Was wie ein hübscher Scherz beginnt - ein Kleinkind berichtet über seine Kindheit in der Ich-Form - entpuppt sich schon bald als großartiger Historienroman von nichts weniger als den ersten 25 Jahren der guten alten BRD. Wer diese Zeit selbst erlebt hat und möglicherweise wie Ortheil gegen Kriegsende geboren und im Rheinland aufgewachsen ist, dem wird hier ein guter Teil „deja-vu" präsentiert. Ja, haben wir damals nicht alle so über Adenauer, Erhard, Kennedy und Willy gedacht und gefühlt ? Haben wir nicht ähnliche Erinnerungen an die Studentenunruhen ? Sind auch wir nicht in den Süden aufgebrochen, um dort den vergrübelten nordischen Verstand zu neuen Höhenflügen anzustiften ? Und sind unsere ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht nicht ähnlich gewesen ? Besonders gelungen ist hier das Kapitel über die portugiesische Freundin und ihren listreichen Vaterpatriarchen.
Außerdem und vor allem ist es ein Buch von Ortheil über Ortheil selbst, wohl weitgehend eine persönliche Lebenserinnerung, die dem gewogenen Leser auch hilft, andere große Werke Ortheils besser zu verstehen. Faustinas Küsse und Die große Liebe beispielsweise sind bereits im Schwerenöter angedacht.
Die hohe Seitenzahl (über 600) muss dabei niemanden verschrecken : man liest das Buch wie stets bei Ortheil mühelos. Sein berühmter Parlando-Ton funktioniert perfekt auch in diesem bereits 1987 erschienenen Roman. Und der Leser fühlt sich gut bei der Lektüre. Das Werk baut auf und weitet den Blick. Wir haben es mit einem echter Entwicklungs-Roman zu tun : Die Lehr- und Wanderjahre des jungen Meisters O. Aufgrund der Themenfülle und natürlich auch der Themen selbst, ist dies ein sehr kluges und lehrreiches Buch über Liebe und Vergangenheit in West-Deutschland bzw. deren Bewältigung und über viele alltägliche Kleinigkeiten, die es zu entdecken und zu erinnern lohnt. Am Ende der Lektüre verlangt es sogar nach mehr. Zum Glück hat Vielschreiber Ortheil eine ganze Reihe weiterer dicker Werke vorgelegt. Aber auch zum Schwerenöter selbst wird man gerne wieder greifen, um das eine oder andere Kapitel später erneut zu lesen. Weil es soviel darin zu entdecken gibt. Und bei jedem neuen Lesen wird man mehr daraus ziehen können. Das Buch wird voll empfohlen.