Buchnotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 30.05.2001
Nach Daniel Dreesmann ist dies vermutlich das "einzige 'botanische Geschichtsbuch'", das sich nicht nur an Spezialisten wendet. Botanische Vorkenntnisse sind also nicht erforderlich, beruhigt der Rezensent. Insgesamt zeigt er sich sehr angetan von dieser aktualisierten Geschichte um bedeutende Pflanzen, die die Welt veränderten, etwa Kartoffeln, Baumwolle oder auch der Kokastrauch. Dreesmann erzählt mit spürbarer Begeisterung von einigen Erkenntnissen, die er bei der Lektüre gewonnen hat, etwa welche Bedeutung der Kokastrauch für die körperliche Leistungsfähigkeit in den Anden hatte, gleichzeitig damit aber auch eine zunehmende Ausbeutung der Arbeiter einherging. Oder auch davon, dass ohne die malarialindernde Chinarinde viele Sumpfgebiete niemals hätten besiedelt werden können.
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Wer morgens genüsslich ein oder zwei Löffel Zucker in seinen Tee rührt, mittags auf Kartoffeln nicht verzichten will und zudem Bekleidung aus Baumwollstoffen bevorzugt, der nutzt mehr oder weniger unbewusst vier von sechs Pflanzen, die nach Ansicht des britischen Journalisten Henry Hobhouse den Lauf der Geschichte stärker beeinflusst haben, als es auf ersten Blick erscheinen mag. «Sechs Pflanzen verändern die Welt» lautet deshalb auch der Titel des Buches, mit dem der Verfasser seine Leser auf eine Reise durch die Jahrhunderte und Kontinente einlädt.
Bereits vor 16 Jahren erschien die erste Auflage dieses Buches, das zudem die Bedeutung von Chinarinde und dem darin enthaltenen Chinin für die Linderung der Malaria beschreibt, mit dessen Hilfe Menschen erst malariaverseuchte Sumpfgebiete besiedeln konnten. Hobhouse schildert anschaulich und anekdotenreich, wie die durch die Europäer in alle Welt verschleppte Malaria bis zur Entdeckung geeigneter Medikamente einen immensen Bedarf an Chinarinde erforderlich machte, um die Kolonien kontrollieren und die Arbeitskräfte überhaupt bei ausreichender Gesundheit erhalten zu können.
Zu den fünf Pflanzen der ersten drei Auflagen kommt in der neusten Auflage als sechster Weltveränderer der Kokastrauch hinzu. Dabei ist nicht nur die Erfolgsgeschichte eines gewissen John Pemberton nachzulesen, dessen Gebräu aus Zucker, Karamell, Phosphorsäure, Glycerin und weiteren Bestandteilen auch Extrakte von Kokablättern enthielt und in modifizierter Form heute als Coca-Cola eines der beliebtesten Erfrischungsgetränke darstellt. Hobhouse geht natürlich auch auf das Kokain ein, dessen eigene Geschichte vom «harmlosen» Schnupfen- und Erkältungsmittel, das Anfang des 20. Jahrhunderts in jeder Apotheke frei erhältlich war, zur harten Modedroge mit all den negativen Folgen nachgezeichnet wird. Andererseits bleibt auch nicht unerwähnt, dass ein Aufguss von Koka-Blättern die körperliche Leistungsfähigkeit in den Höhenlagen der Anden merklich zu steigern vermag. Doch auch diese Eigenschaft wurde brutal ausgenutzt, um die Arbeitsleistung von den Arbeitern der südamerikanischen Silberminen zu erhöhen.
Immer wieder sind es die scheinbaren Nebensächlichkeiten, die die Lektüre des Buches bereichern. So erfährt man nebenbei, dass jedermann im Hollywood der 1930er Jahre wusste, dass das von Charlie Chaplin im Film «Moderne Zeiten» verwendete Nasenpulver nichts anderes als Kokain sein konnte. Und mit dem Spinat, der die Comicfigur Popeye zu Höchstleistungen befähigt, haben sich die Zeichner einen Scherz erlaubt, indem sie dem unspektakulären Gemüse Eigenschaften zuschrieben, wie sie nur Kokain besitzt. «Sechs Pflanzen verändern die Welt» ist wohl das einzige «botanische Geschichtsbuch», das sich mit vielen, auch überraschenden Details an eine breite Leserschaft wendet. Botanische Kenntnisse sind nicht erforderlich, Neugier darauf, wie unspektakuläre Blätter oder Knollen die Welt verändert haben, ist hingegen erwünscht.
Daniel Dreesmann -- Neue Zürcher Zeitung