Aus der Amazon.de-Redaktion
Dabei wollten der bärbeißige Allgäuer und seine Erika lediglich ihren Sohn und dessen neue Freundin in Füssen zum gemeinsamen Weihnachtsfest abholen. Nachdem Kluftingers xenophobes Hassgebrummel gegen japanische Neuschwansteinbesucher abrupt endet, als er entgeistert feststellen muss, dass Markus Neue aus dem Lande Nippon stammt, entschließt man sich zu einem Beruhigungsspaziergang entlang des idyllischen Bergsees. Der letzte Rest vorweihnachtlicher Stimmung fleucht ins Gebirg, als die vier auf eine männliche Leiche in einer riesigen Blutlache stoßen. Angesichts der rätselhaften Zeichnung, die der Tote vor seinem gewaltsamen Ableben in den Schnee gekratzt hat, startet Kluftinger durch!
Bajuwarisches Mythengewaber, heimatlich wohliges Kässpätzle-Feeling, ein grantelnder Kriminaler, der die Maske voralpenländischer Betulichkeit oft genug herunterreißt --, das Autorenduo Klüpfel und Kobr scheint auf eine Goldader gestoßen zu sein, wie die Leserzuschriften beweisen. Ob im Nahkampf mit dem Fotohandy, seinem krudem Englisch ( your sunbrill, Miss!), oder dem größten anzunehmenden Ungemach in Gestalt einer neuen Assistentin an seiner Seite --, gemächlich tapsend wie Braunbär Bruno treibt Kluftinger seine Allgäuer Ermittlungen um den toten Taucher vom Alatsee voran. Gestalten die sich anfänglich noch unerwartet zäh, so führen bald alle Hinweise auf den Grund des Alpengewässers und seines blutroten Geheimnisses, von dem der Bayrische Rundfunk, Abt. Land und Leute partout nichts wissen wollte. Wir aber sind gerne eingetaucht in den schaurig-schönen Höllenschaum und freuen uns jetzt schon auf den vierten Kluftinger-Fall. --Ravi Unger
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Seegrund. Kluftingers neuer Fall von Volker Klüpfel, Michael Kobr. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Kluftingers Englisch war nicht besonders gut, aber den von der kamerabehängten älteren Frau mit Baseballkappe und riesiger Sonnenbrille ausgerufenen Satz hatte er verstanden. »Hast du das gehört? Wie in Disneyland. Priml! Erst Busladungen voller grinsender und knipsender Japaner und jetzt das. Komm, Erika, wir gehen!«
Es war elf Uhr dreißig. Kluftinger stand mit seiner Frau am Ticketcenter der Königsschlösser Hohenschwangau und Neuschwanstein bei Füssen und war alles andere als gut gelaunt. Nicht nur, weil er fürs bayerische Zuckerbäckerschloss nicht viel übrig hatte. Auch seine Sympathie für die Besucherhorden aus aller Welt, die sich als nicht enden wollender, wuselnder, schnatternder Strom über das Allgäu ergossen, hielt sich in Grenzen. Aber schließlich hatte er doch eingewilligt, ihren Sohn Markus und dessen neue Freundin hier in Füssen abzuholen. Die beiden hatten auf ihrem Weg in die Weihnachtsferien bei Freunden Station gemacht und angekündigt, Heiligabend mit Kluftingers verbringen zu wollen, was Erika in helle Aufregung versetzt hatte. Anscheinend war es Markus ernst mit seiner neuen Liebe, sonst hätte er sie seinen Eltern niemals bereits nach drei Monaten vorgestellt. Die meisten der zahlreichen Vorgängerinnen hatten sie gar nicht erst kennen gelernt.
»Jetzt mecker halt nicht dauernd rum! Heut ist so ein strahlender Wintertag. Wo doch dein Sohn endlich mal wieder heimkommt. Und auf die Miki bin ich schon so gespannt ...«
»Auf wen?«
»Auf die Miki, die neue Freundin vom Markus!«
»Wie heißt die? Micky? Micky Maus? Passt ja wunderbar nach Disneyland! Und wie heißt sie richtig?«
»Der Markus erzählt immer nur von der Miki. Vielleicht Michaela ... Alles, was ich weiß, ist, dass sie auch in Erlangen studiert und zweiundzwanzig Jahre alt ist. Und eine Überraschung gibt es noch, die er mir am Telefon nicht verraten wollte.«
»Ach so? Bringt sie ihren Hund Pluto mit, oder was?«
»Jetzt hör bloß auf! Sonst fährt sie gleich mit dem nächsten Zug zurück.«
»Wieso? Gibt's denn einen Direktzug Füssen - Entenhausen?«
Erika ignorierte die weiteren Sticheleien ihres Mannes. Sie wusste, dass dies das beste Rezept war, um zu verhindern, dass er einen einmal für gut befundenen Witz den ganzen Tag über in Varianten wiederholte. Da seine Spitzen nun ungehört verhallten, beschloss er, still vor sich hin zu schmollen.
»So, hammer's dann?« Kluftinger drehte sich um. Ein Mann schaute missmutig von einem Kutschbock auf ihn herab und gab ihm mit einer Geste zu verstehen, dass er ihm und seiner von zwei glockenbehängten Ponys gezogenen Kutsche im Weg stand. Kluftinger trat einen Schritt zur Seite und winkte die Kutsche mit einer übertrieben freundlichen Geste vorbei. Dieses spöttische Winken hielt die japanische Reisegruppe auf den Sitzen offenbar für einen Ausdruck Allgäuer Gastfreundschaft und winkte ekstatisch zurück.
Kluftinger fragte sich, wie viel eine solche Fahrt wohl kostete. Zehn oder gar zwanzig Euro? Der Kommissar der Kemptener Kriminalpolizei überlegte, ob dies schon den Tatbestand des Wuchers erfüllte, wurde aber vom Anblick eines Pferdes abgelenkt, das seine Äpfel genau vor einem Souvenirladen fallen ließ. Auch wenn er sonst nichts mit Pferden anfangen konnte, fühlte er sich dem Vierbeiner in diesem Moment eigentümlich seelenverwandt.
Fassungslos wurde er schließlich Zeuge, wie sich Dutzende Japaner gegenseitig vor einem ordinären Schild fotografierten, auf dem lediglich ein Symbol für Neuschwanstein und ein Hinweis auf den halbstündigen Fußmarsch zum Schloss zu sehen waren. Ihm würde dieses Volk ein ewiges Rätsel bleiben.
Ein paar Meter neben dem Schild nahm Kluftinger eine junge Japanerin wahr, die keinen Fotoapparat in der Hand hatte und auch keiner Gruppe anzugehören schien. Die Frau teilte den um sie herumfließenden Touristenstrom wie ein Stein das Wasser eines Baches. Sie ließ sich mit geschlossenen Augen von der Vormittagssonne bescheinen und wirkte auf den Kommissar recht attraktiv - für eine Asiatin jedenfalls. Als sie anfing, in ihrem kleinen Lederrucksack zu kramen, fiel ihr die Sonnenbrille aus dem pechschwarzen Haar. Sie schien den Verlust nicht bemerkt zu haben. Er zögerte. Was ging es ihn an? Andererseits: Dafür, dass die junge Frau sich so touristenuntypisch verhielt, konnte man schon einmal Kavalier spielen. Er gab sich also einen Ruck und ging auf sie zu, bückte sich und hielt ihr schließlich verlegen lächelnd die Brille hin.
»Hier, bitte. Verloren. Your sunbrill, Miss. Please!«
Noch bevor die Frau antworten konnte, ertönte hinter Kluftinger eine vertraute Stimme.
»Ja Vatter, habt ihr euch schon bekannt gemacht!«
Er drehte sich um. Fragend blickte er in das Gesicht seines Sohnes. Er war so perplex, dass er vergaß, ihn zu begrüßen.
»Wo ist denn Mama?«, fragte Markus mit breitem Grinsen.
Verwirrt deutete Kluftinger auf Erika.
»Wie jetzt »bekannt gemacht«?«, fragte er verdutzt, doch sein Sohn wurde schon heftig von seiner Mutter geherzt. Während Kluftinger noch über Markus' Worte sinnierte, hörte er hinter sich eine glockenhelle Stimme.
»Ja, das ist ja ein Zufall, nicht wahr? Dann darf ich mich mal vorstellen: Ich bin also die Yumiko. Und vielen Dank für die Sonnenbrille, Herr Kluftinger. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass sie mir aus dem Haar gerutscht ist.« Mit einem strahlenden Lächeln blickte die hübsche Asiatin von eben den Kommissar an und wartete auf eine Antwort.
Erst nach und nach sickerte die Erkenntnis durch, dass vor ihm Markus' neue Freundin stand. Ihr Deutsch ist absolut akzentfrei, schoss es Kluftinger durch den Kopf. Yumiko ... Miki: Dafür stand also die Abkürzung. Warum hatte Markus ihnen aber auch nichts verraten? Dann wäre er jetzt nicht dagestanden wie ein begossener Pudel.
Die junge Frau wurde etwas unsicher und Kluftinger war klar, dass er nun etwas sagen musste. »Ich, ... schön, ja, gut ... bin also der Vater ... Fräulein«, krächzte er verlegen. Seine Wangen glühten. Ihm war bewusst, dass die Aktion von vorhin für ewig in den Bestand jener Geschichten aufgenommen werden würde, die bei Familienfeiern immer dann erzählt wurden, wenn die Gespräche ins Stocken gerieten und man zur Auflockerung einen Idioten brauchte, über den man lachen konnte.
»Sagen Sie doch bitte Miki zu mir, das tun alle.« Ihr tadelloses Deutsch klang nach seiner tölpelhaften Ansprache in seinen Ohren wie Hohn. Weil er immer noch wie erstarrt dastand, schob sich Erika an ihm vorbei und umarmte die junge Frau, als wäre sie ihre beste Freundin. Seine Frau war viel offener und aufgeschlossener als er, und die meisten Leute hätten wohl gesagt, auch herzlicher. Sie schien nicht im Geringsten verunsichert, weil Miki eine Asiatin war, und wenn, ließ sie es sich nicht anmerken. Oder hatte sie davon gewusst und es ihrem Mann verschwiegen? Er hatte ja nichts gegen Ausländer. Um Gottes willen, nein. Auch wenn er fremden Kulturen gegenüber immer etwas zurückhaltend war, fand er andere Lebensweisen durchaus interessant und respektierte sie auch. Er schaute sogar ab und zu das Auslandsjournal im Fernsehen an.
Aber dieses Interesse beschränkte sich auf die Rolle des Beobachters. Sobald er - meist von seiner Frau - genötigt wurde, an diesen fremden Kulturen aktiv teilzuhaben, wuchs im Kommissar der Argwohn. Immer wenn Erika versuchte, fremdländische Ideen in Form von ausländischem Essen, exotischen Früchten oder Sprachlern-Kassetten zu Hause einzuschleusen, streikte er.
»Komm jetzt, wir gehen!«, riss ihn Erika aus seinen Gedanken und zupfte ihn am Ärmel. Er stand noch immer wie angewurzelt da, was ihm schlagartig bewusst wurde und noch einmal einen Hitzeschub verursachte.
»Wohin?«, wollte er wissen. Seine Stimme klang belegt. Er nahm sich vor, sich von nun an so normal wie nur irgend möglich zu verhalten und sich nichts mehr anmerken zu lassen.
»Na, aufs Schloss!«, lachte Erika.
»Also«, Kluftinger blickte in Richtung der Menschenmassen, die sich mittlerweile durch die langen Absperrungsreihen vor den Kassen schlängelten, »ich glaub, wir lassen das heut. Schaut mal, wie's da zugeht. Da sind wieder die ganzen Japaner umeinander!«
Wie ein kleines Kind, das nach einem Sturz einige Augenblicke braucht, um den Schmerz zu realisieren, benötigte auch Kluftingers Gehirn ein paar Sekunden, um die Worte zu verarbeiten. Dann brach die Scham über das eben Gesagte wie eine heiße Woge über ihn herein. Erika starrte ihn entsetzt an, Markus musterte ihn mit zusammengekniffen Augen - nur Yumiko begann plötzlich schallend zu lachen.
»Ich weiß«, gluckste sie. »Manchmal hab ich das Gefühl, meine Landsleute haben Angst, dass man ihnen die Sehenswürdigkeiten wegnimmt, wenn sie nicht schnell genug hinrennen. Und diese vielen Fotos, die sie machen! Ich frage mich immer, wer wohl all die schrecklichen Bilder zu Hause ansehen muss.«
Kluftingers Pulsschlag verlangsamte sich wieder. Das schien ja ein ganz patentes Mädle zu sein. Und was sie da über ihre Landsleute gesagt hatte, das war von einer bewundernswerten Selbsterkenntnis. Genauso dachte er doch auch! Er wollte ihr eifrig beipflichten, als ihm sein Sohn zuvorkam: »Na ja, im Ausland sind die Deutschen auch nicht viel besser. Besetzen morgens um sechs schon ihre Liegestühle, von wo aus sie dann ihre bleichen Bäuche in die Sonne strecken. Ob sie in Italien, Spanien oder der Türkei sind, ist ihnen dabei egal, vielleicht wissen sie es manchmal gar nicht. In den Anlagen sieht es ja auch immer gleich aus. Und unter landestypischer Küche verstehen sie die landestypisch deutsche. Also Bratwurst, Jägermeister, Warsteiner und paniertes Schnitzel!«
Erika, deren Harmonie-Radar einen aufkeimenden Vater-Sohn-Konflikt ortete, die sich ihren vorweihnachtlichen Familienfrieden aber nicht von einem Generationenstreit zunichte machen lassen wollte, mischte sich mit den Worten »Schwarze Schafe gibt's halt überall!« ein. Während sie dies sagte, fixierte sie ihren Mann mit stechendem Blick. Jeder Versuch, das Thema weiter zu vertiefen, hätte die wohlbekannte Mutter-Sohn-Allianz wieder hergestellt, das wusste Kluftinger. Yumiko schien die Einzige zu sein, die ihm seinen Ausspruch von eben nicht übel nahm.
Deswegen lenkte er ein und sagte: »Ich mein nur, da müssen wir ja so lang anstehen und vergeuden unseren ganzen Tag. Aber wenn ihr, also wenn die Miki ...«
»Schon recht, Vatter. Die Miki hat eh schon gesagt, dass sie nicht unbedingt aufs Schloss will. Sie steht nämlich nicht auf plakative Alpenromantik. Stell dir vor: Obwohl sie Japanerin ist!«
»Vielleicht fahren wir zum Forggensee«, schlug Kluftinger vor, nun ehrlich bemüht, die Situation zu retten und sich als vollendeter Fremdenführer zu präsentieren.
Zu seiner großen Überraschung wurde seine Idee sofort positiv aufgenommen.
Zehn Minuten später saßen alle in Kluftingers altem Passat und fuhren in Richtung Füssen. Dass Kluftinger auf dem Weg zum Auto unaufgefordert Yumikos Gepäck getragen hatte, hatte er für einen großen Akt weltmännischer Höflichkeit gehalten, der ihm bestimmt auch Pluspunkte bei seiner Frau einbringen würde. Die hatte es aber einfach nur als selbstverständlich angesehen.
»Hast du das gewusst?«
»Hm?«
»Hast du das gewusst, mit der Japanerin?« Kluftinger drehte das Radio lauter und beugte sich zu seiner Frau.
»Ich versteh dich nicht. Ob ich was gewusst habe?«, erwiderte Erika laut.
Markus und Yumiko blickten auf.
»Ob ... äh ... ihr gewusst habt, dass es auf dem Forggensee ein Schiff gibt, wollt ich wissen.«
Markus und Erika runzelten die Stirn. Natürlich wussten sie das.
»Ja, Yumiko, einer der tollsten Seen überhaupt ist das, der Forggensee«, tönte der Kommissar stolz. »Und seit einigen Jahren gibt es da ein Musical-Theater. Da spielt man nur ein einziges Stück, das Ludwig-Musical. Das Haus hat man extra dafür gebaut. Toll, gell?«
Yumiko hörte aufmerksam zu.
»Bayern hat früher nämlich einen König gehabt. Der hat viele Schlösser gebaut. Übrigens auch Neuschwanstein. Und von diesem König handelt das Stück. Man nennt ihn auch den Märchenkönig.«
Yumiko erwiderte begeistert: »Dann wird Sie bestimmt auch die Diplomarbeit von Frank, Markus' Freund, interessieren. Worum geht's da noch? Ach ja, die »Analyse historischer Fakten über König Ludwig II. von Bayern und deren historisierend-dramatische Adaption auf der Bühne«. Stimmt's?«
Markus nickte.
Kluftinger sah sie entgeistert im Rückspiegel an und sagte dann nach einer Pause: »Ja, Markus, die Arbeit musst du mir unbedingt mal geben. Das Thema ... beschäftigt mich auch schon eine ganze Weile.«
Einige Minuten fuhren sie, ohne dass jemand etwas sagte, dann platzte Kluftinger heraus: »Märchenkönig heißt der übrigens, weil er so verschnörkelte Sachen gebaut hat. Wie im Märchen eben. Und der König war auch ganz oft hier am Forggensee. Da ist er dann auch gestorben. Unter ganz mysteriösen Umständen ertrunken und nur sein Leibarzt Doktor Gulden war dabei. Man weiß es nicht, aber der hatte vielleicht auch was damit zu tun.« Kluftinger ging immer mehr in seiner Rolle als Reiseführer auf.
»Gudden und Starnberger See, den Forggensee gab es damals noch gar nicht. Aber der Rest stimmt ungefähr, gell Vatter?«
»Für was lässt man dich schließlich studieren?«, brummte Kluftinger zurück.
»Hat Frank gestern nicht gesagt, dass auch der Arzt ertrunken ist?«, fragte Yumiko mit ehrlichem Interesse.
Kluftinger geriet ins Schwitzen: »Ja, das ist ja allgemein bekannt. Jedenfalls ein ganz romantischer See. Wie aus dem Bilderbuch. Im Sommer hätten wir auch mit dem Schiff fahren können, dann hätten wir einen ganz tollen Blick auf die Königsschlösser gehabt. Aber jetzt ist er vielleicht sogar zugefroren.« Er war nicht zu bremsen.
Schließlich bog der Wagen auf den Parkplatz an der Bootsanlegestelle ein.
»... wirklich ein Schmuck ... oha!«
»Oh, das ist aber mal nicht so schön, Herr Kluftinger«, sagte Yumiko leise. »Was ist da bloß passiert?« Sie schien ehrlich besorgt, möglicherweise gerade Zeugin einer mittleren Umweltkatastrophe geworden zu sein. Markus konnte sein Lachen kaum noch unterdrücken, sagte aber nichts, denn er wollte zu gerne sehen, wie sich sein Vater aus der Affäre ziehen würde.
Vor ihnen erstreckte sich eine riesige, unansehnliche, grau-braune Fläche mit einigen kleinen, von dünnem Eis überzogenen Tümpeln.
»Kruzinesn! Da hab ich jetzt gar nicht dran gedacht.«
»Ist es schlimm?«, fragte Yumiko und jetzt platzte es aus Markus heraus: »Der Forggensee ist ein Stausee, der jeden Winter abgelassen wird!« Alle stimmten in das Gelächter mit ein, nur Kluftinger saß mit hochrotem Kopf am Steuer und starrte auf das, was im Sommer noch ein wunderschöner See gewesen war.
»Dann fahr mer jetzt halt heim. Da ist es auch schön«, sagte er gereizt und wendete den Wagen. Mit jedem gefahrenen Kilometer verschlechterte sich seine Laune. Er verabscheute sinnlose Fahrten. Wenn er nur an die Spritkosten dachte - von der Abnutzung ganz zu schweigen ...
Dabei fuhr er in letzter Zeit günstiger, weil er billigeres Biodiesel tankte. Eigentlich war der alte Passat nicht dafür zugelassen. Aber die Aussicht, dass möglicherweise auf lange Sicht Schäden am Motor entstehen würden, konnten ihm bei einem zwanzig Jahre alten Wagen kaum schrecken. Überhaupt schenkte er solchen Prognosen einer verschwörerischen Koalition aus Werkstätten, Autoherstellern, Politik, Industrie und Ölscheichs wenig Glauben. Letztlich zählte nur ein Argument: Rapsöl war zehn Cent billiger.
»Ach komm, wenn wir schon mal hier sind«, insistierte Erika. »Gehen wir halt ein bissle spazieren. Oder wir kehren irgendwo gemütlich ein. Wir könnten auch auf den Tegelberg fahren, mit der Gondel.«
»Nein, die Yumiko hat ein bisschen Höhenangst, da ist die Gondel nicht so gut«, wandte Markus ein.
Kluftinger war erleichtert. Vier Berg- und Talfahrten auf den Tegelberg - Yumiko musste ihn ja nicht schon am ersten Tag ihres Besuches ein Wochengehalt kosten.
»Du hast doch einen Kuchen gebacken, da wär's doch ein Schmarrn, unterwegs noch einzukehren. Fahren wir halt zum ... zum Alatsee!« Kluftinger nahm erleichtert zur Kenntnis, dass er damit einen mehrheitsfähigen Vorschlag gemacht hatte.
Die Fahrt zu dem malerisch gelegenen See verlief ohne weitere Zwischenfälle - wenn man davon absah, dass Kluftinger den in einem Suzuki vor ihm fahrenden Mann, der seiner Meinung nach viel zu langsam unterwegs war, mit den Worten »Jetzt fahr halt endlich zu mit deiner blöden Reisschüssel!« zur Eile angetrieben hatte. Die darauf einsetzende Stille machte dem Kommissar so zu schaffen, dass er freimütig erzählte, er sei froh darüber, dass er heute bei der Kälte die dicke, lange Frotteeunterhose angezogen habe. Dann stellte er das Radio lauter und bekam deshalb nicht mit, wie Markus seine Freundin in den Arm nahm und ihr zuflüsterte: »Wenn du mir nach dem Besuch bei meinen Eltern nicht davonläufst, dann muss es wahre Liebe sein.«