Alle, die glauben, Globalisierung sei ein Phänomen der Neuzeit, irren. Schon vor mehreren tausend Jahren war die Welt vernetzt - Dank der Schifffahrt. Die Chinesen begannen bereits im 2. Jahrtausend v.Chr. Seehandel zu betreiben und die Griechen und Römer führten in der Bronzezeit Handel im ganzen Mittelmeerraum. Die Vernetzung der Welt und die Spezialisierung von Märkte waren also schon damals Themen, die die Welt bewegten.
"Menschheitsgeschichte geprägt"
In dem Buch "Seefahrt und Zivilisation" von Philip de Souza geht es darum, "wie die Beherrschung der Meere die Menschheitsgeschichte prägt". Dabei dreht es sich nicht nur um den Handel von Gütern, sondern auch um den Austausch von politischen Ideen, Kulturen und Religionen. Die Entdeckungsreisen des Christoph Kolumbus, Vasco de Gama, Marco Polo und vielen anderen begeleiten den Leser durch das gesamte Buch - und dabei kommen auch Themen wie Piraterie und Sklavenhandel nicht zu kurz.
Von Tee bis Terrorismus - Importe aus Übersee
Der Historiker de Souza spannt einen Bogen von den ersten Überlieferungen der Seefahrtsgeschichte bis hin zur Gegenwart. Dabei konfrontiert er den Leser auf sachliche Weise direkt mit den heutigen Auswirkungen der Seefahrt: „Jedem werden mit Leichtigkeit einzelne Züge seiner Sprache, Ernährung, Kleidung, seines Alltags wie seiner Hochkultur einfallen, die ihren Ursprung in Übersee haben" oder: "So vertraut uns Kaffee, Tee und Zucker heute sind, so haben wir uns auch daran gewöhnen müssen, dass unsere näher zusammenrückende Welt anfällig [...] gegen unwillkommene Importe wie Drogen, Terrorismus und Krankheiten wie SARS oder AIDS geworden ist." Der Leser ist also direkt betroffen und angesprochen.
Die Welt wächst zusammen: Kooperation oder Konflikt?
Die Schifffahrt ermöglichte die europäischen Entdeckungsreisen Ende des 15. Jahrhunderts und führte zu einer nie da gewesenen Expansion der Handelsnetze. Das erste Mal in der Geschichte waren Gesellschaften in der Lage, aufgrund ihrer See- und Handelsmacht bislang gültige Grenzen aufzuheben und neue Regionen zu beherrschen und auszubeuten.
Diese Entwicklung legte den Grundstein sowohl für eine neue Form des Imperialismus als auch für die Moderne. Betroffen davon ist der Handel, der Aufstieg und Fall großer Mächte, Religionen und Kulturen sowie sogar die Gesundheit. Sowohl Chancen als auch Risiken dieser globalen Dimension werden in dem Buch dargestellt.
De Souza navigiert den Leser sicher ans Ziel
Das Sachbuch ist übersichtlich und hervorragend gegliedert. Besonders für Laien in dem Gebiet der Seefahrt ist es ausgezeichnet. Es ist geschrieben wir ein Bilderbuch gemalt: anschaulich, bewegend. anwechslungsreich. Die Enddeckung der Welt, die Entstehung der Weltreiche und die Expansion von Kulturen und Religionen stehen vielmehr im Mittelpunkt als die Seefahrt an sich. Nur das erste Kapitel widmet sich technischen Daten und der "Navigation " - wie wird der Kurs gehalten? Wie Segel und Ruder? Wie war der Umgang mit Winden und Strömungen?
Gut für Laien, schlecht für Profis
Diejenigen, die mit der Seefahrtsgeschichte nicht vertraut waren, können sich freuen, nach der Lektüre die Welt aus einer neuen Perspektive kennen gelernt zu haben und sie damit neu zu verstehen. Diejenigen allerdings, die in dem Gebiet der Seefahrtsgeschichte zu Hause sind, werden wenig Neues lernen.