Während das letzte Jahr die Newcomer noch überall in den Medien zu hören waren (Drake, B.o.B,...), war in diesem Jahr der wohl interessanteste Rookie neben Leuten wie J. Cole und Yelawolf auf den ersten Blick eher unscheinbar. Kendrick Lamar, geboren in Compton, dem Geburtsort von Leuten wie Dr. Dre und Game, wurde dieses Jahr aber vor Kurzem auf der Bühne von selbigen sowie Snoop Dogg zum "New King of the West Coast" gekrönt.
Und hier in Deutschland hat man eher gar nichts mitbekommen. Aber das ist auch nicht sonderlich ungewöhnlich, wenn man bedenkt, dass Lamar beim Label Top Dawg Entertainment gesignt ist, und es seine ausschließlich digital verfügbare Platte gerade mal auf Platz 113 der Billboard Charts geschafft hat. Dabei fallen die Kritiken überaus positiv aus, kaum einer hat etwas zu meckern. Auch die im Hip-Hop so weit verbreiteten Hater sind gar nicht aufzufinden.
Denn Kendrick Lamar ist nicht umsonst der neue "König der Westküste" und wird auch nicht umsonst als einer der talentiertesten (wenn nicht sogar der talentierteste) Newcomer bezeichnet. Das stellt er in seinem Album "Section.80" eindrucksvoll unter Beweis.
16 Tracks lang unterhält uns Kendrick unheimlich wortgewandt, mit einem großartigem Flow, einer vielseitig eingesetzten Stimme und extrem passenden Beats. Manchmal mag man gar nicht glauben, dass das sein erstes käuflich erwerbbares Projekt ist, so versiert und routiniert rappt er auf "A.D.H.D" seine Zeilen herunter. Er wechselt seinen Flow, die Stimmlage, geht mit den Veränderungen im Beat, als gäbe es nichts Einfacheres als das. Und so geht das ewig weiter. Völlig unverkrampft erzählt Kendrick Geschichten aus seinem Leben, erzeugt dabei oftmals eine triste, und doch lebensbejahende Darstellung (z.B. "Kush & Corinthians") und liefert dabei die volle Bandbreite ab. Von Gehässigkeits-Hymnen ("The Spiteful Chant") über System-Kritik mit Appell-Charakter ("HiiiPower", "F**k your Ethnicity") durch Rap-Olympiaden ("Rigamortus") bis zu Real-Life-Stories ("Keisha's Song").
Lyrisch besonders gelungen sind dabei meiner Meinung nach die Titel, die mit einem Nebentitel versehen sind - also "No Make-Up (Her Vice)", "Tammy's Song (Her Evils)", "Poe Man's Dreams (His Vice)" und "Keisha's Song (Her Pain)". Hier werden starke Geschichten sehr eindrucksvoll wiedergegeben, oder auch bei "No Make-Up" auf ein Problem hingewiesen, was wir eigentlich alle kennen: Schöne Frau benutzt viel zu viel Make-Up und verliert dabei ihre einzigartige Schönheit. Das gepaart mit den wirklich gelungenen Beats und wirkungsvoll eingesetzten Features erzeugen ein unheimlich ausgewogenes Gesamtbild. Simpel in der Mechanik, und doch unendlich komplex in der Ausführung.
Wenn es um die Highlights dieses Jahres geht, sollte "Section.80" also eigentlich auf jeder Liste stehen. Kendrick ist auf seinem Weg, einer der ganz großen zu werden. Denn in Amerika hat er trotz eher schwachen Verkaufszahlen massiv Aufmerksamkeit erregt. Er soll beispielsweise gleich mehrfach auf Dr. Dre's sagenumwobenen Album "Detox" vertreten sein. Seine Zukunft ist absolut rosig. Vor allem, da er dieses Debut ohne Druck veröffentlichen konnte, und die Erwartungen beinahe aller um Längen übertroffen hat. Uneingeschränkte Kaufempfehlung - besonders bei dem Preis, den Amazon hierfür verlangt!
Meine 5 Favouriten:
1. No Make-Up - Großartige Produktion, tolle Thematik, die lyrisch stark umgesetzt wurde.
2. Keisha's Song - Ebenfalls sehr gut produziert, zudem auch noch eine schon fast mitreißende Geschichte, die uns Kendrick da erzählt.
3. A.D.H.D - Einfach ein klasse Sound - Beat, Flow und Text greifen herrlich ineinander.
4. HiiiPower - J. Cole hat an den Reglern alles richtig gemacht - Kendrick überzeugt durch abermals starken Flow und ungezwungene Aufrappelparolen.
5. Hol' Up - Vom Sound her sehr lässig, doch bringt Kendrick sehr gute, teils provokante Lines.