Wofür bist heute aufgestanden?" können Inspirationen für den geneigten Leser sein, der sich nicht von der z.T. doch etwas groben und herben Konfrontations- und Schreibart eines Veit Lindau's nicht irritieren lässt. Sensible Leser dürften damit gehörig ihre Mühe haben. Man bekommt das Gefühl, dass hier jemand einfach wild zusammen getragene Gedanken über das Leben zusammengetragen hat. So wahr ich Manches empfunden habe, so habe ich gleichzeitig auch so manches abgehoben gefunden:"Du hast Eiszeiten überlebt, Säbelzahntiger erlegt, das Feuer entdeckt, die Dampfmaschine entwickelt und bist zum Mond geflogen...Du bist ein Titan der Evolution...Bescheidenheit bescheidet...Weisheit bedeutet, nicht mehr von Problemen sondern einfach vom Leben zu sprechen." Wow, ich bekomme gleich Höhenflüge...Ob wohl jeder Leser mit solchen Sätzen einverstanden ist, ich glaube kaum. Spätestens hier dürfte so mancher Leseinteressierte langsam abwinken..
Fazit: Ein Buch das Positives, Inspirierendes und Berührendes genauso bietet, wie so manches das auch völlig abtörnen kann, oder den Eindruck erweckt, von Persönlichem eingefärbt zu sein. Bei 'all den gev*gelten und F***-Ausdrücken, in dem es in diesem Buch nur so wimmelt, meine Güte muss das sein? Für mich hatte es dann doch manches Mal eine Note des Lieblosen und Groben, was auch etwas Abstossendes an sich hat. Aber der Autor will ja auch nicht nett sein, vielleicht passt das ja dann dazu. Lässt man mal die Umsetzung beiseite (die ich teilweise wirklich grauenhaft finde), kann die Aufforderung, sein eigenes Leben zu überdenken trotz alledem inspirierend und auch aufweckend sein, was wohl oder sicherlich das Ziel des Autors ist. Ich meine, wenn man das schon mal hinbekommt, lohnt es ich alle Mal auf das Gedankengut eines Veit Lindau sich einzulassen, grobe Sprache mit Derbheit abgeschmeckt inklusive. Man kann sich auch die Frage stellen: "Brauchen wir WIRKLICH solche Bücher?" Ich meine, solange Menschen nicht aus ihrem Leben das machen, was sie wollen, leider ja. Veit Lindau versteht sich als ein "Rebel des Lebens", der nichts anderes will, als Menschen dazu zu bewegen, über sich nachzudenken, mit der Frage: Wer bist du wirklich?" So manche zugetragene Lebensweisheit, bedarf dabei wohl der eigenen Überprüfung, trotzalledem, kann es (zumindest teilweise) eine erweiternde Leseerfahrung sein, profane, grobe, lieblose, vulgäre, konfrontierende, abstossende Sprache hin oder her.
Hier mein Lieblingssatz: (45)
"F*** the Opferitis Humana!"
Nachtrag vom 7.1.2012
Anfangs noch begeistert, habe ich mir schon überlegt, wem ich diese Buchneuheit schenken könnte! Doch je tiefer ich hineinlas, desto mehr hat mich die Grobheit, die abstossende Schreibart zurückweichen lassen. Will man Bücher verschenken, die abstossend empfunden werden könnten? Wohl kaum. Wie ich zu meiner Bewertung komme? Ganz einfach: Idee=5* und Art und Umsetzung leider nur 1*, die Kombination beider ergibt die obige Bewertung. Klar dürfte sein, dass so ein Buch, das Lager in 2 Fronten einteilt, der der Begeisterten, die wohl keine Mühe mit der fast lieblosen Derbheit zu haben scheinen (was mich erstaunt) und denen, die einfach die fast schon profan-primitive Art den vollen Ablöscher verabreichen, was die 1*-Bewertungen verstehen lässt. (Die ich gut verstehen kann) Ich meine, man hätte viel mehr, aus diesem Buch machen können, schade drum. Ausserdem wird man den Geschmack nicht los, das all' die vielen 5*-Bewertungen von Seminarteilnehmern eines Veit Lindau stammen, ob das noch den Anspruch an eine "neutrale Lesermeinung" hat? Mich erreichen diese Lobeshymnen leider nicht, genauso wenig, wie auch das Buch mich nur partiell erreicht hat. Bücher können nur so gut sein, entsprechend der Reife und Bewusstseinshorizontes eines Autors, der hier dann doch überdeutlich und offensichtlich eines Veit Lindau enttäuschend deutlich wird...
21.2.2012:
Und: Der Autor lanciert bereits sein zweites Buch, das auf den kommenden September angekündigt ist, (die gute Geschäftemacherei mit provokativem Stil geht also weiter) mit dem Titel: "Heirate Dich selbst", mit dem Untertitel: Manifest für radikale Selbstliebe.