Zu behaupten, Riverside hätten nach ihrem starken Debüt "Out Of Myself" eine 360°-Drehung vollzogen, wäre wohl etwas übertrieben und vielleicht einfach fehl am Platz. Viel mehr entwickelte man mit den Einflüssen der ersten CD und vielen frischen Ideen einen Art-Neoprog, der virtuoser, gewaltiger, dichter und atmosphärischer kaum sein könnte. Bereicherte man die schwebenden Klanglandschaften auf dem ersten Album noch mit gilmouresken Gitarren, wundersamen Effekten, folkloristischen Einsprengseln und einigen, wenigen metallastigen Aspekten, so hat man dies auf "Second Life Syndrome" konsequent weiter entwickelt. Das Ganze wirkt jetzt nicht nur viel schlüssiger als zuvor, sondern betont auch den hohen Grad an Abwechslung, und das über die gesamte Länge von gut 65 Minuten.
Wir steigen ein mit "After". Flüsternde Verse gehen über in beschwörenden Gesang, begleitet von schamanenhaften Stimmen. Man erinnert sich an den ersten Teil von "Reality Dream" des ersten Albums, diese wundersame Atmosphäre baute sich schon damals auf, und o Heiland, es scheint ganz so, als würde es wieder passieren. Nun setzt der neue Mann an den Keys, Michal Lapaj, ein und übertrifft schon jetzt seinen Vorgänger, indem er mit seinem gekonnten Spiel den Sound perfekt akzentuiert. Schliesslich endet der Song mit Piotr Grudzinskis klassisch-hymnischem Gitarrenspiel.
"Volte-Face" dann, setzt mit treibendem, schon fast polterndem Intro ein. Irgendwie befürchtet man, dass es jetzt so weitergehen könnte, doch gerade als man diesen Gedanken auszuführen gewagt hat, sticht eine wunderbare Melodie aus den Lautsprechern und schon ist dieses Feeling da, was man sonst nur von Pink Floyd, Porcupine Tree, Opeth in ihrer Damnation-Phase oder gar Marillion kennt. Diese Vergleiche sind übrigens durchaus angebracht, will man die Band wirklich unbedingt irgendwo einordnen. Als die Orgel gepaart mit Piano ertönt ist jedoch klar, dass hier etwas ganz Eigenständiges am Werke ist. Immer mehr baut sich diese schwebende Atmosphäre auf und Sänger Mariusz Duda stellt nun sein auf "Out Of Myself" angedeutetes, stimmliches Potenzial unter Beweis. Ähnlich wie ein gewisser Mikael Åkerfeldt versteht es Duda absolut reine Passagen zu singen und im nächsten Moment vor Wut auszurasten. Wahnsinn.
"Conceiving You" ist zwar weniger spektakulär, fügt sich aber doch perfekt in das Gesamtbild ein, welches das Album noch preisgeben wird. Natürlich geben sich hier wunderbare Melodien, typischer Neoprog-Rock und traumhafte Pianoeinlagen die Hand, und bilden somit einen perfekten Übergang zu dem, was nun folgt.
Ein moderner Klassiker. Kein Song, schon jetzt Legende. Wer den ersten Teil von Pink Floyds "Shine On You Crazy Diamond" kennt, und von einem glücklichen Menschen, der beim damaligen Release der "Wish You Were Here"-Scheibe dabei sein durfte, erzählt bekommen hat, was diese Gruppe zu dieser Zeit in den Köpfen von vielen Menschen auslöste, der kann nun dieses Gefühl nachvollziehen, denn der Titelsong "Second Life Syndrome" ist eine Liebeserklärung an den neuzeitlichen Prog-Rock. Sowas erlebt man ganz selten. Mit welcher Leichtigkeit hier die Instrumentalisierung mit Melodie, Progressivität und dem Wechselspiel aus laut und leise zu einem fast 16-minütigen Monstrum verschmolzen wird, ist schlicht und ergreifend zum heulen genial. Und ich dachte schon, sowas dürfte man nie wieder erleben.
Allein schon für diesen Song teilen sich Riverside ab sofort meine Riege der neuen Helden des Progressive-Rock mit solch illustren Gefährten wie The Mars Volta, Liquid Scarlet, Tenhi, Little Atlas, Isildurs Bane und anderen ...
Noch ganz in Ekstase von Grudzinskis Gitarrenspiel, das ich garnicht oft genug betonen kann, geht es nun mit "Artificial Smile" weiter. Ich fühle mich so stark an "Deadwing" von Porcupine Tree erinnert, dass in mir leichte Zweifel aufkommen. Gerade aus rockig und treibend, ich werde ungeduldig und dann schaffen es die Jungs wieder mich völlig unerwartet zu überfallen. Ein Wechselspiel aus bedrohlichen und hypnotisierenden Parts tanzt nun um den mittlerweile schreienden Sänger und lässt den Song stürmisch enden. Die Überraschung ist geglückt.
"I Turned You Down" kommt dann wieder aus einer ganz anderen Ecke. Ich musste ehrlich an Metallicas "S&M - Symphonie & Metallica" denken, als die Streicher einsetzten und den Song wahrlich episch einleiteten. Sänger Mariusz setzt mal wieder alles daran, seinem lethargischen Gesang Platz zu verschaffen, was ihm mit Bravour gelingt, bevor Piotr das Ganze mit seinem Spiel unterstreicht und der Hymnencharakter der Gruppe wirklich zur Geltung kommt.