Zunächst einmal: Es gehört zu den vornehmsten Aufgaben einer Gesellschaft, das Generationenverhältnis zu gestalten. Dies betrifft neben der Sorge für die Alten auch die Erzeugung und Ausstattung von Kindern, in der gegenwärtigen Debatte schlicht "demographischer Faktor" genannt. Weil es zum Einen immer weniger Kinder gäbe, andererseits die Menschen stetig älter würden, so lautet die einfache auf den Punkt gebrachte These, reiche die Arbeit der zurzeit aktiven Generation nicht länger für den gleichzeitigen Unterhalt der vorherigen Generation und der folgenden Generation aus. Dabei geht es um die Klage der noch im Beruf stehenden, aktiven Generation über ihre zu hohe Abgabenbelastung sowie die immer noch zu hohen Lohnnebenkosten in Deutschland. Es ist eine bewiesene Tatsache, daß die aktive Generation heute wie schon zu früheren Zeiten ihre politischen Interessen am besten zur Geltung bringen kann. So lange sie sich nicht in soziale Gruppen, z.B. durch Klassenkampf Alt gegen Jung, Frauen gegen Männer etc. etc. (Anmerkung: wird ja zurzeit von Teilen der Politik stark forciert), auseinander dividieren lässt, werden es grundsätzlich alle Vorschläge, die Lasten etwas anders, möglicherweise besser bzw. gerechter verteilen sollen, etwa durch Einbeziehung aller Einkommensarten plus Umverteilung von oben nach unten, in Deutschland sehr, sehr schwer haben.
Auch die in die Diskussion gebrachte hundertprozentige Kapitaldeckung der Rente führe nicht aus dieser angeblichen Generationenfalle heraus. Damit angesammelte Ansprüche später ausgezahlt werden können, muss es künftig ja auch genügend Menschen geben, die ihren Gegenwert erwirtschaften und in Form von Gütern an die ehemaligen Einzahler wieder zurückgeben, so der Gedanke. Dabei reicht es auch nicht aus, dass in 30 Jahren ausreichend Arbeitskräfte vorhanden sind. Sie müssen auch (wie heute) alle tatsächlich Jobs haben. Der demographische Faktor ist nämlich bereits heute in Wirklichkeit allein ein Arbeitsmarktproblem. Es fehlt nicht an Menschen (qualifizierten Arbeitskräften), sondern an Einzahlern wegen der derzeit immer noch viel zu hohen Arbeitslosigkeit. Erst nachdem das klar ist, sollte man darüber reden, dass immer weniger Kinder in Deutschland geboren werden. Alles andere kann man nur als das Thema verfehlende Scheindebatte und ein Ausweichen vor dem eigentlichen Problem Arbeitslosigkeit bezeichnen. Modernste, bis auf das äußerste flexible, auf Effizienz und Effektivität ausgerichtete, voll durchorganisierte Dienstleistungsgesellschaften (nicht nur in Deutschland) bringen einfach geringere Kinderzahlen mit sich, und zwar nicht erst seit der Pille. Wer hier etwas ändern will, muß bei den in diesen Gesellschaften vorherrschenden ausschliesslich arbeitgeberdominierten angeblich optimalen Denk- und Organisationsstrukturen ansetzen. Es hat aber auch etwas mit Zukunftsangst zu tun sowie mit der dortigen Familienplanung. In diesen Gesellschaften planen die Menschen im gebär- und zeugungsfähigen Alter sehr verhaltenssouverän und verantwortungsbewußt, so dass viele sich Kinder erst nach ihrer beruflichen und sozialen Konsolidierung ab Mitte 35 wünschen, um ihren sozialen Abstieg durch Kinder zu vermeiden. Ökonomisch ist eine umgekehrte Bevölkerungspyramide bei Vollbeschäftigung kein Problem, weil die ständig steigende Arbeitsproduktivität wachsenden Ertrag bei geringerem Einsatz erreicht. Entschlösse man sich hier endlich zu einer wesentlich großzügigeren Zuwanderungspolitik, könnte man sich sogar adhoc wieder den abgeschafften Vorruhestand leisten. Wenn die Politik nur endlich einmal das Arbeitsmarktproblem und eine auch wirklich familienorientierte Politik (auch gegen die oben beschriebenen Arbeitgeberinteressen) angehen würde und sich dabei ihr Denken und Handeln nicht ausschliesslich auf ihre Legislaturperiode oder aktuell anstehenden Wahlkampf zur beschränken würde, wäre uns allen mehr geholfen als mit Scheindebatten und Spiegelgefechten in Büchern über Familienpolitik.