Kathrin Schmidts Roman "Seebachs schwarze Katzen" hat meine Erwartungen an die Trägerin des Deutschen Buchpreises 2009 nicht erfüllt. Zu überzeichnet sind die handelnden Personen, zu sehr drängt eine gewollte Psychologisierung die eigentliche Handlung in den Hintergrund.
Bert Willer war bei der Stasi, hat in der Nachwendezeit den Absprung aber geschafft und ist bis heute öffentlich nicht enttarnt worden. Umso mehr verfolgt ihn die Vergangenheit durch den Alltag (u.a. in der mystischen Figur der "alten Fettvettel Zeit"). Willer hat im Auftrag der Stasi verdächtige Frauen "beschlafen", um so an Informationen zu gelangen. Eines seiner Opfer (Bejla) erfährt davon aus ihren Stasi-Akten, leidet fortan unter Verfolgungswarn und Angstzuständen und geht daran zu Grunde. Willer beichtet seiner Frau zwar seine Stasi-Verstrickung, nicht aber seine tatsächlichen außerehelichen Aktivitäten. Als sie diese doch herausbekommt, zieht sie sich erst zurück und nimmt sich schließlich das Leben. So zumindest scheint sich der Roman im ersten Teil aus Erinnerungsfetzen zusammenzusetzen. Tatsächlich ist nicht alles so, wie es erscheint, woraus sich ein nicht unspannender Handlunsgstrang ergibt. Leider bleibt der Leser am Ende mit vielerlei roten Fäden alleine. Scheinbar wollte die Autorin der Gefahr widerstehen, ein zu kitschiges Happy End zu konstruieren. Leider bleibt das Buch so ohne Ende. Auch der wie nachgeschoben wirkende einseitige Epilog ändert daran nichts.
Das Thema von Berts Vergangenheitsbewältigung ist eingebetet in sein Ringen mit seinem 15jährigen Sohn David. David kommt der Vergangenheit seines Vaters au die Schliche, spannt diesem auf Tenerifa eine Urlaubsbekanntschaft aus und ringt selber im weiteren Verlauf des Romans darum, wie er seinem Vater zukünftig begegnen soll.
Gelegentlich wurde in der publizierten Kritik gerügt, dass die Handlung des Romans arg konstruiert erscheint. Diese Kritik teile ich nicht, wenn auch die Autorin sich zu wenig Mühe gegeben hat, einige offensichtliche praktische Fragen, die sich aus ihrem Handlungskonstrukt ergeben, befriedigend zu beantworten. Diese Details möchte ich hier nicht diskutieren, da für den Leser ansonsten die überraschenderen Wendungen des Romans vorweggenommen würden.
Meine Enttäuschung über den Roman resultiert vielmehr daher, dass er zu krampfhaft eine psychologische Studie zu sein versucht. Alle handelnden Personen werden durchleuchtet und liegen permanent auf der imaginären Couch des Psychotherapeuten (= des Lesers). Dieses führt dazu, dass die Personen überzeichnet werden und die Erzählung total ausfranst. So wird z.B. über Seiten der Lebensweg und die persönlichen Enttäuschungen einer Nachbarin geschildert, die wenige Worte später stirbt und nicht zur Handlung beiträgt. Jeder Postbote hat Eheprobleme, die ausgebreitet werden. Urlaubsbekanntschaften werden durchleuchtet, Selbstmordphantasien beschrieben. Alle wichtigen handelnden Personen leiden mindestens unter Halluzinationen, wenn nicht unter einer voll ausgeprägten Persönlichkeitsspaltung. Selbst streunernde Hunde kommen nicht ohne Kindheitstraumata aus und sterben metasymbolisch daran, dass sie ihre Welpen nicht gebähren können/wollen. Kurz gesagt: just too much. Die Konstruktion der Personen wirkt angestrengt, wodurch sich auch die spielerische Leichtigkeit der Sprache verliert.
Sprachlich ist der Roman interessant. Es hat mich 30-40 Seiten gekostet, bis ich in den Rhythmus der Sprache gefunden hatte. Zunächst wirkten die Sätze häufig unpassend, mal endlos lang und verschlungen, dann wieder kurz und abgehackt (ein wenig den Fluß der Handlung nachempfindend). Hat man sich hieran gewöhnt, fließt die Sprache zunehmend und man erfreut sich an der ein oder anderen stilistischen oder sprachlichen Feinheit. Dieses wiegt aber (leider) die geschilderten Schwächen des Romans nicht auf.