Pressemitteilung der Stadt Köln, 3. September 2003
Die Jury des Rolf Dieter Brinkmann-Stipendiums: "Östliche und westliche Religiosität, die Grenzen der Sprache und des Erzählens, die existentielle Leere der Konsumgesellschaft, die Verdrängung des Todes - große Themen, noch dazu für einen Debütroman. Die scheinbare Leichtigkeit, mit der Ulla Lenze diese Themen in die abenteuer- und anspielungsreiche Geschichte eines Geschwisterpaares einschreibt und dabei klassische Genres wie die Gespenstergeschichte, religiöse Parabel, Reisebericht einbringt, zeugt von großem schriftstellerischen Talent. Die Konstellationen, die Ulla Lenze für ihre Figuren und Themen findet, verbinden individuelle Schicksale mit gesellschaftlichen Fragestellungen: Wie führt das Wegsehen gegenüber Kranken und Benachteiligten zur Ignoranz gegenüber dem Tod, zu hartnäckigen "Lebenslügen"? Was ist das für ein Leben in einer Gesellschaft, die ungeheure "Werte" sammelt, die sich in Gesetzen und Geldeinheiten messen lassen, aber nicht in innerer Freiheit und geistigem Raum? Ulla Lenzes Buch dagegen ist ein gro! ßer literarischer Raum und eine Herausforderung für die Leser, die sich fragen müssen, wie es um ihre Geschichten, Werte und ihre Freiheit bestellt ist."
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10. 2003
Ulla Lenze verzichtet in ihrem in jeder Hinsicht wunderbaren Debütroman, der bereits mit dem Jürgen-Ponto und in Klagenfurt mit dem Ernst-Willner-Preis ausgezeichnet wurde, auf exotischen Budenzauber, Indien-Folklore und esoterisches Brimborium; selbst naheliegende Motive wie Kulturschock, west-östliche Mißverständnisse oder inzestuöse Verwicklungen werden allenfalls behutsam angedeutet. [
] Lenze erzählt mit gelassener Souveränität: nüchtern, kühl, seelenruhig zärtlich. [...] So wie Bruder und Schwester immer wieder mit dem Unerwarteten, Befremdlichen und Verstörenden konfrontiert werden, kann sich auch der Leser nie auf der sicheren Seite abendländischer Logik ausruhen. So wie Lukas von einem "zeitlosen Überblick" beim Erzählen träumt, verschwistert auch Lenze kunstvoll Traum mit Realität, Kindheitserinnerungen mit Reiseeindrücken, Vergangenheit mit Gegenwart.[...] Ulla Lenze reißt, ähnlich wie Patrick Roth oder Peter Handke, im Diesseits Himmel voller Wunder, einen Horizont innerweltlicher Transzendenz auf. Aber sie tut es so unverkrampft, leichthändig und spannend, daß ihre Geschichte nie peinlich oder pastoral wird.
MARTIN HALTER
Deutschlandfunk Büchermarkt, 5.Januar 2004
Die Geschichte von Bruder und Schwester, das leise Drama ihrer Liebe, um die sie wie im Märchen gegenseitig ringen, ist die unerwartete Gegenkraft in diesem Indienroman, der damit auf untypische Weise seine beiden Hemisphären gekonnt in der Waagschale halten kann. Denn Indien und Deutschland, östliche und westliche Philosophie, Vergangenheit und Gegenwart, zyklische und dialektische Muster der Erfahrung von Zeit und vom Erzählen finden auf wortwörtlich wundersame Weise zusammen von dem Moment an, als Martha und Lukas gemeinsam den indischen Boden betreten: Da ist zum einen der eher kühle, fast rapporthafte Ton von Marthas indischen Impressionen, die sich dem Klischee durch gezielte Reduktion widersetzen und dennoch so erfahrungsgesättigt sind wie von poetischer Suggestion zugleich. Und da ist Lukas, dessen Körper Ulla Lenze immer mehr zum Schauplatz selbst werden wird, der eine eigene Sprache spricht: die Sprache dessen, was jenseits der ratio liegt.(...)Weder exotischer Reisebericht noch schwülstiger Seelentrip, war selten so wenig und selten soviel Indien zugleich wie in diesem Indien-Roman namens Schwester und Bruder.
Kurzbeschreibung
Und dennoch haben Sie solche Angst vor dem Tod, nicht wahr? Wir haben Angst vor dem Leben, das nicht aufhört."
Martha ist Lukas Schwester. Ist das ein Grund, sich nach einem Jahr der Trennung auf den Bruder zu freuen? Als Lukas aus Indien zurückkehrt, ist er von seinen Eindrücken überwältigt, die Begegnung mit einem Wandermönch hat ihn verwandelt. Er glaubt, gefunden zu haben, was ihn glücklich macht. Martha sträubt sich gegen seine unglaublichen Berichte. Lukas findet sich zu Hause nicht zurecht. Er wird krank und erblindet. Martha überwindet sich, den Bruder nach Indien zu begleiten, um den rätselhaften Mönch wieder zu finden. Ein gegensätzliches Paar macht sich auf die Reise: Die misstrauische Schwester führt den blinden Bruder auf der Suche nach einem Geheimnis, das zwischen den beiden selber liegt. Ulla Lenze erzählt mit scharfem Blick von der bedrohlichen Enge eines Geschwisterpaares. Sie nimmt die Leser mit auf ein Abenteuer, das von der Macht des Glaubens und der Geschichten, von Abendland und Osten handelt. Sie zeigt, wie das scheinbar weit Entfernte zusammengehört.
Klappentext
Und dennoch haben Sie solche Angst vor dem Tod, nicht wahr? Wir haben Angst vor dem Leben, das nicht aufhört."
Martha ist Lukas Schwester. Ist das ein Grund, sich nach einem Jahr der Trennung auf den Bruder zu freuen? Als Lukas aus Indien zurückkehrt, ist er von seinen Eindrücken überwältigt, die Begegnung mit einem Wandermönch hat ihn verwandelt. Er glaubt, gefunden zu haben, was ihn glücklich macht. Martha sträubt sich gegen seine unglaublichen Berichte. Lukas findet sich zu Hause nicht zurecht. Er wird krank und erblindet. Martha überwindet sich, den Bruder nach Indien zu begleiten, um den rätselhaften Mönch wieder zu finden. Ein gegensätzliches Paar macht sich auf die Reise: Die misstrauische Schwester führt den blinden Bruder auf der Suche nach einem Geheimnis, das zwischen den beiden selber liegt. Ulla Lenze erzählt mit scharfem Blick von der bedrohlichen Enge eines Geschwisterpaares. Sie nimmt die Leser mit auf ein Abenteuer, das von der Macht des Glaubens und der Geschichten, von Abendland und Osten handelt. Sie zeigt, wie das scheinbar weit Entfernte zusammengehört.
Über den Autor
Ulla Lenze wurde 1973 in Mönchengladbach geboren, sie studierte Musik und Philosophie in Köln. Ulla Lenze war 2002 Stipendiatin der Autorenwerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin. Schwester und Bruder ist ihr Debütroman, für den sie 2003 mit dem Jürgen Ponto-Preis, dem Rolf Dieter Brinkmann-Förderpreis der Stadt Köln und beim Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb mit dem Ernst Willner-Preis ausgezeichnet wurde.