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Der Seele Raum geben.
 
 
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Der Seele Raum geben. [Taschenbuch]

Leila Aboulela , Jutta Himmelreich


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Neue Zürcher Zeitung

Die Fremdheit zwischen den Kulturen

Erzählungen der Sudanesin Leila Aboulela

Einem grösseren Publikum bekannt wurde die 1964 in Khartum (Sudan) geborene Leila Aboulela mit ihrem auch auf Deutsch übersetzten Roman «The Translator» (1999). Erstmals von sich reden gemacht hat die Autorin aber mit Kurzgeschichten; so wurde «Das Museum» 1999 in die für die neuere Literatur von afrikanischen Frauen wegweisende Anthologie «Opening Spaces» aufgenommen, und Aboulela erhielt für die Erzählung den Caine Prize for African Writing. Nun sind «Das Museum» und zehn weitere Kurzgeschichten in dem wiederum von Jutta Himmelreich treffend übersetzten Band «Der Seele Raum geben» zu lesen. Aboulelas Erzählungen überschneiden sich in der Thematik mit ihrem Roman, denn auch hier kommt es häufig zur Begegnung von Menschen aus dem Sudan und aus Grossbritannien. Etwa im bereits erwähnten Text «Museum», der von Shadia erzählt, die – wie Aboulela 1987 selbst – nach Grossbritannien kommt, um ihren Hochschulabschluss zu machen. Das Klima, der Unterrichtsstoff, die Verhältnisse an der Universität befremden sie – mehr noch die Begegnung mit Bryan, einem erfolgreichen englischen Mitstudenten. Befremden, Entfremdung sind zentrale Themen in Aboulelas Erzählungen. Wir begegnen ihnen nicht bloss im Kontakt verschiedener Kulturen, sondern auch innerhalb der (sudanesischen) Gesellschaft, sei dies in «Besuch», wo es um Fremdheit zwischen den sozialen Schichten geht, sei es in «Vogel Strauss», das von den Erinnerungen der Erzählerin an einen Mitstudenten handelt, der – nicht zuletzt wegen einer Behinderung – ein Aussenseiter bleibt. Aboulela schreibt keine schrillen Geschichten; sie handeln kaum von Ausgrenzung, Rassismus, Schleierverbot oder dergleichen. Sie fokussiert vielmehr auf die Innenwelten ihrer Protagonistinnen, die sich – entgegen europäischen Vorstellungen – fast alle im universitären Bereich bewegen. Sie schreibt, wie diese Frauen mit ihrem Alltag zurechtkommen, von ihren Begierden und Schuldgefühlen. Die Erzählungen überzeugen, insbesondere weil die Autorin die kulturellen und sozialen Begegnungen nicht schwarzweiss zeichnet. Sie weicht ab vom konfrontativen Schema, in dem arme, gläubige und in der Gemeinschaft eingebettete Menschen aus dem Süden auf reiche, rational bestimmte, individualistische Vertreter des Nordens treffen. Shadia in «Museum» etwa stammt aus einem reichen Haus in Khartum, ihr Englisch ist weit besser als dasjenige des aus einfachen Verhältnissen in der Provinz stammenden Bryan. Sie ist zwar gläubig und hält sich an die Regeln des Islam, kann sich aber – obwohl sie in der Heimat bereits eine Verlobung eingegangen ist – der Faszination durch den am Islam interessierten Bryan nicht entziehen. Eine andere Variation dieser Materie finden wir in «Majed». Eine zum Islam konvertierte Schottin entfremdet sich von ihrem muslimischen Mann, der locker mit der Religion umgeht und zuweilen auch Alkohol trinkt. Ihr Problem aber begann schon mit der Heirat: Sie suchte Sicherheit und einen Vater für ihre Kinder, er brauchte eine Aufenthaltsbewilligung für England. Wie die Subtilität, mit der die Begegnung der Kulturen in Szene gesetzt wird, trägt auch Aboulelas Schreibweise zur Qualität ihrer Erzählungen bei. Sie schlägt einen eher getragenen Ton an, in dem oft Melancholie die Stimmung dominiert – am stärksten in den Erinnerungen an den Sudan. Aboulela orientiert sich trotzdem nicht an arabischen oder afrikanischen Erzählmustern; ihre Texte entsprechen weitgehend dem modernen Genre der Kurzgeschichte. Ihre Geschichten haben eine vielfältig variierte Erzählinstanz, die aus der Sicht der Personen erzählt, jedoch im Laufe eines Textes die Perspektive öfters wechselt; längere Passagen sind als innere Monologe gestaltet. Aboulela beherrscht auch spielend die Verschränkung verschiedener Zeitebenen sowie die Raffung und Dehnung der erzählten Zeit. Es ist diese Erzählweise, welche einen Blick auf die unterschiedlichen Facetten von Aboulelas Figuren erlaubt. Auch wenn die Beobachtung der eigenen Kultur dominiert, fehlt der Blick nach «Westen» nicht. Am offensichtlichsten in «Sieh zu, wie du heimkommst», wo die Sudanesin Nadia ihre englische Freundin in einer Abtreibungsklinik besucht. Ohne dass sie den Zeigefinger erhebt, trifft Aboulela hier – weniger deutlich auch in anderen Erzählungen – Schwachstellen der «westlichen» Kultur: der fehlende Respekt vor dem Leben, der nachlässige Umgang mit einer weitgehenden individuellen Freiheit, der Mangel an Behutsamkeit im Umgang mit Menschen und Dingen. Wie ihr Roman schaffen Aboulelas Erzählungen – abgesehen von den zwei letzten, die sich weit von der Realität entfernen – Notwendigkeiten, die eigene und die Welt der anderen nachdenklich zu betrachten.


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