Die Geschichte von Sebastian Deisler ist in vielerlei Hinsicht sehr interessant, weil sie viele Extreme miteinander verbindet. Ein Jahrhundert-Talent, das genau dann auf der Bildfläche erscheint, als der deutsche Fussball eine schlimme Phase - vielleicht seine schlimmste überhaupt - erlebt. Angefangen in der "Nach-Vogts-Zeit" ab 1998 mit den Nationalelf-Debakeln um Häuptling Silberlocke (Ribbeck) mindestens bis zum EM-Ausscheiden 2004 rumpelt es bei den Spielern mit dem deutschen Bundesadler. Daran kann auch das Strohfeuer der WM 2002, in der man sich mit Querpass-Fussball bis ins Finale "ramelowt", nicht wirklich etwas ändern, denn jeder Fussballfan weiß: Mehr Losglück und Dusel kann man in einem Turnier nicht haben. Aber was viel schlimmer ist: Es ist weit und breit keine Besserung in Sicht. Junge Spieler? Fehlanzeige! Einzig Michael Ballack und etwas später noch Klose machen Hoffnung. Genau zu Beginn dieser Phase der immer tieferen Tiefpunkte erscheint Sebastian Deisler auf der Bildfläche. In der Saison 1998/1999 macht er seine ersten Spiele und spätestens nach seinem ersten Tor (Sololauf über 60 Meter mit herrlichem Abschluss) ist klar: Das ist eine Granate; ein kleiner deutscher "Messi". Es scheint so, als hätte man Deisler auch in 2 oder 3 Toptalente aufteilen können, stattdessen schenkt Gott den deutschen aber nur dieses eine "Jahrhundert-Talent". Aber neben Deisler keine Spur von veranlagten Talenten, die U-Nationalmannschaften werden - wenn nicht schon in der Quali - spätestens in den Vorrunden aus den Turnieren gebolzt. Tatsächlich stößt Deisler damit - abgesehen von Ballack - in ein Kreativvakuum. Ein Wahnsinns-Hype entsteht, nur Deisler kann Deutschland retten, darüber ist man sich allseits eilig. Dazu gesellt sich Deislers emotionale Sensibilität. Ich denke diese 3 Pfeiler - die Medienmaschinerie, die eine Person vollkommen für sich vereinnahmt, die langandauernde Fussballdepression mit immer neuen Tiefpunkten und Deislers sensitive Veranlagung - beschreibt das Buch sehr schön und so kann man die ganze Geschichte um ihn zumindest begreifen.
Ballack hat damals Freude und Zuversicht bei den deutschen Fussballfans ausgelöst, Deisler aber hat zu Hysterie geführt. Er konnte flanken und Freistöße schießen wie Basler, hatte ein Auge wie Bernd Schuster und war quirlig wie Mehmet Scholl. Jeder wusste, in Topform ist er kaum zu stoppen; was, wenn der noch einige Jahre an sich feilt und sich weiterentwickelt? Durch sein außergewöhnliches Talent ist um ihn und in ihm eine kritische Gemengelage entstanden, an der er letztlich gescheitert ist. Allerdings frage ich mich auch, wie ein junger Mann um die 20 das überhaupt verkraften soll, den ganzen Hype, den medialen Wahnsinn. Ich denke er hätte einfach sein Ding machen müssen, unabhängig davon, was die Medien von ihm erwarteten und sich selbst nicht so unter Erfolgsdruck setzen dürfen. Natürlich leicht gesagt.
Das Buch gibt tiefe Einblicke in sein Leben, seine Seele und zu seinen Wurzeln, bis in seine Kindheit. Das macht es sehr interessant, weil man meint, die Geschichte zu verstehen. Ich halte ihn für eine absolut ehrliche Haut und habe großen Respekt vor ihm. Der Autor schreibt insgesamt unparteiisch, gut lesbar und trotzdem nicht oberflächlich, ganz im Gegenteil: Letztlich stellt sich die Frage, ob das, was heute in dem Geschäft abgeht, noch menschlich ist und jeder sollte ein wenig Kontemplation betreiben und in sich hineinhorchen, ob er durch seine Informations- und Sensationsgier nicht auch ein Stück weit daran beteiligt war/ist. Für Fussballfans ein absolutes Muss!!!
Schade, dass uns der Fussballer Deisler nicht mehr verzaubern kann!!