42 mal überwiegt die Leichtigkeit
Wenn Sebastian 23 nicht Sebastian 23 wäre, könnte man vielleicht denken: nun ja, er ist nicht Hugh Jackmann, und wie sieht er wohl ohne Mütze aus? Und woran liegt es, dass er wahrscheinlich Wunschschwiegersohn aller Mütter mit weiblichem U-27,5-Nachwuchs ist, und worin besteht sein Erfolg? Um diesen Fragen nachzuspüren, las ich sein neuestes Buch.
In diesem Buch über ,Schwerkraft und Leichtsinn`, erschienen im WortArt Verlag, der Künstler wie Harald Schmidt, Dieter Nuhr, Wiglaf Droste, Josef Hader und viele mehr beherbergt, erfahren wir endlich, warum Sebastian 23 Mützen (=Hauben) trägt: das hat wohl etwas mit den Taubenexkrementen in Parks zu tun (Taube = Rockstar = fliegende Ratte). Klingt ,In Prag im Park` sogar ein bisschen Kreisler an?
Das Buch hält einen fliehenden Wechsel zwischen leichten Gute-Laune-Texten, die aber auch meistens einen ernsthaften Hintergrund haben (z.B. zum Thema Prokrastinieren oder Chaos) und ernsteren Themen wie Schwerfälligkeit, Anpassertum und Obrigkeitsgehorsam (,Die Hunde von heute`) oder das Verunglimpfen durch die 'Gerüchteküche' bereit. Selbst die ernsteren Themen haben eine Leichtigkeit, so dass das die meisten Texte eigentlich für ,Oben` sind.
Einige Gedichte beinhalten mehr oder weniger dezente Verweise auf andere Größen der Szene (Bas Böttcher, Marc Uwe Kling, und ob mit ,Weh im Wald` Wehwalt Koslovsky gemeint ist, mag spekuliert werden) oder der Weltliteratur (Gott, Goethe, Gernardt, Grass). Ein weiterer Verweis auf den ,weisen` Andy Strauß wurde auch in weiser Voraussicht deponiert , das entspricht dem 8. Und 9. weisen Sinn von Künstlern, Dinge vorauszusehen, nämlich hier die Bedeutung von Andy Strauß (#frischgebackener NRW-Meister 2011!).
Der Versuch, Liebesgedichte mit Literaturwissenschaft und Linguistik zu verkuppeln (,Grammar of Love`,`Der Zweck heiligt die Stilmittel`), lässt uns noch ganz schön was dazulernen. Zum Beispiel dieses: Sebastian 23 bezeichnet sogar Sexspielzeuge und Kuchen als Kunstwerke. Wie außerordentlich symphatisch!
Die Texte sind leicht zu lesen und versetzen den Leser somit in ein Gefühl der Leichtigkeit. Ob es nun das Sehen der Welt durch eine rosafarbene Brille ist (durch die sogar Mario Barth lustig wird), eine Kreuzworträtselschwäche, oder wie man durch lauter Aufschieben so viel Energie verbraucht, bis alles so leicht ist, dass für die eigentlichen Dinge keine Energie und keine Zeit mehr übrig ist ...
Es gibt eine moderne Aesop-Fabel, die eigentlich Rabsahl-Fabel heißen müsste. Sehr köstlich der Text über vermeintliche Arbeitserleichterung beim vermeintlichen Do-it-yourself-Kochen. Dank Sebastian 23 wissen wir nun, dass wirklich Selbstgemachtes reinster Selbstbetrug ist, zumindest in der Küche.
Das Buch enthält auch Mutmachtexte, zum Beispiel den über die vielen verpassten Möglichkeiten.
Es beinhaltet gut verpackte Gesellschaftskritik, nimmt den dressierten Obrigkeitsgehorsam unter die Lupe und stellt nachdenklich-philosophische Fragen nach dem Urgrund des Seins (... der Baum ist nur die langsame Explosion eines Samens."). Es enthält eine Art Ode gegen die Bürokratie und eine ganz ,schwere` Geschichte über ein ganz leichtes Mädchen.
Dazu serviert es Gedanken zur Gerüchtebildung (Der Kellner bringt lächelnd das Hauptgerücht ..."). Interessanterweise spürt man niemals den erhobenen Zeigefinger. Keine Anklagen. Keine Schuldzuweisungen. Alles wirkt leicht. Alles wirkt unkompliziert. Die ,Schwerkraft` wird beim Lesen hinter sich gelassen. Ich glaube, das ist es. Bestimmt hatte der Autor eine gute Kinderstube. Auch wenn er Maulwürfe ertränken will.
An einigen Stellen kann man beim Lesen laut lachen. Ich denke da an die Psychologie in Kneipen. Außerdem lernt man, was der Grund dafür ist, wenn man absolut nicht bügeln will. Und das ist ungemein tröstlich.
Das einzige, was diesem Buch fehlt, ist auf Seite 140 3. Zeile oben ein s. Das mindert aber in keinster Weise die Unterhaltsamkeit, die Sebastians Überlegung zu einer der unnützesten und ärgerlichsten Kreaturen unter dieser Sonne in sich birgt. Hoffentlich wird auch die federreiche Ermittlerszene bald verfilmt. Das wird bestimmt lustig.
Besonders gewitzt ist das Gedicht über die letzte Kulturhauptstadt. Das muss man so erst mal hinkriegen. Das setzt auch schon etwas Geographiekenntnisse voraus. Obwohl Sebastian 23 selbstbekundend keine Zeit hat und viel Stress und als Resultat davon auch noch partielle Schlaflosigkeit: da muss er schon mal getüftelt haben.
Der Titel mit dem Leichtsinn hat seine Berechtigung: denn stellenweise wird zur Anarchie aufgerufen (In Wahrheit brauchen wir die Pflicht nicht", Werft eure Ausweise weg"), aber niemals hat man den Eindruck, als wolle Sebastian 23 damit jetzt radikal die Welt verändern. Nein, nur ein bisschen zum Lockersein anstiften, daran erinnern, nicht alles zu ernst zu nehmen und auch mal alle Fünfe gerade sein zu lassen. Das ist ihm für den Moment der Lektüre durchaus gelungen.