Scribus Kompakt habe ich mir in der aktuellen Version aus der Uni-Bibliothek besorgt und bin inzwischen heilfroh, nicht einen Cent dafür bezahlt zu haben!
Es liegt mir fern, dem Autor böse Absicht zu unterstellen, doch mir drängt sich der Verdacht aus, dass er sich mit der Materie DTP überhaupt nicht auskennt bzw. sich zwar in die Scribus-Software eingearbeitet und oberflächlich Literatur zum Thema DTP angelesen hat, aber im Prinzip die Grundlagen für „echtes“ DTP nicht kennt.
Alleine schon bei den Äußerungen zur Typografie stellen sich mir die Nackenhaare auf. Typografie: das logischerwiese unverzichtbarste Element im klassischen Bleisatz und damit auch ein wesentlicher (mitunter auch problembehafteter und Lösungen erfordernder) Teil wird mit sage und schreibe zwei Absätzen abgehandelt. Ganz zu schweigen davon, dass sie inhaltlich nicht mal stimmen. Gerade hier ist es unabdingbar notwendig, dem Benutzer die richtige Anwendung am PC nahe zu bringen. Gerade das macht doch das Desktop-Publishing aus!
Eine Software zu beschreiben bedeutet immer, sich tief in Technik und Funktion einzuarbeiten. Im Buch wird ordentlich jede nur mögliche Schaltfläche beschrieben (was mit gut gefällt: die Pfade werden immer benannt!), was allerdings völlig fehlt ist eine Erläuterung, wozu diese oder jene Funktion nützlich ist, was sie dem Benutzer bringt und wie und wann und wo sie sinnvoll und arbeitserleichternd eingesetzt wird.
So wird es sicherlich vorkommen, dass Unerfahrene oder Anfänger Funktionen eventuell falsch oder gar nicht anwenden und sich das Leben nur unnötig schwer machen. Im Gegensatz dazu werden selbsterklärende Buttons wie „Vollbildmodus verwenden“ oder „Symbolleisten ausblenden“ erklärt. Natürlich fehlt der Hinweis, wie man z.B. den Vollbildmodus wieder verlässt; die Erklärungen also völlig für die Katz sind: hauptsache, es kommt genug Füllstoff für ein dickes Buch zusammen. Dieser Unsinn zieht sich im übrigen durch das komplette Buch...
Praxispobleme werden generell nicht beleuchtet, ja nicht einmal im Ansatz erwähnt. Besonders bitter stößt mir hier das Thema „Farbe“ auf. Außer die Erwähnung von ICC-Profilen und den Standardfarbräumen wird nicht auf Umrechnungsprobleme vom CMYK nach RGB eingegangen, es wird das übliche „Schwarzproblem“ nicht erwähnt, es fehlen Angaben zu den Weißwerten im Bezug auf druckbare bzw. nicht druckbare Hintergrundfarbe und wie sich die Farben verhalten, wenn man farbiges Papier verwendet. Hintergrund meines Gemeckers: in anderen DTP-Programmen ist der Hintergrund generell transparent, obwohl er weiß angezeigt wird. Sobald man ihn ändert, erhält die „Farbe Weiß“ in der Farbpalette die Hintergrundfarbe: solche „Kleinigkeiten“ hätte ich gerne erwähnt gewusst, denn im Scribus wird diese Angelegenheit mit Rahmen erledigt. Das ist eine oft gestellte Anfängerfrage... auf die dieses Buch keine Antwort gibt.
Dass im Textbereich auf Schusterjungen und Hurenkinder nicht eingegangen wird, dafür wird der Autor wohl einen Grund gehabt haben: diese Funktion existiert (noch) nicht in Scribus. Und genau das hätte der Autor erwähnen müssen! Mit etwas Bastelei ist nämlich auch dieses Problem kreativ zu lösen. Allerdings muss ich dem Benutzer Heinrich Imbusch, der hier schon bewertet hat, beipflichten: Auf die Gefahren der automatischen Silbentrennung muss hingewiesen werden. Weiterhin: Auf Ligaturen (können bei Nichtvorhandensein am PC teilweise per Zeichenabstand gesetzt werden) wird nicht eingegangen, es wird lediglich erwähnt, dass sie abhängig von der Schriftart vorhanden sein können. Wozu man sie genau nutzt, und wie man auch hier eventuell auftauchende Trennungsprobleme vermeidet: kein Wort davon!
Das letzte, was mich aus den Socken gehauen hat, bevor ich das Buch zurück in die Bibliothek gebracht habe, war die Abhandlung über die „Druckvorstufenüberprüfung“. Es wird artig Bezug genommen auf die automatisch zur Verfügung gestellten Funktionen von Scribus. Mit keinem Wort wird erwähnt, was tatsächlich noch zu beachten ist, wie z.B. die Einbettung von Sonderfarben uvm. Hier fehlen eindeutig wichtige Informationen. Wenn das Druckergebnis hinterher nicht stimmt, hat der Leser kaum Chancen, seine Fehlerquelle aufzuspüren.
Im gesamten Buchverlauf wird kaum ein Unterschied zwischen der Erstellung von Digital- und Printmedien gemacht, obwohl hier unterschiedlich geplant werden muss (es gibt ja z.B. Unterschiede zwischen Druck- und Bildschirmauflösung...). Nunja, ich könnte über jeden einzelnen Gliederungspunkt Buch Romane schreiben, aber ich lasse es sein.
Insgesamt ist das Buch ein Ärgernis. Von den etwa 460 Seiten bleibt kaum eine sinnvolle Information übrig. Würde man den ganzen Unsinn streichen, hätte man Platz, um die wirklich wichtigen und vor allem FACHLICH RICHTIGEN Infos unterzubringen.
Als Nachschlagewerk nicht geeignet. Als Lehrmaterial zum Selbststudium zu unvollständig und viel zu fehlerbehaftet.
Mein persönliches Fazit:
I wois ned. I koans ned empfehlen, sparts euch des Geld und informierts euch im Scribus-Forum oder kaufts gleich ein professionelles Scribus-Buch! Von em Autor mit Dogdortidl erwoart i mir hoalt a bissle mehr.
Für mich nicht nachvollziehbar, wie solch ein Buch zu so guten Bewertungen kommt...
Schade!