Eine zweisprachige, erschwingliche Ausgabe von Scito Te Ipsum ist längst überfällig, vor allem deshalb, weil keine bezahlbare lateinische Ausgabe greifbar ist, denn Bd. 190 des Corpus Christianorum Continuatio Medievalis, dessen lat. Text wiedergegeben ist, ist nur zu Bibliothekspreisen zu haben.
Leider weist die Übersetzung ein paar grundlegende Mängel auf. Nur ein Beispiel: Steger übersetzt sowohl "anima" als auch "animus," deren Bedeutung auseinanderzuhalten wäre, gleichermaßen mit so verschiedenen Worten wie "Person," "Seele" und "Gesinnung." Die Übersetzung mit "Person" mag für moderne Leser eingängig sein und Missverständnisse vermeiden, die sich bei einer Übersetzung mit "Seele" leicht einstellen. Es geht Abelard nicht um eine subjektive Innenwelt, wenn er "anima" sagt. Dann aber hätte an keiner Stelle mit "Seele" übersetzt werden sollen, und Steger schwankt ohne erkennbaren Grund zwischen beiden Varianten. Außerdem sagt Abelard bekanntermaßen, dass der moralische Wert einer Handlung allein von dem "animus" abhänge, aus dem heraus sie getan wird: "non enim, quae fiunt, set quo animo fiant, pensanda sunt" (S. 36). Hier kann Steger natürlich unmöglich mit "Person" übersetzen, denn dann ergäbe sich, dass man vor allem auf die Person achten müsse, um eine Handlung moralisch zu bewerten, während es doch im 5. Buch Mose heißt, dass man stets ohne Ansehen der Person zu urteilen habe. Hier steht die traditionelle Bedeutung des Wortes "Person" im Wege (nämlich etwa: soziale Stellung). Mit "Gesinnung" zu übersetzen, verfälscht aber den Sinn des Gesagten. Denn Abelard meint tatsächlich, dass es darauf ankomme, zu sehen, was das für ein Mensch ist, der etwas tut. Er ist nicht Gesinnungsethiiker, sondern Tugendethiker; er betont, dass der moralische Wert einer Handlung immer zugleich auf den moralischen Wert eines Handelnden zu beziehen ist. Wir sollen also nicht so sehr fragen, mit welcher Gesinnung oder Absicht etwas geschehen ist, sondern von welcher "Person" oder "Seele" das ausgeht, was getan wurde: quo animo fit. Um diesen Zusammenhang zu vermitteln, wäre unbedingt eine einheitliche Übersetzung von "anima" erforderlich gewesen.
Also empfiehlt es sich stets, zum lateinischen Text hinüber zu schielen, um zu sehen, was Steger da wieder so oder so übersetzt hat. Da der Text zweisprachig vorliegt, ist das aber leicht, und in dem Sinne handelt es sich um eine brauchbare Ausgabe.