Brando sings! Als klar war, dass Marlon Brando eine Hauptrolle in dem Musical "Guys and Dolls" übernimmt, war auch der Werbespruch klar, wie weiland "Garbo talks" (bei ihrem ersten Tonfilm Anna "Christie") und "Garbo laughs" (bei "Ninotchka"). Und immerhin, Brando singt nicht perfekt, aber selbst, so wie auch die musicalunerfahrene Jean Simmons. Das verschafft dem Film schon einmal Pluspunkte, gerade gegenüber anderen insoweit missglückten fakes wie "My Fair Lady" oder "Showboat", in denen Audrey Hepburn / Ava Gardner synchronisiert wurden. Was ist ansonsten dran an "Guys and Dolls", einer Musicalburleske aus dem Zockermilieu nach einem erfolgreichen Broadwaystück? Viele gute Einzelszenen und eingängige Songs, aber ein nicht rundum geglückter Film. Schon die Entstehungsgeschichte ist eigentlich aberwitzig, und das merkt man dem Film teilweise auch an. Samuel Goldwyn (ein Produzent, der von Musicals wenig Ahnung hatte) engagierte Regisseur Joseph L. Mankiewicz (der ein intellektueller, klassisch gebildeter Drehbuchautor und Regisseur ohne Musicalerfahrung war), und der castete die genannten Mimen Brando und Simmons. Frank Sinatra war sauer, dass er trotz Aufwertung seiner Rolle im Grunde nur der Sidekick sein durfte, und zwischen den beiden Männern herrschte herzliche Abneigung. Mankiewicz schrieb auch das Drehbuch und passte mal mehr, mal weniger die Vorlage nach seinen Wünschen an, so dass der fertige Film etwas uneinheitlich wirkt. Immerhin, ab und an blitzen die scharfzüngigen Dialoge durch, z.B., wenn Nathan (Sinatra) seiner Adelaide (Vivian Blaine) zum 14. Verlobungstag nichts schenkt und sie sagt, das sei schon okay, dann hätte sie endlich das Gefühl, mit ihm verheiratet zu sein... Am ziemlich gekünstelten Plot gefällt, dass die Aufwertung des Paares Nathan / Adelaide eine hübsche Gegensätzlichkeit zu dem romantischen Pärchen Sky (Brando) / Sarah (Simmons) schafft. Während letztere sich Knall auf Fall ineinander verlieben und sich gerade einmal einen Tag lang kennen, stellt sich bei den anderen die Frage, ob er ihr nun endlich mal einen Antrag machen wird. Bei völlig gegensätzlichen Ausgangslagen wird die Geschichte der beiden Pärchen in amüsante und ungewöhnliche bzw. zunächst unerwartete Parallelen gerückt. Zum Liebesglück zu kommen, gibt es eben viele Wege.
Aber sie werden schon zum Ziel führen, da sollte man keine Wunder erwarten und den Film als die etwas tiefergelegte Musicalkomöie genießen, die er auch sein will. In vielen schmissigen Musicalnummern und witzigen Einzelszenen gelingt überzeugt er. Aber vielleicht steht sich Mankiewicz, der es eigentlich ungleich anspruchsvoller kann, gelegentlich selbst im Wege; der Mann ist eine Intelligenzbestie, bei der man nie sicher ist, ob man den ersten oder zweiten Wortteil betonen sollte. Nun kann auch ein Hochbegabter mal gerne die Beine hochlegen, aber dazu muss man sich dann extrem konsequent durchringen, und das fiel Mankiewicz offenbar ab und an schwer (so wie auch dem gut, aber immer etwas angestrengt spielenden Brando). Mankiewicz war im wahrsten Sinne des Wortes nicht in Form, will sagen, seinem Film fehlt die Form, das einheitliche Ambiente. Er ist überhaupt nicht aus einem Guss. Es treffen zu viele verschiedene Tonlagen aufeinander. Gelegentlich lässt der Meister es extra grell, blödsinnig und 150%ig künstlich angehen - so ist bereits die Eröffnungsszene ein furios choreographierter Tanz mit erkennbaren Theaterkulissen, quietschbunten Farben und präziser Aktion, die im Sekundentakt von Person zu Person, von Tänzer zu Tänzer wechselt, eine unglaubliche Menge schräger Vögel wird vorgestellt, manche scheinen eher zufällig durchs Bild zu laufen, aber alles sitzt, jeder Millimeter jeder Bewegung, und am Schluss hängen doch wieder alle mit allen zusammen, das ist logistisch, ästhetisch, humoristisch meisterhaft und war sicherlich ein inszenatorischer Kraftakt. Doch ist gerade die Künstlichkeit der Kulissen eine, die nicht (wie zB. in dem genialen "Hello Dolly") sagt: "Schaut, was Kino alles kann", sondern ist das Setting so minimalistisch und abstrakt, dass man immer den Eindruck hat, eine Theaterbühne zu sehen. Der Film nutzt insoweit nicht die ureigenen Mittel des Kinos, sondern wirkt (trotz einer schön beweglichen Kamera) immer noch ein bißchen wie Theater, und das macht nun mal mehr Laune, wenn man auch tatsächlich im Theater ist, statt auf Leinwand oder Bildschirm zu gucken. Auch wechselt Mankiewicz immer mal wieder die Ästhetik, vielleicht wäre es bei aller Kritik besser gewesen, konsequent die beschriebenen Settings beizubehalten - und alles ein bißchen straffer und dialogärmer zu inszenieren, denn durch die beschriebene Aufwertung des zweiten Pärchens fragt man sich gelegentlich schon mal, wann es denn nun mit dem ersten weiter geht und umgekehrt.
Doch vier Sterne sind auf jeden Fall drin, und wer sich hier extrem gut schlägt, ist Jean Simmons als vermeintlich stocksteife Heilsarmee-Abstinenzlerin, die sich natürlich dann doch in einen Zocker verguckt. Auch sie singt nicht perfekt, aber gut. Dazu passt ihr Spiel, das in jeder Sekunde authentisch wirkt, ohne überzogen zu sein. Ihre "Wandlung" ist nicht unglaubwürdig, weil sie von Anfang an nicht wie ein Drachen wirkt, aber auch nicht wie eine in ein Zwangskorsett gesteckte Sexbombe. Vielmehr ist sie die ganze Zeit eine zutiefst aufrichtige und lebensbejahende Frau, die weiß, dass es sich lohnt, für ihre Ziele zu leben und zu ihrem Leben zu stehen. Dieses Lebensbejahende von Anfang an führt dann auch dazu, dass ihr coming out (übrigens die Szene, die Mankiewicz am meisten bearbeitet und ausgebaut hat) gar nicht wie so ein schon tausendmal gesehenes abruptes Erwachen eines Schwans im Entlein wirkt. Nein, wenn sie erst zart an einem angeblich alkoholfreien Getränk nippt, dann immer mehr davon möchte und schließlich einen in der Krone hat, sich zu lasziven kubanischen Rumbatänzen hinreißen lässt und dabei genauso entschlossen vorgeht wie zuvor als Predigerin wider diverse Laster, dann fühlen wir: Die hat sich eigentlich gar nicht verändert, die kriegt das beides unter einen Hut, als Schauspielerin wie in der Rolle. Eine hinreißende, wahrhaftige, schöne Szene der extrem unterschätzten Jean Simmons. Leider fällt aber auch die ein bißchen aus dem Rahmen des Filmes. Daher leider keine fünf Sterne.
Ach ja, Bild und Ton sind gut, und interessante Extras gibt es auch.