Aphelia ist bereits das sechste Album der dynamischen Berliner Band, jedoch stellt dieser neue Silberling mit seiner neuen Konzeption und Klangform seine fünf Vorgänger bei weitem in den Schatten. Stimmgewaltiger mit stetem Wechsel zwischen Kopf- und Bruststimme und Gitarrenlastiger als je zuvor brechen Scream Silence damit in ganz neue Sphären der Melodien auf und trägt den geneigten Zuhörer auf deren Schwingen durch die Geschichte der "Aphelia", die insgesamt 10 Tracks und als Bonus in der limitierten Version noch 3 Live-Aufnahmen, umfässt.
Die klaren Strukturen der Lyrics entführen auf eine absolut intensive und berauschende Reise, dass es dafür nicht nur eine Gänsehautgarantie gibt, sondern ebenso einen lebendigen Film vor dem geistigen Auge entstehen lässt, von dem Mädchen Aphelia (die Sonnenferne) und der Reise zu sich selbst. Angefangen in einer leeren, grauen Welt, die sich doch zunehmend mit Farben füllt bei jeder neuen Emotion und jeder neuen Erfahrung. Dabei schenken auch die sanften Klänge bei den Übergängen zwischen den Liedern, dem Album einen zarten Hauch von Hörbuchcharakter.
Den Opener macht die Ballade "My Eyes", welche zunächst auf sanften Klängen in die Welt von Aphelia führt, jedoch bereits im Refrain, musikalisch wie auch stimmlich, zu einer derartigen Klangexplosion führt, dass der Zuhörer bereits hier die tiefgründige, aber kraftvolle Veränderung spüren kann. Während der Nachfolgesong "Harvest" wieder an die älteren ScSi Werke erinnert und das sehr rockig und ordentlich laut. Mit "Kerosene" wird es dann richtig dreckig im Sound. "I'm your ruin and you are my ruin-ess" stimmt Hardy Fieting das Wortspiel im Refrain an, während Robert Klausch und René Gödde ihre Gitarren nahe an die Belastungsgrenze treiben. Ein außergewöhnliches Stück, dass im Einzelnen gesehen am wenigsten passen würde, doch im Konzept genau dort ist wo es hingehört - in Aphelias Geschichte. Meine persönlichen Favoriten sind die Lieder "Nothingness" und "My Tenebrous Illusion". Ist das eine eher ruhiger und melancholischer angehaucht mit erstaunlicher Wendung und kraftvollen Stimmwechsel, ist das andere rhythmisch und mit harten drums, die trotz dem etwas düsteren Text sofort für gute Laune sorgt. Auch, dass ein solch "temperamentvolles" Lied auf ein "sinnlicheres" folgt, erinnert an das eigene Leben, wo die Stimmung selber hin und wieder zwischen "himmelhochjauchzend" und "zu Tode betrübt" schwankt. Wohl gewählt ist das Ende, wie der Anfang eine Ballade und zwar in Form des Songs "Aphelia", der auf diese epische Art und Weise die Geschichte abschließt und zu der in sich stimmigen Vollendung führt.
Ingesamt ist das Album härter, als seine Vorgänger. Während die Gitarren im Vordergrund stehen, untermalen die Keys deren Klang zu kraft- und machtvollen Stücken die in absolut perfekter Symbiose zu den vocals stehen. Die steten Wechsel zwischen Kopf- und Bruststimme wirken gezielt gesetzt und überladen damit die Songs nicht - im Gegenteil, dadurch entfacht erst die komplette tragende Energie des Albums, denn trotz der teilweise doch sehr harten Töne verleiht es dem ganzen einen tiefgründigen und doch schon sensiblen Touch.
Das Cover und auch das Booklet lässt der Phantasie einen großen Spielraum. In doch recht kühlen Farben gehalten, erinnert es an die Welt, bevor sie zu der endgültigen Pracht heranwächst und doch eben "sonnenfern" ist. In der Mitte prangt eine Art "Loch", welches meiner Meinung das fehlen der Sonne symbolisiert. Dieses Loch ist als aber wie die Aushöhlung des Mineralsteines "Achat" aufgeführt. Also quasi ein hohler Stein, mit einer Vielzahl an Kristallen an seinen Wänden, welche z. B. die die vielen Phasen des Lebens oder eben auch die vielen unterschiedlichen Leben aufweisen könnte. Vielleicht sagen uns auch die Flügel um diesen Loch, dass man der Kälte, dem Nicht-Sein und der Sonnenferne entfliehen kann, wenn man nur bereit ist diesen Weg zu gehen. Warum nicht, denn...
"It seems so far - Aphelia"
...und Schein ist schließlich nicht gleich Sein.