Fadumo Korn hat ein besonderes Talent. Es ist das Talent, sich ganz auf den Augenblick zu konzentrieren. Auf den Geruch von Tee, auf das Geräusch knisternder Äste im Kamin, auf die Worte, die sie gerade sagt. Oder auf einen Traum. Dieses Talent befreit sie abends von der Traurigkeit der Schicksale, mit denen sie den ganzen Tag über befasst ist. Und es hat zweifellos schon viele Menschen aus der Hoffnungslosigkeit gerettet. Fadumo Korn ist eine Frau, der man schon nach wenigen Minuten so sehr vertraut, dass man sie gern um persönliche Ratschläge bitten würde.
Die 44-jährige Somalierin ist Kulturdolmetscherin bei Asylverfahren. Sie versucht jeden Morgen aufs Neue den Spagat zwischen der blumigen Sprache der somalischen Flüchtlinge und dem ruppigen Behördendeutsch, zwischen den Machthabern und den Machtlosen", wie sie sagt. Ich will, dass jeder, wenn ich gehe, das Gefühl hat, etwas bekommen zu haben." Durch kleine Gesten oder einfach durch das richtige Wort. Sie nennt das die Kunst der Übersetzung.
Vor fünf Jahren schrieb Korn ihr erstes Buch Geboren im großen Regen". Darin beschreibt sie ihre Kindheit als Nomadin, die eine glückliche war, bis zu dem Tag ihrer Beschneidung. Diesem Moment, in dem die Welt aufhörte, sich zu drehen". Aufgrund einer schweren Entzündung, der eine Rheumaerkrankung folgte, wurde sie zu einem Onkel nach Mogadischu geschickt, später auf eine lange Reise durch deutsche Krankenhäuser. Seit 30 Jahren lebt sie nun in München, mit Mann und Sohn, ist im Vorstand des Vereins Forward Germany, der gegen die Beschneidung von Frauen kämpft, und bekam für ihr Engagement den Förderpreis Münchner Lichtblicke". Sie war in Talkshows zu Gast und auf Lesereisen in den USA. Ihr zweites Buch Schwester Löwenherz" wird sie heute um 19 Uhr im Rahmen der Bücherschau im Gasteig vorstellen.
In dem Buch beschreibt sie eine Art Erweckungsmoment. Da entschied sie sich, ihr Schicksal als Geschenk zu deuten: Nur durch die Dinge, die sie zuvor stets als Defizit empfunden hatte - ihr Frausein, ihre schwarze Haut und ihr Rheuma - sei sie zu dem geworden, was sie ist: eine Kämpferin, die Brücken bauen und Sinn stiften kann. Die sich weigert, nicht an das Gute zu glauben, und damit zu den Menschen zählt, die die Fähigkeit haben, die Welt besser zu machen. Und weil sie eine gute Kulturdolmetscherin ist, sollte jeder ihr Buch lesen, der sich für das meist so reißerisch wie verächtlich behandelte Thema der Beschneidung von Frauen interessiert. Sie berichtet in einem sehr persönlichen und stellenweise heiteren Ton von eigenen Erlebnissen, und von ihrem Umgang mit ihrer aufreibenden Arbeit. Man braucht dafür Galgenhumor und eine gewisse Leichtigkeit", sagt Korn. Frauengefängnisse seien die furchtbarsten Orte. Wenn sie sich überfordert fühlt, schließt sie sich ein paar Minuten lang auf der Toilette ein und träumt sich an einen wunderschönen Ort. Um danach wieder ganz in ihren Worten zu sein. Ariane Breyer Süddeutsche Zeitung