Es sind die kleinen Unterschiede. Während Sting sich derzeit selbst ein orchestrales Monumental-Denkmal setzt und dabei alte, bessere Tage aufzukochen versucht und sein «Standing» als ernsthafter Musiker nun mit dem dritten eher klassischen Album in Reihe vergeblich zu unterstreichen versucht, verbeugt sich der Großmeister Peter Gabriel mit einem wunderbar zurückhalten Album vor großen Zeitgenossen und vielversprechendem Nachwuchs. Wie angenehm, das eigene Werk nicht in Sülze zu verpacken, sondern großen Helden wie Neil Young, David Bowie, Lou Reed aber auch vergleichsweise «alternative» Acts wie Radiohead, Arcade Fire, Regina Spector, de Magnetic Fields oder Elbow einen neuen, ungewohnten Rahmen zu geben. Dass Gabriel dabei nicht auf die mit klassischen Instrumenten stets drohend Zuckerguß-Suppe setzt, nicht auf die große Geste, sondern auf einen fast minimalistischen Klangkontext, weist ihn erneut als geschmacks- und treffsicher aus, meilenweit entfernt von den ergrauten Alterswerk-Klassikkitsch-Kooperationen anderer Rockmusiker. So ruhig und kontemplativ wie das Cover-Motiv ist auch das Cover-Album geworden, minimalistisch instrumentiert, auf die unverwechselbare sonore Stimme des britischen Ausnahmemusikers setzend.
Und es wäre natürlich auch kein echtes Peter-Gabriel-Projekt, wenn es nicht auch auf seinem (nur) achten Studioalbum nicht eine Art Konzept gäbe ' hier ist es eine Art Song-Austausch, die in die reale Welt übergetauschte Welt von Musik-Torrents, bei dem die von Gabriel gecoverten Künstler sich wiederum Songs von ihm vornehmen sollen, die dann auf einem späteren Album erscheinen sollen. Die Idee des Zwillingsalbums ist zumindest bei dem ersten der beiden Brüder ausgenommen gut gelungen ' die von John Metcalfe (Durutti Column, was vielleicht den Indie-Einschlag der Auswahl erklärt) arrangierte und von Bob Ezrin im legendären Air Lyndhurst Studio produzierte Einspielung zeigt, dass es sich immer noch lohnt, auf ein neues Album von Gabriel zu warten. Keine Spur von der komplexen Überproduktion, mit der er bei Up brillierte, sondern eher die karg-wilde Innerlichkeit, die 2002 vielleicht «The Drop» bereits vorwegnahm.
Der Kunstgriff von Scratch my back ist, dass das Album zugleich enormen Pathos, enorme Ruhe hat ' und doch zugleich eine fast nicht bündelbare Energie, einen ständig aufziehenden, aber nie ausbrechenden Sturm, das Gefühl selbst in den ruhigsten Tönen, dass unter der stillen Wasseroberfläche wilde Strömungen fließen, die alles andere als harmlos sind. The Boy in the Bubble, im Original ein fröhlich wippender Gumboot-inspirierte-Song, kriegt hier die düster leuchtende Atmosphäre, die der Song seit jeher verdient und die dem Text eine ganz andere Dimension entlockt (wie übrigens auch bei Heroes ' es ist interessant, wie die ausgebremste, depressive Stimmung den Kontext eines Textes völlig verändern, kippen kann und dem positivsten Text eine bittere Ironie entlockt). My Body is a Cage von dem Neon-Bible-Album von Arcade Fire ist schon im Original ein staubiger Gospel, hier aber eine theatralische Inszenierung, eine Reise in die Tiefe des seelischen Marianengrabens, wenn Gabriel etwa in der Mitte seiner Fassung alle Sicherungen herausdreht und ein Orchester entfesselt, dass an A Day in the Life von den Beatles erinnert, eine sich emporschraubende Kakophonie, die schließlich in schwärzester Stille mündet. Manche Tracke, wie Listening Wind von den Talking Heads, bleiben nahezu erkennbar, andere, wie Street Spirit, sind eigentlich im Original schon bedächtig und ruhig, werden in Gabriels Version aber durch scheinbar minimale Eingriffe völlig verändert. Gabriel covert nicht, er macht sich Lieder zu eigen, er dekonstruiert, remontiert, ändert Logiken und Harmonien, bis am Ende Fassungen entstehen, die originär Peter Gabriel sein könnten, denen man ihren Ursprung kaum mehr anerkennt. Gabriel gelingt ein bewundernswertes Mimikri, das nicht das Subjekt verwandelt, sondern die Umwelt ' er taucht in die Musik an und anstatt sich selbst zu verwandeln, verwandelt er das Ursprungsmaterial so grundsätzlich wie es selten bei Coverversionen vorzufinden ist ' und bleibt dabei doch stets respektvoll auf Distanz, interessiert, ironisch, ganz dabei und doch bei sich.
Es ist fast undenkbar, dass endlich ein Popmusiker die Brücke zur Klassik schlägt und dabei all die Geschmacklosigkeiten, die Klischees, die Übertreibungen, beiseite lässt und sich mit seiner Stimme souverän in das Orchester einfügt, ohne sich jemals dominieren zu lassen. Scratch My Back zeigt Gabriel immer noch als Innovator, immer noch als Perfektionist, der vom elektronischen Progpopper zum grandiosen Altmeister jenseits aller Kategorien gewachsen ist, zu einem der eigensten und eigenartigsten Musiker, die wir haben und der sich selten so von seiner introspektiven und dunklen Seite zeigt wie hier. Es ist eine weite Reise von den wirschen Cabaret-Klängen von Excuse me, den Numanesquen Klängen von Games Without Frontiers oder dem affirmativen Pop von Sledgehammer zu der kraftvollen dunklen Energie, die dieses Album mit fast jedem Track ausstrahlt. Wo andere Musiker nach 40jähriger Karriere in Selbstzitat und Unbedeutsamkeit verfallen und sich mit Alben abgeben, die nur noch als Ausrede für die nächste Stadiontour dienen (bestenfalls), liefert der große englische Exzentriker hier einen Meilenstein ab, der eine neue Ader seiner Musik so pur wie selten zuvor bloßlegt und preisgibt.