Terry Goodkind gleich auf der Außenseite des Buchdeckels (!), noch dazu im obersten Drittel, als "wahren Erben J.R.R. Tolkiens" anzupreisen ist meiner Ansicht nach eine höchst unglückliche Entscheidung. Sicherlich können durch eine solche Ansage Leser gewonnen werden, aber demgegenüber dürfte es auch sehr viele geben, bei denen aufgrund derart plakativer Vergleiche alle Alarmglocken schrillen. Nach der Lektüre des ersten Bandes von Goodkinds großer Saga kann man jedenfalls konstatieren: die Genialität eines Tolkien erreicht sein angeblicher Erbe bei weitem nicht, durchgängig schlecht ist sein Zyklus deshalb aber auch nicht geworden.
Trotz des Umfanges von knapp über 1.000 Seiten, den die aktuelle Blanvalet-Ausgabe von Band 1 bietet, liest sich "Das erste Gesetz der Magie" erstaunlich schnell. Das liegt vorwiegend in der einfachen, lockeren und immer leicht verständlichen Schreibweise des Autors begründet, die ein wenig zu zeitgemäß anmutet - rein stilistisch steht er dem großen Vorbild tatsächlich um Einiges nach, was aber nichts per se Schlechtes ist. Die Geschichte selbst und die Figuren, die darin vorkommen sind zum Teil innovativ, zum Teil ein Konglomerat aus Romanen anderer Schriftsteller. Das wirkt sich meiner Ansicht nach aber nicht störend aus, im Gegenteil, die Vorstellung der Figuren wird dadurch erleichtert, abgesehen davon, dass wirkliche Innovationen im Fantasy-Bereich so oder so Mangelware sind. Die Handlung ist eine konventionelle, nichtsdestotrotz sehr spannende Abenteuergeschichte von der Rettung der Welt, angereichert mit einigen neuartigen Elementen; in diesem Bereich ist tatsächlich alles bestens und Fans klassischer Fantasy werden sich - nach Gewöhnung an die angelsächsischen Namen - sofort heimisch fühlen. Das Ganze ist sehr kurzweilig und durch geschickte Wendungen und Kapitelteilungen ist es zeitweise unmöglich, das Buch aus der Hand zu legen.
Abzüge muss es aber dennoch geben. Vor allem zwei Dinge störten mich beim Lesen und gaben immer wieder zu Kopfschütteln ob des beinahe fahrlässigen Tolkien-Vergleichs Anlass: zum einen handelt es sich bei der Welt, in der die Geschichte spielt, um ein Land unter dem man sich kaum etwas vorstellen kann. "Der Herr der Ringe" liest sich, als ob er in einer tatsächlich existierenden Welt spielen würde. Ständig hat man das Gefühl großer Tiefe und liest zwischen den Zeilen die reichhaltige Geschichte von Mittelerde heraus. Im "Schwert der Wahrheit" ist das lediglich in Ansätzen zu finden. Schade, die Idee des dreigeteilten Landes gefällt wirklich gut, hier wäre etwas mehr Feintuning höchst angebracht gewesen. Auch eine detailliertere Karte hätte zu mehr Profil beitragen können. Wesentlich schlimmer ist allerdings der zweite Störfaktor: die Charaktere, allen voran der Held, sind - zumindest bis über die Hälfte des Werkes hinaus - alles andere als ausgefeilt und können einem das Lesevergnügen bereits auf den ersten 300 Seiten verleiden. Um es deutlich zu sagen: bis auf Kahlan und den herrlich wahnsinnigen, verschlagenen und bösen Darken Rahl (über den man allerdings viel zu wenig erfährt) gibt es aus meiner Sicht keine überzeugende Figur. Ausgerechnet der Held Richard gefällt mir dabei am wenigsten. Er ist so ehrlich und rechtschaffen, dass es bisweilen wehtut, zeigt aber dennoch Züge von Arroganz und Jähzorn (was ja grundsätzlich durchaus in Ordnung wäre), ohne dabei auch nur ansatzweise sympathisch zu wirken. Problematisch auch, dass er sich innerhalb kürzester Zeit vom naiven Waldläufer, der Touristen durch die Gegend führt, in einen abgebrühten Haudegen verwandelt, der sich über nichts wundert und die Lösung aller Probleme mühelos aus dem Hut zaubert. Natürlich ist eine solche Entwicklung für diese Art von Geschichte erwünscht, es gelingt dem Autor nur nicht ganz, sie glaubwürdig umzusetzen. Wenn man allerdings die Hälfte des Buches geschafft hat, bessert sich diese Situation zum Glück und die Lektüre wird zu einem echten Vergnügen. Leider ist der Schluss ab den letzten 100 Seiten sehr vorhersehbar, spannend ist es aber trotzdem.
Für eine weitere Sache, die erwähnt werden sollte kann Terry Goodkind nichts: prinzipiell ist die Idee, den Zyklus im Original-Zustand herauszugeben natürlich zu begrüßen (die gesplitteten deutschen Ausgaben waren ziemlich fragwürdig und haben wohl auch zu vielen schlechten Bewertungen des Zyklus geführt). Andererseits stellt sich die Frage, wieso die aktuelle Auflage nicht neu korrigiert und verbessert wurde. Eine Anpassung an die neue Rechtschreibung wäre ebenfalls wünschenswert gewesen. Und zuguterletzt hätte man mit dem Übersetzungs-Wirrwarr aufräumen können, das vor allem am Beginn von Band 1 herrscht: mal wird der Wald "Forest" dann wieder "Wald" genannt, ähnlich ist es bei "Lake" und "See" und bei den Ortsbezeichnungen ("Kernland" vs. "Southaven" usw.).
Im Endeffekt überwiegt aber trotz dieser Kritikpunkte das Positive. Anders ist auch nicht zu erklären, dass mir die 1.000 Seiten zu keinem Zeitpunkt Mühe gemacht haben und ich nie versucht war, die Lektüre abzubrechen (lediglich zur Mitte hin gibt es kleinere Längen, die aber schnell überwunden sind). Im Gegenteil, mit zunehmender Länge des Werkes wurde der Zwang, es zu bewältigen immer größer - immer ein gutes Zeichen. Eine Bewertung von 4 Sternen halte ich daher für gerade noch gerechtfertigt. Schade, dass das Bewertungssystem von Amazon nicht ein wenig mehr Spielraum lässt...
Die Bewertung der Einzelbücher der Saga sieht für mich folgendermaßen aus (immer in Relation der Gesamtwertung!):
"Das erste Gesetz der Magie": ****
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Das Schwert der Wahrheit 2: Die Schwestern des Lichts": ***
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Das Schwert der Wahrheit 3: Die Günstlinge der Unterwelt": *****
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Das Schwert der Wahrheit 4: Der Tempel der vier Winde": **
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Das Schwert der Wahrheit 5: Die Seele des Feuers": *
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Das Schwert der Wahrheit 6: Schwester der Finsternis": ****
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Das Schwert der Wahrheit 7: Die Säulen der Schöpfung": ****
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Das Schwert der Wahrheit 8: Das Reich des dunklen Herrschers": **
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Das Schwert der Wahrheit 9: Die Magie der Erinnerung": ***
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Das Schwert der Wahrheit 10: Am Ende der Welten": ****
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Schwert der Wahrheit 11: Konfessor": ***
"Das Schwert der Wahrheit" gesamt: **
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An dieser Stelle ist es vielleicht hilfreich, ein paar Worte zum Zyklus als Ganzes zu schreiben, dessen Lektüre man sich aufgrund seines großen Umfanges (um die 10.000 Seiten!) gut überlegen sollte.
Insgesamt schafft es Terry Goodkind meiner Ansicht nach nicht, die wirklich gigantische Seitenzahl mit ausreichend Inhalt zu füllen. Leider bekommt man, im Gegenteil, bei nahezu sämtlichen Bänden das Gefühl, dass der Autor nach Seitenzahl bezahlt wurde. Dieser Eindruck entsteht durch langwierige und umständliche Dialoge, die oft völlig unverständlich sind bzw. kaum etwas zur eigentlichen Handlung beitragen. Hinzu kommen langatmige Passagen, die zum einen in jedem (!) Band bereits Gesagtes und Geschehenes ausführlichst wiederholen und zum anderen uninteressante, langweilige Landschaftsbeschreibungen bieten. Diese Dinge stellen - aus der Retrospektive betrachtet - höchst merkwürdige Unterbrechungen im Lesefluss dar und wollen einfach nicht zu den schnellen und flüssig lesbaren Abschnitten passen.
Inhaltlich kann man drei Dinge kritisieren: erstens hat die im Endeffekt recht brauchbare Hintergrundgeschichte den Haken, dass man ihr bisweilen kaum folgen kann. Die Schlussfolgerungen, die die Figuren ziehen, mögen ihnen oft klar sein, allein schafft der Autor es selten, auch beim Leser den Aha-Effekt zu erzielen, den er seinen Charakteren in den Mund legt. Daraus ergibt sich, dass die Handlung in der Rückschau für eine so große Seitenanzahl recht dünn wirkt. Zweitens zeigt sich vor allem ab der Mitte des Zyklus eine verstärkte Neigung des Autors, (zumindest) fragwürdige Thesen und Moralvorstellungen anzuführen. Wobei "anzuführen" wohl das falsche Wort ist, "predigen" ist zutreffender. Manche mag das nicht stören, bei mir hinterließen einige Aussagen allerdings einen schalen Beigeschmack, vor allem, da aus sie aus irgendeinem Grund nicht aus dem Mund der Charaktere, sondern aus dem des Autors selbst zu kommen scheinen.
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