Vielleicht gerade weil ich die bisherigen vier Alben von Bush - allen voran Sixteen Stone und Razorblade Suitcase - auch heute noch großartig finde (locker 5 Punkte), bin ich von "Sea of Memories" etwas enttäuscht. Zugegeben: Mehr hatte ich nach den zuletzt schwachen, zu glatten, belanglosen Alben von Gavin nicht mehr erwartet. Vielleicht liegt es ja doch daran, dass zwei frühere Mitglieder fehlen, auch wenn die angeblich wenig Einfluss hatten.
Denn fakt ist: Die zweite Gitarre von Chris Traynor ist wiedermal ziemlich öde arrangiert. Im Vergleich zu seinem Vorgänger Nigel Pulsford, der damals einen ganz eigenen, großartigen Stil kreiert hatte, wirken seine Gitarren-Parts langweilig, einfalls- und emotionslos, ohne Gefühl für den richtigen Moment. Die dudelt einfach so vor sich hin, immer gleich.
Was ebenfalls auffällt: Bush war immer bekannt für sehr einfache, aber wahnsinnig groovende, coole Basslinien (Comedown...Swallowed, Cold Contagious...Solutions, um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen). Das war geradezu ein Markenzeichen (Dave Parsons ist ja leider auch nicht mehr dabei). Sowas fehlt auf dem aktuellen Album völlig, der Bass ist zudem - wie der ganze Rest - überproduziert...ganz im Gegensatz zur Steve-Albini-Produktion von "Razorblade Suitcase". Ein weiteres Markenzeichen von Gavin: Er konnte wunderbare Balladen komponieren (u.a. Glycerine, Letting the cables sleep, Inflatable). Dieser Kalviersong hier ist da vergleichweise enttäuschend, auch wenn vielleicht sogar der zweitbeste Song. Wesentlich besser ist zum Beispiel die Akustik-Version von "Float" auf der zweiten CD, kein Wunder, denn Float ist noch ein klasse Song von "Golden State".
Fast der einzige Lichtblick auf dem regulären Album ist für mich "The Sound of Winter", der noch an alte Bush-Zeiten erinnert und ziemlich gut auf das Golden-State-Album gepasst hätte. Auch der erste Song ist ganz passabel...aber dann hört es schon fast auf...Was mich freut ist, dass Robin Goodridge am Schlagzeug wenigstens wieder mit von der Partie ist. Er liefert wie immer eine solide Leistung ab, ist live auch sehr gut, und hier auf dem Album ist sein Spiel vielleicht sogar das Highlight. Wie sagte Robin damals: "There's nothing a drummachine can do that I can't do."
Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal ein Bush-Album negativ kritisieren würde. Nun bin ich mal auf das Live-Konzert gespannt. Damals habe ich Bush dreimal gesehen, unvergessen auch der Bush-Mitschnitt vom Bizarre-Festival 1997 (was für ein Sound!), der damals ab und zu noch im Musikfernsehen lief. Ich hoffe, dass Gavin selbstkritisch genug ist und live vor allem die großartigen alten Songs spielt, hoffentlich auch ein paar "schmutzigere" Songs wie Insect Kin.
Fazit: Das Album plätschert vor sich hin, musikalisch und gesanglich wenig Abwechslung, der Sound ist zu glatt, die Stimmung könnte melancholischer, düsterer sein...insgesamt nicht einmal Durchschnitt, deshalb nur zwei Punkte, den Punkt für die alten Zeiten gebe ich nur gedanklich...oder besser: im Herzen. Trotzdem freue ich mich, einige der besten Rocksongs der 90er bald noch mal live hören zu dürfen.