DIE HEXE von Yasmine Galenorn ist der Auftakt zu einer Serie, in deren Mittelpunkt drei Schwestern stehen, die gemeinsam gegen einen Dämonenfürsten antreten müssen: Camille, die Hexe, Delilah, die Gestaltwandlerin, die sich in eine Katze verwandeln kann, und Menolly, die Vampirin. (Wer übrigens bei drei magischen Schwestern sofort an CHARMED denkt, den kann ich beruhigen - es bestehen keine echten Parallelen.) Wie der Titel schon vermuten lässt: Dieser Roman wird von Camille erzählt, der ältesten Schwester und Hexe. Nachdem ihre Mutter früh gestorben ist, fiel Camille die Aufgabe zu, sich um die beiden jüngeren Geschwister zu kümmern - eine Aufgabe, die ihr nie leicht fällt, denn ihr eigenes Leben ist nicht halb so geordnet, wie sie es gerne hätte. Schon gar nicht ihr Liebesleben, in dem es reichlich turbulent zugeht.
DIE HEXE gefällt mir aus drei Gründen ausgesprochen gut.
Da sind zum einen die vielen phantasievollen, manchmal auch unheimlichen übersinnlichen Figuren, mit denen die Autorin ihre Geschichte würzt. Einiges davon kennt man, anderes wird von der Autorin vergnügt umgedeutet oder ins Gegenteil von dem verkehrt, was man erwartet. Feen und Elfen sind hier beispielsweise keine strahlenden Lichtgestalten wie in so vielen anderen Fantasyromanen, sondern haben Ecken und Kanten, teilweise richtige Abgründe. Sie leben ganz offen in unserer Welt - und müssen sich deswegen auch mit Feen-Fans" herumschlagen, die sie begeistert verfolgen, Autogramme wollen und so weiter. Aber wo Licht ist, ist auch Schatten - nicht jeder findet es toll, dass übersinnliche Wesen unter den Menschen leben, und so gibt es eine Art konservative Bürgerwehr, die mich beim Lesen sehr unangenehm an den Ku-Klux-Klan erinnert hat.
Zum anderen finde ich die Erzählerin Camille wirklich interessant. Sie ist einerseits eine richtige Femme Fatale, die sich ihrer Ausstrahlung sehr bewusst ist und diese gerne für ihre eigenen Zwecke einsetzt (wobei ihr Liebesleben dazu neigt, selbst für sie selbst etwas unübersichtlich zu werden, zumal sich zu den beiden Männer, die sie freiwillig an sich ranlässt, noch ein ausgesprochen unerwarteter Verehrer kommt). Andererseits ist Camille aber auch verunsichert, weil sie die Starke" in ihrer Familie sein soll, ihre magischen Sprüche aber dazu neigen, ihr um die Ohren zu fliegen - und sie sich nicht erwachsen genug fühlt, dem Anspruch, der an sie gestellt wird, gerecht zu werden. Eine Freundin, die bereits alle Romane von Yasmine Galenorn im Original gelesen hat, sagt, dass dies etwas ist, was sich durch alle Bücher zieht: Keine der drei magischen Schwestern ist so strahlend und selbstbewusst, wie sie auf den ersten Blick wirkt, sondern hat mit ihren ganz persönlichen Dämonen zu kämpfen. Vielschichtige Charaktere sind in der modernen Fantasyunterhaltung eher selten - in diesem Buch aber gibt es jede Menge davon.
Yasmine Galenorn bietet also viele phantastische Einfälle, spannende Figuren und - als drittes Qualitätsmerkmal, das mir wirklich gut gefällt - einen ganz eigenen Humor. Der zeigt sich in vielen Details (das der große Gegenspieler einen so komplizierten Namen hat, dass ihn sich niemand merken kann und man ihn deswegen stets abkürzt), besonders aber in den Dialogen: Camille und ihre Schwestern kommentieren das, was um sie herum passiert, oft so furztrocken, dass ich immer wieder lachen musste.
Seit mich Tad Williams mit seinem BLUMENKRIEG begeistert hat, habe ich nach einem phantasievollen Roman gesucht, in den ich mich richtig reinfallen lassen kann - und habe ihn mit DIE HEXE gefunden. Daher freue ich mich jetzt schon auf den nächsten Roman, DIE KATZE, und kann die Serie wirklich wärmstens empfehlen.