Fast bescheiden heißt es in der Verlagswerbung: "Das Buch ist eine kritische Gesamtdarstellung des Machtsystems Scientology mit journalistischen Mitteln" - ja, es ist vorbildlich darin, wie investigativer Journalismus ein so schweriges Thema darstellen sollte.
Aber vor allem ist das Buch als Gesamtdarstellung ein Meilenstein in der kritischen Beschäftigung mit Scientology in Europa. Es beschreibt in nicht nur gut und spannend geschriebenen, sondern auch hervorragend mit Nachweisen belegten Kapiteln, wie diese weltweit tätige Organisation entstand, was will sie, wer heute die Fäden zieht und warum Scientology einen »Krieg gegen Europa« führt.
Es ist daher Pflichtlektüre für alle, die sich kritisch mit Scientology auseinandersetzen müssen, insbesondere Poltikerinnen und Politiker in Deutschland - und in Europa. Eine Übersetzung ins Englische sollte der Verlag zügig in Angriff nehmen.
Es wäre wünschenswert, aber zu schön um wahr zu sein, wenn auch Noch-Scientologen es lesen dürften, um sich über Strukturen und Ziele des Konzerns, dem sie sich verschrieben haben, zu orientieren.
Das Buch steigt ein mit einem ausführlichen Kapitel darüber, wie dem Scientology-Botschafter Tom Cruise im Sommer 2007 der Durchmarsch in fast alle deutschen Feuilletons gelang. Das für die deutschen Edelfedern von Kreye und Kniebe (beide SZ) bis Schirrmacher (FAZ) blamable Kapitel - Cruise hatte ja zwischenzeitlich sein Propaganda-Projekt im Übermut von Valkyrie in "Rubikon" umbenannt! - fand seinen Höhepunkt und peinlichen Absturz bei der Bambi-Verleihung für "Courage". Die wabernde Laudatio hielt Frank Schirrmacher. Cruise sei so couragiert, eine Rolle in einem (aus Steuergeldern subventionierten) Film in Deutschland zu spielen. Erst diese überzogene Laudatio und die peinliche Dankesrede von Cruise brachte die deutsche Zeitungswelt wieder zur Besinnung.
Im anschließenden Kapitel beschreibt das Buch den Einfluß von Scientology in Hollywood. Ursula Caberta und ihre Hamburger Arbeitsgruppe werden in einem eigenen Kapitel gewürdigt; dann geht es um die neue Situation in Berlin nach Errichtung der Hauptstadtzentrale.
Im historischen Rückblick wird die Herkunft von Scientology, die Machtübernahme durch David Miscavige und die "Besetzung" von Clearwater beschrieben.
Die Versuche, weiteren politischen Einfluß in Deutschland zu gewinnen ("Clear Deutschland" sind durch den erreichten "Frieden mit Washington", ja durch die regelrechte Unterstützung durch den amerikanische Regierungsapparat für Scientology nicht unrealistischer geworden.
Im letzten Kapitel geht es um den Gegenwind in Westeuropa. Dabei wird in erschreckender Deutlichkeit dokumentiert, wie weit Scientology in Frankreich bereits gekommen war. Daher erklärt sich zum Teil die heutige französische Entschlossenheit im Vorgehen gegen Scientology.
Nordhausen sieht im letzten Abschnitt das Internet mit seiner Informationsfreiheit als Scientologys Vietnam, meint aber, daß nur eine gemeinsame entschlossene Haltung der europäischen Staaten und schließlich ein Umdenken in den USA Scientology in die Knie zwingen wird.
Es könnte, meine ich, auch sein, daß das System wegen Überdehnung mit möglicherweise schrecklichen Kollateralschäden und der Freisetzung aller möglicher Derivate und Nachfolgeorganisationen im Laufe des nächsten Jahrzehnts in sich zusammenstürzt. Totalitäre Systeme haben keine Bestandsgarantie. Dennoch wird dies noch nicht das letzte Buch über Scientology sein.
Bsonders gut:
Der ausführliche Anhang des Buches mit ausführlichen Anmerkungen, Abkürzungsverzeichnis, erschöpfenden Literaturhinweisne und vor allem einem ausführlichen, hilfreichen Register zur Erschließung der Materialfülle.