Sie saß im Taxi, als sie den Anruf der Polizei erhielt. Sie erfuhr, dass ihr Ehemann tot in der Wohnung des Freundes gefunden worden ist, mit dem er die Nacht zuvor unterwegs gewesen war. Überdosis Methadon und Alkohol. Das geschah im März 2008.
Knapp zwei Jahre nach diesem Verlust legt sie nun den Nachfolger zu ihrem selbstbetitelten Nummer-Eins-Album aus 2006 vor, das ihr Grammy-Nominierungen und englische Musikpreise beschert hatte und bislang 4 Millionen mal weiltweit verkauft worden ist.
"The Sea" hat es ungleich schwerer als der Vorgänger: Die 4 Jahre, die seit dem Erstling vergangen sind, die stets immens hohen Erwartungen an ein 2. Album und die persönliche Erfahrung vom Tod des Ehemanns, die sich zwangsläufig auf dem Album niederschlägt und die C.B.R. offen und ehrlich mit "The Sea" verarbeitet, können eine große Hürde für das Album darstellen.
Erfreulicherweise läßt sich C.B.R. nicht davon abschrecken oder beindrucken. Sie liefert auf "The Sea" elf wundervolle Songs in dem ihr eigenen Mix aus Soul, Jazz und auch R'n'B, und beschäftigt sich in ihren Texten natürlich mit dem Tod und mit dem Wieder-Aufstehen und Weitergehen. Für C.B.R. strahlt dieses "Keep going" eine Schönheit und Mystik aus und ist zudem ein kleines Wunder für sie. All das wirkt sich positiv auf ihre Texte und ihre musikalische Entwicklung aus, entwickeln die Songs doch einen Tiefgang, der den des Vorgänger-Albums übertrifft: Manchmal ruhig und auch tief wie ein See, manchmal rauh und aufgewühlt. Aber, die elf Songs werden nicht nur von Melancholie getragen, es schwebt immer ein Schimmer von Zuversicht und Hoffnung in ihnen mit, der den Songs den besagten positiven Hauch gibt und der mal von einer zerbrechlichen und dann wieder von einer kräftigen, energischen Stimme getragen wird. Demnach findet man auf diesem Album auch nicht nur ruhige Soul-Balladen wie "I would like to call it beauty" und "The Sea", sondern auch gelassene Mid- und Uptempo-Nummern wie "Closer" und das gelungen muntere "Paris Nights/New York Mornings".
Besondere Anspieltipps sind "Are you here", "Loves on its way" und "Driving for hearts", die ruhig und getragen beginnen, sich aber dann gewaltig aufbauen und jeweils ein kleines Werk in sich darstellen.
Mein Favorit ist jedoch "The blackest Lily", der melodischste und fröhlichste Song des Albums.
Ob Corinne Bailey Rae mit "The Sea" an den bisherigen Erfolg anknüpfen kann, ist zwar fraglich, aber auch absolut sekundär. Es ist ihr natürlich zu wünschen. Viel bedeutender ist jedoch, dass ihr mit "The Sea" ein wunderbares Album gelungen ist, das auf der ganzen Linie überzeugt. Wie von Kulturnews.de bereits erwähnt, wäre es ihr ohne den Verlust des Ehemanns zu wünschen gewesen.