Wie die Vergangenheit die Gegenwart beeinflusst. In Kim Edwards neuestem Buch steht eine junge Frau - Lucy Jarrett - im Mittelpunkt. Zehn Jahre zuvor ist ihr Vater gestorben. Ein Unfall, der nie aufgeklärt wurde. Wiederkehrende Träume plagen sie. Der Leser wird sehr unsanft darauf hingewiesen, dass sie das Ereignis immer noch nicht verarbeitet hat. Parallel meldet sich die ruhelose Erde von Japan, wo sie mit ihrem japanisch-britischen Lebensgefährten lebt.
Ein Autounfall der Mutter dient als Vorwand für einen Besuch Lucy's in ihrer alten Heimat: Der See der Träume. Eine idyllische Urlaubsregion im westlichen Bereich des US-Bundesstaates New York. In einem vergessenen Geheimfach findet die junge Frau Unterlagen, die weit zurückreichen. Zeitungsausschnitte über die amerikanische Frauenrechtsbewegung, auch eine Liste aller Geburten des Landkreises vom März/April 1911, und einen kurzen Brief, der an ihren Urgroßvater Joseph gerichtet ist, unterschrieben mit einem "R.". Eine Person namens Iris wird darin erwähnt. Ein Vergleich mit einem bestickten Tuch und einer kurzen Notiz, die Lucys Mutter gefunden hat, zeigt, dass die Zeilen von derselben Person stammen. Aber erst als Lucy die Muster von dem Tuch auch auf einem bemalten Glasfenster entdeckt, welches ein Jugendfreund von ihr restauriert hat, erwacht ihr Spürsinn so richtig. Ein Einblick in die Kirchenchronik, Besuche in verschiedenen Archiven folgen. Wofür steht das R.? Wer ist Iris? Und worin besteht die Verbindung zu Lucys Urgroßvater?
Lucy folgt akribisch jeder Spur. Sie entdeckt eine Verwandte, die aus der Familiengeschichte ausgelöscht wurde. R wie Rose. Und diese Rose scheint in Verbindung zu dem renommierten Glaskünstler Frank Westrum gewesen zu sein. Je mehr Lucy in der Vergangenheit herumwühlt, desto mehr Erinnerungen über den Tag, an dem ihr Vater starb, werden in ihr geweckt. Gleichzeitig erfährt sie unter anderem aus Gesprächen, wie ihre Verwandten und Freunde jenes Ereignis erlebten. Am Ende des Buches wird mehr als nur ein Familiengeheimnis gelüftet sein.
Vergangenheit und Gegenwart. Schuld, Verantwortung, Verstrickung. Wir handeln, und die Auswirkungen unseres Handelns sind doch manchmal anders als gedacht. Das muss auch Lucy erkennen. "Handele aus Liebe oder lass es bleiben." Einer der Sätze, die mir in diesem Buch in Erinnerung bleiben werden. Ein anderer: "Es ist kein juristisches Problem, sondern ein moralisches."
Die Themen, die Kim Edwards in ihrem Buch anspricht, haben Potential. Man hätte daraus eine großartige, bewegende Geschichte weben können. Dass dies zumindest meiner Meinung nach nicht gelungen ist, liegt an der Vielzahl der Nebenhandlungen, der Wucht der Symbole und Träume, den konstruierten Verknüpfungen und leider auch ... an den völlig unnötigen Fehlern. Mehr dazu in den folgenden Absätzen. Aber Achtung: Spoilergefahr!
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SPOILERWARNUNG ANFANG - Wer von der Handlung nicht zu viel wissen will, sollte die folgenden Absätze überspringen und erst wieder MEIN GESAMTEINDRUCK lesen.
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ÜBERLADEN MIT BILDERN. Symbole und Träume mäandern durch die Geschichte. Das Erdbeben einerseits. Am Ende des Buches wird es nachlassen, wenn der unterseeische Berg seine endgültige Form angenommen hat. Der Halley'sche Komet, dessen regelmäßige Wiederkehr ungefähr einem Menschenleben entspricht. Oder die weißen Hirsche, die immer wieder erwähnt werden. Um deren Schutz es geht. TRÄUME. Träume, die eine wichtige Entscheidung vorwegnehmen oder einen Gedanken symbolisieren, der in das Bewusstsein vorzudringen versucht. Träume, in denen sich der Bodensatz des Tages chaotisch zu neuen Fragmenten fügt (208). Und die Träume, die Vergangenes immer wieder ansprechen bis es gelöst wird. Lucy hat die unterschiedlichsten Arten von Träumen. Immer wieder. Dass Träume bedeutsam sind, bestätigt ihr Keegan, der von seinen eigenen Träumen erzählt. Die geheimen Wünsche der Seele werden in den wichtigen, den wiederkehrenden Träumen angesprochen. Zumindest glauben das die Irokesen (308). Und offensichtlich glaubt dies auch die Autorin, die uns permanent an Lucys Träumen teilhaben lässt.
Zu viele NEBENHANDLUNGEN. Selbst Mark Twain, der in dem kleinen Ort Elmira seine Sommer verbrachte, wird noch in die Handlung eingebaut. Denn immerhin wurde er zwei Wochen nach dem Besuch des Halley'schen Kometen im Jahr 1835 geboren und er starb 1910, das Jahr der Wiederkehr des Kometen. Es werden Umweltschutz, wirtschaftliche Folgen des Abzugs von Militärstützpunkten, Indianervertreibungen und die Ausgrenzung von Indianern angesprochen. Ein allein erziehender Vater mit einem wahren Lausbuben als Sohn. Ein Bruder, der seine ganz eigenen Probleme hat (Arbeitsplatzmässig und familiär). Und so weiter und so fort.
Des Weiteren versucht die Autorin Parallelen aufzubauen. Insbesondere zwischen der Vergangenheit und dem heute. Rose und Lucy: beide unabhängig, abenteuerlustig. Rose, die Pfarrerin werden wollte. Lucy, welche die erste Ministrantin im Ort war. Parallelen zwischen den Nachkömmlingen von Rose und von ihrem Bruder Joseph (z.B. das Gehör von Julie und Lucy oder auch der Bezug zu Japan).
Kim Edwards bemüht sich so sehr Verknüpfungspunkte aufzubauen, dass dabei die eigentliche Handlung leidet:
Ist eigentlich jemandem aufgefallen, dass zwar einerseits Art, der Onkel von Lucy, behauptet, sein Bruder hätte in jener Nacht immer wieder die Angel ausgeworfen und eingeholt (415), andererseits aber Lucy den Angelkoffer im Kofferraum des Autos gefunden hat? Warum hinterfragt Lucy nicht die Angaben ihres Onkels? Fällt es ihr nicht auf? Irritierend ist auch, dass Art während seines Geständnisses auf einmal als ARTHUR bezeichnet wird. Es beginnt auf Seite 414. Im vorletzten Absatz: "Art machte eine heftige Handbewegung ..." und dann im letzten Absatz: "Ich war, während Arthur sprach, ... in das Schweigen hinein fuhr Arthur fort." Bis zur Seite 416 ist es immer wieder Arthur und nicht Art. Erst auf Seite 417 ändert sich dies: "Art blieb noch eine Weile ... " Mir scheint, da hat jemand vergessen, eine nicht ganz unwichtige Passage der Geschichte zu überarbeiten.
Daneben gibt es leider noch weitere FEHLER und unlogische Stellen. Eine andere Rezensentin hat bereits die Unstimmigkeit mit dem Todeszeitpunkt von Lucys Vater erwähnt. Gleich auf Seite 12 wird erwähnt, dass Lucy 17 Jahre alt ist, als ihr Vater stirbt. Im hinten abgedruckten Stammbaum wird als Todesjahr jedoch 1996 angegeben. Da Lucy 1976 geboren wurde, hätte sie also 20 Jahre alt sein müssen. Außerdem:
- Lucy nimmt bei ihren Nachforschungen auch Einsicht in die Unterlagen der Volkszählung 1915: alle Familienmitglieder sind aufgeführt, auch Rose und Iris. Erst bei der Volkszählung 1925 fehlt Rose. Aufgrund der angegebenen Briefdaten lässt sich jedoch sehr leicht zeigen, dass Rose bereits im Herbst 1914 nach New York gezogen ist, weil ihr Cousin und dessen Frau (die spätere Gemahlin von Joseph) sie wegen ihres Einsatzes für die Frauenrechtsbewegung hinaus geworfen haben (z.B. 246 oder 257).
- Ned stellt sich Lucy und ihrem Mann wie folgt vor: "Ich bin Iris' älterer Sohn" (368) Im Stammbaum auf Seite 459 steht jedoch, dass sein Bruder Keith 1937 und Ned 1941 geboren wurde.
- Ned und seine Frau Carol haben drei erwachsene Kinder, von denen nur das jüngste, Julie noch in der Nähe wohnt (369). Im Stammbaum wird jedoch nur Julie genannt. Auch im weiteren Verlauf des Buches werden die anderen beiden Kinder nie mehr erwähnt.
- "Ned war - wie mein Vater - als junger Mann eingezogen worden ..." (369) Lt. Stammbaum ist Ned zwölf Jahre älter als Lucys Vater und wird zudem auch noch später als jener eingezogen, so dass der Vietnamkrieg bereits beendet ist.
- "Wenn Rose fünfundneunzig war, musste er über sechzig sein." (362) Nicht Rose ist 95 Jahre alt, sondern Iris.
- Wohnort von Yoshis Eltern. Auf Seite 19 wird London genannt, weil Yoshis Mutter Britin ist. Auf Seite 453 reisen Yoshis Eltern aus Helsinki an.
usw.
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SPOILERWARNUNG ENDE
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MEIN GESAMTEINDRUCK: Da wollte jemand zuviel in eine Geschichte hineinpacken. Ein bisserl Indianergeschichte, ein bisserl Japan, ein bisserl Umweltschutz (insb. hinsichtlich dem Thema Wasser). Sehr viel Geschichtliches (Frauenrechtsbewegung). Außerdem tiefschürfende Symbole, bedeutungsvolle Träume. Und natürlich eine komplex gestrickte Familiengeschichte mit jeglicher Form von schuldhafter Verstrickung. Die Autorin hat so viele Nebenhandlungen eröffnet, dass die meisten nur oberflächlich angesprochen werden. Dies betrifft selbst Themen, die eigentlich für die Handlung wichtig gewesen wären, wie den Konflikt zwischen Lucys Vater und seinem Bruder Art. Eine andere Schwerpunktsetzung wäre dringend angeraten gewesen. Weg mit überflüssigen Nebensträngen, weg mit unnötigen Parallelen und statt dessen Konzentration auf ein paar wenige Themen. Des Weiteren waren die logischen Fehler mehr als unnötig.
Man merkt dem Buch und auch den Bemerkungen der Autorin im hinten abgedruckten Interview an, dass ihr die hier verarbeiteten Themen wichtig waren. Umso bedauerlicher, dass nicht wenigstens von Verlagsseite der Inhalt kritisch geprüft und hinterfragt wurde. Schade!
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