Eve gelang es als eine der wenigen Frauen, sich im männerdominierten Hip Hop Zirkus durchzusetzen und dies bereits im zarten Alter von 21 als sie 1999 mit "Ruff Ryders' First Lady" ihren Einstand feierte. Der Erfolg des Debüts gab der ehemaligen Stripperin aus Philadelphia recht und so war es keine Überraschung, dass schon bald ein Nachfolger fertig werden sollte. 2001 war es soweit, "Scorpion" stand in den Läden und wurde ebenfalls ein Kassenschlager, was bei Zusammenarbeiten mit Dr. Dre, Swizz Beatz, Trina und der damals noch sehr gefragten Ruff Ryders Clique auch sicher kein Zufall war.
Den Opener findet man nach dem Intro mit "Cowboy" vor. Es ist ein eher unscheinbarer Song, sicher kein Hit, dennoch ist er sehr aussagekräftig für den Rest des Songs. Ein warmer und selbstbewusster Sound, der von latin mäßigen Gitarren hervorgerufen wird, zwar Mainstream, dennoch von hoher Qualität, dazu eine Eve, die mit hungrigem Flow ihren Plattenvertrag mehr als nur rechtfertigt. Ein guter Einstand, der wie gesagt einen Großteil des Rests von "Scorpion" gut repräsentiert. Einen ersten richtigen Kracher liefert uns die gute mit "Who's That Girl?". Eingängiger Party-Beat und mitreißende Trompetenmelodien packen einen von der ersten Sekunde, Eve erklärt uns, wer hier die Chefin ist, was dann mit einem Ohrwurm-Refrain abgerundet wird, der einem kaum noch aus dem Kopf geht, sobald er einmal drinnen ist. Viele dürften auch "Let Me Blow Ya Mind" kennen, eine äußerst erfolgreiche Kollabo mit Gwen Stefani. Als ob die Kombination dieser beiden Power-Frauen nicht schon genug klänge, kommt noch der Fakt hinzu, dass der damals auf Hits getrimmte Dr. Dre das Ding auch noch produzierte. Im Endeffekt kam zwar kein Banger heraus, sondern eine eher verruchte, freche und sehr lässige Nummer, doch diese ebenfalls mit einem solch guten Groove, dass der vorprogrammierte Einschlag sich mit Garantie einstellt.
Um auch ein bisschen auf die Probleme der Geschlechtsgenossinnen einzugehen wurde die selbstbewusste Beziehungskiste "You Had Me, You Lost Me" aufgenommen. E-Gitarren unterstreichen Eve's großes Ego, insgesamt ein ordentlicher, allerdings nicht herausragender Song. Einen solchen hätten wir eher mit dem Club-Burner "Got What You Need", welcher auch heute noch recht häufig von den DJs aufgelegt wird. Nachdem der Anfang des Tracks noch nicht so vielversprechend klingt, geht nach dem ersten Refrain von Swizz Beatz die Post richtig ab. Guter Tanz-Rhythmus, dazu schöne, wenn auch etwas poppige Melodien - so macht man Hits für die Clubs. Eve rappt zusammen mit Drag-On, die sich richtig gut ergänzen, spätestens beim angesprochenen Refrain von Swizzie gibt es dann kein Halten mehr. Zusammen mit den Kolleginnen Trina und Da Brat spielte Eve den Smash "Gangsta Bitch" ein. Besonders die Rapperin aus Miami harmoniert gut mit der energiegeladenen Produktion von Swizz Beatz, aber auch die Ladies aus Philly bzw. Chicago zeigen sich von ihrer besten Seite. Fortgeführt wird das mit dem eher gediegenen "That's What It Is", bei dem Ruff Ryders Buddy Styles noch mit an Bord ist.
Auch DMX darf auf einer solchen Platte nicht fehlen und so verziert er "Scream Double R" mit Gebell und seinem rauen Rapstyle, stellt dabei Eve etwas in den Schatten, was aber auch daran liegt, dass dieser etwas abgefahrenen Beat besser zu X aggressiver Art passt. Gefühlvolle Klänge werden dagegen mit den beiden Marley Brüdern Damian und Stephen angeschlagen. "No, No, No" heißt der Lovesong mit sommerlichem Reggae-Flavor. Diese Art von Musik überrascht einen anfangs zwar, doch schon bald findet man Gefallen daran, noch dazu sorgt es für richtig frischen Wind, da auch Eve sich von einer komplett anderen Seite zeigt. Das nun eintretende Ende von "Scorpion" ist leider nicht mehr ganz so überzeugend. Sowohl "You Ain't Gettin' Nowhere" als auch "Be Me" (feat. Mashonda) wirken eher halbgar und haben recht schwache, fast schon nervige Instrumentals, lediglich das nachdenkliche "Life IS So Hard" (feat. Teena Marie) kann noch als kleines Highlight gezählt werden.
Auch mit "Scorpion" konnte Eve zeigen, dass sie äußerst talentiert ist, dass dabei so viele tolle Tracks entstanden sind, macht die Sache noch besser. Das Album ist sicher nicht perfekt, dennoch sehr gut, sofern man auch mit Chart orientierterem Rap etwas anfangen kann. Wollen wir hoffen, dass Eve nach ewig andauernder Durstrecke mal wieder an diese Klasse anknüpfen kann.