Ulrich Ritzels zweiter Kriminalroman um Kommissar Berndorf und seine Assistentin Tamar kommt zunächst etwas schwer in die Gänge, was bei einem Krimi nicht unbedingt schlecht sein muss. Mit jeder Seite aber, die uns Ulrich Ritzel weiter in die Abgründe aus Baulöwen, Jungunternehmern, Staatspartei und Mafia führt, entsteht ein höchst realitätsnahes Bild vor dem inneren Auge des Lesers und fesselt ihn zusehends. Ritzel versteht es vorzüglich, zunächst völlig unzusammenhängend erscheinende Handlungsstränge zu einer am Ende kaum mehr erträglichen Spannung zu verknoten und den Leser so zu zwingen, sich durch das aufgestaute "Schwemmholz" an Verbrechen, Intrigen und Stümperei Seite um Seite durchzukämpfen - bis zum Ende... Äußerst gelungen ist Ulrich Ritzel hier die Verknüpfung des im Titel genannten "Schwemmholzes" mit der Haupthandlung des Krimis - denn die Figuren erscheinen ausnahmslos alle, auch Berndorf, als irgendwo entwurzelt, weggespült und an anderer Stelle angeschwemmt. Fast noch faszinierender ist aber die Nebenhandlung, in der das Wetter die Hauptrolle spielt, das Ritzel sich zur faszinierenden Kulisse mit Regengüssen, Überschwemmungen etc. für seine Protagonisten auserwählt hat, und das ebenfalls für "Schwemmholz" sorgt. Eigentlich nicht erwähnt werden muss die - auch für einen ortskundigen Leser aus der Umgebung Ulms - exzellente Ansiedlung der Handlung im Raum Ulm - Oberschwaben, sowohl was Lokalkolorit als auch Landschaftsbeschreibungen angeht. Manche Figuren, etwa der alte Bauer Vochezer, sind so treffend beschrieben, dass man sich fragt, ob man ihnen nicht schon einmal irgendwo begegnet ist. Eine Schwachstelle hat der Roman jedoch: Ulrich Ritzel lässt etwas zu häufig den "deus ex macchina" in die Handlung eingreifen und Berndorf und seinen Kollegen den ein oder anderen Hinweis doch recht konstruiert zukommen: Die Frau, die mit Berndorf ein Krankenzimmer teilt, das Taschentuch eines Vermissten, das Berndorf zufällig in die Hände gerät - auch ohne diese "Kunstfehler" hätte der Krimi funktioniert. Doch anders als in der Medizin beeinträchtigen sie nicht das Ganze, sondern bleiben kleine Zweiglein im aufgetürmten Schwemmholz... Ulrich Ritzel, von Haus aus Gerichtsreporter der in Ulm erscheinenden "Südwest Presse" (und als solcher vielleicht identisch mit dem "Tagblatt"-Reporter Frentzel)hat mit diesem Buch bewiesen, dass es den deutschen Krimi noch gibt, und dass nicht alles nach Donna Leon oder Henning Mankell klingen muss, um gut zu sein. Insofern hat er mit "Schwemmholz" einen Stil gefunden, der durchaus Zukunft hat und prägend auf das gesamte Genre sein könnte: Einer der wichtigsten Krimis der letzten Jahre.