Ein Wort zu diesem Roman, den ich mehrmals, immer wieder neu, immer wieder anders gelesen habe: Der hat's buchstäblich in sich, im Fokus wie im Weitwinkel, im präzisen Verharren der Beobachtung wie im großzügigen Fluß des Erzählerischen; ein elegantes Tarieren der Gewichte, das bei Ulla Lenze niemals schleppt, niemals einbricht, immer gespannt - regelrecht spannend - bleibt, ein Ausholen, Auffächern und Zirkelschlagen, vom Sterbebett der katholischen Großmutter bis zum Scheppern einer Tempelglocke in Goa.
Wo fängt der Osten an, wo hört der Westen auf? Wohin führt eine Reise, die jenseits zu finden hofft, was diesseits verloren ist? Was geschieht, wenn Schwester und Bruder, uneins, verhindert, einander entfremdet, in der verstörenden Begegnung mit dem Anderen den Ursprung eigener Verstörung aufsuchen? - Ulla Lenze geht diesen Fragen nicht nur nach, um eine faszinierende, erfrischend abenteuerliche Geschichte zu erzählen; sie verfolgt auch eine große Tradition des west-östlichen Dialogs, einen Weg, der oft genug bei spiritueller Sehnsucht anfängt und beim harten Pflaster des Alltags aufhört. Schwester und Bruder gehen gewissermaßen den umgekehrten Weg: Aus der Sprachlosigkeit und Enge alltäglicher Zerrüttung gelangt das ungleiche Paar zum Erkennen, Einander-Ansprechen in der Weite neuer Erfahrungsmöglichkeiten.
Daß aber aus dem Gespräch keine letztgültige Aussprache, aus der Erleuchtung keine immerwährende Glückseligkeit wird - sondern eher noch ein Anstoß, weiter zu gehen, weiter zu fragen -, zählt zu den besonderen Qualitäten dieses Romans, der auf keinem seiner verschlungenen Wege eine Sackgasse zuläßt. Der Orient als "origo lucis" umspannt die ganze Erzählung wie ein lichtblaues Zelt, stets präsent, aber im Letzten unerreichbar, wegweisend, aber kein Heilsversprechen.
Nur eines kann versprochen werden: Wer sich mit Schwester und Bruder auf die Reise begibt, wird deutlich verändert zurück kommen - oder noch eine ganze Weile in der anziehenden, irritierenden, vielgestaltigen Welt verbleiben, die sich da zwischen zwei Buchdeckeln auftut.