Darauf haben viele Frauen gewartet! Erni Kutter, seit langem in der Frauenbildung tätig, hat den reichen Erfahrungschatz ihrer Beschäftigung mit Frauengeschichte und -traditionen in ihrem neuen Buch ausgeführt. Sie befaßt sich kenntnisreich und einfühlsam mit Themen um Sterben und Tod und gibt dem vorhandenen reichen Frauenwissen Ausdruck. Das ist traditionell ein Aufgabenbereich von Frauen, und auch heute sind sie es, die sich mit Krankheit und Sterben beschäftigen, über den eigenen Abschied nachdenken, in Hospizen arbeiten oder Trauerseminare und Ausbildungen zur Sterbebegleiterin anbieten.
Die Autorin führt uns in die reiche Symbolwelt von Bildern, Mythen und Märchen ein, die uns zur Verfügung steht und gerade in krisenhaften Zeiten des Übergangs fruchtbar gemacht werden kann. Ganz im Sinne der mittelalterlichen Kunst des Sterbens, der "Ars moriendi",ermutigt sie, sich im Leben vorzubereiten und mit Bildern vertraut zu machen, die dem Tod den Schrecken nehmen und neue Perspektiven und Sichtweisen ermöglichen, wie etwa dem keltischen Verständnis vom Tod als der Mitte eines langen Lebens. Da öffnet sich ein spiritueller Raum, der jenseits der männlichen Dominanz einem Weiblich-Göttlichen nachspürt, aus dem Trost, Geborgenheit und Schutz kommen und ihm Geltung verschafft.
Erni Kutter beginnt ihren Bogen mit der heute als vorhistorisch bezeichneten Weltsicht, in der sich die Menschen als Teil des Großen Ganzen betrachten und Werden und Vergehen eingebettet waren in den großen Kreislauf, wie Felsritzungen, Höhlenzeichnungen, Grabbeigaben, aber auch Riten und Bräuche belegen, die teilweise heute noch praktiziert werden oder unter den Schichten der Christianisierung gehoben werden können. Es wird deutlich, dass in vielen Kulturen der Tod ein weibliches Gesicht hat - ein archetypisches, tröstliches Bild - und dass ein reicher Schatz an damit verbundenen weiblichen Traditionen vorhanden ist, aus dem wir schöpfen können.
An Beispielen wie die White Laydies, die weißen Frauen, Schnitterin Tod oder die Tödin, aber auch heiligen Frauen wie die Heiliginnen Notburga oder Gertrud und Mystikerinnen wie Gertud von Helfta zeigt sie auf, wie sie noch heute für uns unterstützend sein können.
Da wird der Tod, die Tödin als Freundin, Schwester oder Bruder betrachtet und in Form von "Impulsen zum Nachdenken", die viele Kapitel des Buches beenden, eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Sterben, den Ängsten und tröstenden Vorstellungen ermöglicht. So kann die Leserin mitgehen, einen ganz spezifischen inneren Dialog führen - begleitet durch wunderbare Abbildungen, Gedichte, Angebote zum Innehalten, und sich dem eigenen Prozess stellen.
Sehr konkret, einfühlsam und kenntnisreich stellt Erni Kutter dar, wie Frauen die Verabschiedung ihrer Mutter oder Freundin gestaltet haben. Praktische Beispiele von professionell Tätigen sowohl in der Sterbebegleitung als auch im Seelengeleit werden ebenso behandelt wie spezifische Formen für die Übergangszeit zwischen Tod und Beerdigung, aber auch verschiedene Variationen von Abschiedsfeiern, Trauenfeiern oder Beisetzungen in Frauenhänden.
Eindrucksvolle künstlerische und handwerkliche Ausdrucksformen einer weiblichen Erinnerungs - und Gedenkkultur führen die Leserin in die Gegenwart und ermuntern dazu, selbst aktiv zu werden.
Immer wieder gibt Erni Kutter konkrete Anregungen zu Tänzen, Ritualen, Meditationen aus ihrer eigenen langenjährigen Praxis, um die Lesenden einzuladen, sich diesen Dimensionen auf neue und doch - beruhend auf altem Frauenwissen - vertraute Weise zu nähern.
Ein sehr gelungenes Buch, das ich Frauen, aber auch Männern empfehle, die in einer neuen Weise ihren eigenen Prozess von Leben zum Tod erleben und gestalten möchten.