Dagmar Rohnstock(2007): Zeit- und Selbstmanagement für Lehrende. Berlin: Cornelsen, 160 Seiten, 16, 95
Wer Hilfe suchenden Lesern Antworten anbietet, deren größte Leistung ein Placebo-Effekt ist, stößt auf eine große Nachfrage und (leider) selten auf eine ebenso große Skepsis. Den Patienten wird das Rezept in einem appellativen und betont positiven Sprachstil verkauft: Du kannst es, du musst nur wollen !" Die Rede ist von der Ratgeberliteratur. In diesem Fall legt Dagmar Rohnstock ein Buch über Zeit- und Selbstmanagement für Lehrende vor. Die Rezension soll über den Inhalt hinausgehen und exemplarisch diese ungemein populäre und daher leicht zu kritisierende Gattung besprechen.
Die in neun Kapiteln gegliederte Hauptaussage des Buches lautet: Der Ideal-Lehrer befindet sich im Gleichgewicht, wenn er die nötige Distanz aufbaut und Freiräume sich schafft, wenn er seine Arbeit rhythmisiert und die Arbeitszeit kontrolliert, wenn er mit anderen kooperiert und schließlich eigene und fremde Erwartungen reflektiert und Ziele definiert. In der Sprache der Autorin klingt das so:Suchen Sie nach einer stimmigen Balance." Nutzen Sie Ihren Anrufbeantworter." Steigen Sie ganz und mit allen Sinnen ein." Beschleunigen Sie auch relativ unwichtige Gespräche." Lockern Sie sich kurz und hüpfen Sie auf und ab." Beenden Sie Ihren Unterricht in der Regel rechtzeitig." usw. Diese Art von Empfehlungen prägt das Buch und entbehrt nicht einer gewissen Komik. Auffällig ist: Immer ist der Leser auch gleich der Problem-Lösende. Sicherlich ist es keine Lösung, wie die Autorin vorschlägt, zeitraubende Korrekturen mithilfe stichprobeartigen Vorgehens, mit Schablonen, Standardtests, Multiple-Choice-Verfahren" usw. zu beschleunigen. Für ein tieferes Verständnis, aus dem ein pädagogisch-nützliches Wissen entspringe könnte, wären ein anderer, ein kritischer Ansatz nötig. Die Frage ist nicht, wie man schneller korrigieren kann, sondern wie Korrekturen einen pädagogischen Wert bekommen! Etwa indem Lehrer ihre Klassenarbeiten mit den Schülern im Unterricht korrigieren. Indem Ergebnisse nicht in Ziffernoten gegossen, sondern in individuellen Rückmeldungen gewürdigt werden. Indem zu Beginn gemeinsam ein Halbjahresplan samt Korrektur- und Wiederholungsphasen festgelegt wird. Indem Arbeiten fächerübergreifende (überraschende") Fragestellungen aufwerfen. Indem Projektarbeiten an ihre Stelle treten, denn möglich wäre das. Warum diese in der Theorie banalen Vorschläge in der Praxis nicht umgesetzt werden, würde und müsste ein echter Ratgeber" offen diskutieren. Ein Buch über Zeit- und Selbstmanagement muss bei der Rahmen setzenden Schule und Gesellschaft anfangen. Es kann nicht ohne ein pädagogisches Programm auskommen, weil der Lehrer ein Pädagoge ist und kein Manager" für Kinder und Jugendliche.
Dieses Buch bietet sicherlich dem einen oder anderen Leser kurzfristig Tipps, aber kein tieferes Verständnis. Es eignet sich zur Vor- und Nachbereitung einer Fortbildung oder als Gelegenheit zum Schmökern. Aber nehmen Sie es bitte nicht allzu wörtlich ! Auf einer der liebevoll erstellten Zeichnungen im Buch sitzt ein Lehrer unter seinem Tisch und soll verdeutlichen: Ich mache eine Kleinstpause." Hoffentlich wissen das seine Kollegen und Schüler auch - und tragen es mit Humor !
Oliver Gunkel-Pfitzner