Es erscheint mir im Moment unmöglich, bei "Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt" in sachlichem Ton zu verbleiben. Daher versuch ich es gar nicht erst und gestehe einfach offen und ehrlich ein: Ich bin verliebt in diesen Film. Der Film bringt etwas in mir auf eine nur als irrational zu bezeichnende Weise zum klingen.
Ich mag seine Darsteller. Bis in kleinste Nebenrollen hinein ist hier alles stimmig. Michael Cera's Scott ist mir sympathisch, Kieran Culkin als Wallace ist urkomisch, Ellen Wong als Knives geht einem zu Herzen, Alison Pill als Drummerin Kim ist einfach nur cool ohne Ende, Jason Schwartzman als Gideon ist ein mieser Schleimling. Und Mary Elizabeth Winstead als Ramona - nun ja, ich liege ihr zu Füßen. Okay, ich habe spätestens seit Kate Winslets Clementine in "
Eternal Sunshine Of The Spotless Mind [UK Import]" eine Schwäche für blauhaarige, zurückhaltend-mysteriöse Frauen mit einem Stich ins Tragisch-Verletzliche. Ja, gebe ich zu. Egal. Ich kann Scott komplett verstehen. Für diese Frau würde ich mich auch mit Super-Veganern, Power-Lesben, Bollywood-Freaks, japanischen Synthie-Zwillingen, Skatebord-Dudes und Berlin-Mitte-Hornbrillen-Schnöseln auf Leben und Tod duellieren. Sofort und auf der Stelle! Bring em on!
Ich mag den Humor der Dialoge. Der Film liegt für mein Gefühl da näher bei "
Juno", das ich sehr mochte, als bei "
Kick-Ass", das mir auch gefiehl. Die Einbettung der Comic- und Videospielästhetik incl. all der netten Gimmiks für meine nerdige Seite fand ich sehr gelungen. Die inszenatorische Phantasie mit ihrem Sinn für absurden Humor die hierbei an den Tag gelegt wurde, ist absolut bemerkenswert und garantiert auch nach mehrfachem Anschauen immer wieder neue Entdeckungen. "Scott Pilgrim vs. the world" stößt visuell das Tor zu neuen cinematografischen Welten auf. Und das tut er ganz ohne 3D. Ein Rausch für die Sinne.
Die Filmmusik ist absolut angemessen und gut auf den Punkt. Ein wirklich feiner, rocklastiger Alternative-Score, der sich auch als gesonderter Kauf absolut lohnt. Die Band-Battles sind hierbei jedesmal ein Fest.
Aber da ist noch etwas anderes. "Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt" macht neben all diesen Punkten vor allem eins zu hundert Prozent richtig: Er packt einem am Herz. Er schickt einen auf eine Zeitreise zurück in die Tage der ersten großen, bedingungslosen Liebe. Schmerz und Glück, bodenlose Trauer und absolute Glückseeligkeit liegen hier dicht beieinander. Man fühlt sich zurückversetzt zum ersten richtigen Kuss. Nicht zu den Knutscherein - nein, zum ersten magischen Moment, an dem einfach alles richtig war und man im Anschluss auch hätte tot umfallen können. Diesen Moment tragen die Figuren der Geschichte in sich und bringen ihn im Zuschauer zum klingen. Jedenfalls ging es mir so. Ich habe den Film in den letzten zwei Tagen dreimal gesehen. Seither stehe ich in Gedanken wieder neben M. an einem Februarabend vor fünfzehn Jahren unter einer Straßenlaterne. Gleich verabschieden wir uns. Und dann werden wir uns zum ersten Mal küssen.
Der Film lief in den Kinos nicht besonders erfolgreich. Er wird wenn alles gut geht grade mal so mit Hängen und Würgen seine Kosten wieder einspielen. Das passiert leider immer wieder mit Kunstwerken, die neues Gelände betreten und dabei den Mainstream-Geschmack zu sehr überfordern. Ich denke trotzdem, dass dieses mit soviel Herzblut produzierte Porträt einer ganzen Generation ein Kultfilm werden wird. Um beim Sujet zu bleiben: "
System Shock 2", "
Psychonauts", "
Arcanum: Von Dampfmaschinen und Magie [BestSeller Series]" - sind alle zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung beim Publikum durchgefallen. Heute errichtet jeder Spielfreund diesen Titeln Altäre in seiner Sammlung. "Scott Pilgrim vs. the world" ist vielleicht nicht der beste Film der Saison 2010. Für mich ist es aber der schönste. Dieser Film wird bleiben, da bin ich mir sehr sicher.
Denn er kann einen auf eine Zeitreise zu den schönsten, magischen, unvergesslichen Momente seiner Jugend schicken. Aber Vorsicht! Wir wissen ja selbst - einer macht irgendwann immer Schluss.