Aus der Amazon.de-Redaktion
Father Christmas ist auf der Scheibenwelt verschwunden. Als Ersatz springt Gevatter Tod ein. Rotgewandet fährt er mit seinen vier fliegenden Schweinen durch die Lande und bringt den Menschenkindern alles, was sie sich wünschen (auch wenn sie es selber nicht genau wissen). Die Bräuche zu befolgen fällt Tod manchmal etwas schwer, doch das mit dem fröhlichen (?) "Ho-ho-ho" hat er schon raus. Vielleicht übertreibt er es damit ein bißchen.
Father Christmas ist einem Anschlag der Assassinengilde zum Opfer gefallen. Einer ihrer übelsten Vertreter ist in Fathers Schloßturm eingebrochen und versucht nun mit Hilfe eines angeheuerten Magiers, dem zwölften mit dieser Aufgabe, den Tresorraum von Father Christmas zu öffnen. (Das klingt sehr nach Stirb langsam 1.)
Unterdessen in der Unsichtbaren Universität: Die Abwesenheit des echten Father Christmas hat ein (wissenschaftlich natürlich begründbares) Glaubens-Vakuum entstehen lassen. Dadurch glauben die Menschen nun an alles Mögliche, zum Beispiel an die Zahnfee. Selbst die Professores der Uni brauchen es nur laut auszusprechen, an was sie glauben könnten, und schon -- ist es da: Gnome, Wichte, Aufmunterungsfeen. Der Erzkanzler Ridcull rauft sich die Haare. Auch die neue Rechenmaschine, die von Ameisen (= Bits & Bytes) und Käse (= Speicher) angetrieben wird, hilft da nicht viel weiter.
Susanne, die Tochter Tods, wollte eigentlich ein ganz normales Leben führen. Doch seit er verschwunden ist, macht sie sich Sorgen. Auf der Suche nach ihm begegnet sie nicht nur dem Gott des Katzenjammers, sie trifft auch auf die Assassinen im Turm von Father Christmas. Es wird spannend, doch das Ende soll hier nicht verraten werden.
In einer kompliziert verflochtenen Handlung führt uns der "Douglas Adams der Fantasy" vor Augen, was es mit dem Kinderglauben an den Nikolaus und die Zahnfee so alles auf sich hat -- und das ist eine ganze Menge. In todernstem Ton bringt Pratchett, wie so oft, die unglaublichsten Sätze und Szenen (PS: ...und Fußnoten), so etwa die Sache mit dem Ameisencomputer. (Das erinnert mich an den Termitencomputer von Jeff Noon in Automated Alice, deutsch Alice im Automatenland, mit seinem "beanary system". Beide Bücher entstanden 1996.)
Pratchetts Humor und Erzählstil mag nicht jedermanns Sache sein, aber Schweinsgalopp könnte selbst solche Skeptiker von den Qualitäten dieses Autors überzeugen: Es ist einer seiner gelungensten Romane! --Michael Matzer
kulturnews.de
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Andreas Brandhorst, 1956 in Norddeutschland geboren, schrieb bereits in jungen Jahren phantastische Erzählungen für deutsche Verlage. Aufsehen erregte er mit der aus 6 Bänden bestehenden Kantaki-Saga (die Diamant-Trilogie: "Diamant", "Der Metamorph" und "Der Zeitkrieg", und die Graken-Trilogie: "Feuervögel", "Feuerstürme" und "Feuerträume") und dem 2009 erschienenen Mystery-Thriller "Äon", der zu einem großen Publikumserfolg wurde. "Die Stadt" ist sein zweiter großer Mystery-Roman. Andreas Brandhorst lebt als freier Autor in Norditalien.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Die Leute haben immer gewußt, daß die Anfänge der Dinge problematisch sind. So fragen sie sich zum Beispiel, wie der Fahrer des Schneepflugs zur Arbeit kommt oder wo die Autoren von Wörterbüchern die richtige Schreibweise von Wörtern nachschlagen. Dennoch ist der Wunsch allgegenwärtig, in den ausgefransten, verhedderten und verknoteten Netzen der Raum–Zeit einen Punkt zu finden, auf den man deuten und sagen kann, daß hier, genau hier alles begann…
Etwas begann, als die Assassinengilde Herrn Kaffeetrinken aufnahm, der die Dinge anders sah als die meisten Leute: Er sah in den meisten Leuten Dinge. (Später meinte Lord Witwenmacher, Präsident der Gilde: »Wir hatten Mitleid mit ihm, weil er schon früh Vater und Mutter verloren hat. Im nachhinein betrachtet, wäre es vermutlich besser gewesen, genauer über diesen Punkt nachzudenken.«)
Viel früher vergaßen die Leute, daß es in den ältesten aller Geschichten früher oder später um Blut geht. Später nahmen sie das Blut heraus, weil sie glaubten, dadurch wären die Geschichten besser für Kinder geeignet – beziehungsweise für die Leute, die sie Kindern vorlasen (Kinder haben nichts gegen Blut, wenn es von den Verdienstvollen vergossen wird). Anschließend fragten sie sich, was aus den Geschichten wurde.
Noch früher hockte etwas in der Finsternis tiefer Höhlen und dunkler Wälder und dachte: Was sind das für Geschöpfe? Ich werde sie beobachten…
Und noch viel, viel früher formte sich die Scheibenwelt. Sie ruht auf dem Rücken von vier Elefanten, die ihrerseits auf dem Panzer der Sternenschildkröte Groß-A’Tuin stehen.
Während sie sich dreht, ergeht es ihr vielleicht wie einem Blinden, der durch ein Haus voller Spinnweben irrt. Möglicherweise verfängt sie sich immer wieder in hochspezialisierten Raum-Zeit-Fäden, die versuchen, in jeder historischen Struktur, mit der sie in Kontakt geraten, Wurzeln zu schlagen – um die betreffende Geschichte zu dehnen und zu verzerren, ihr eine ganz neue Form zu geben.
Aber vielleicht stimmt das alles nicht. Der bekannte Philosoph Didaktylos hat eine alternative Hypothese formuliert: »Dinge passieren einfach, und damit hat es sich.«
Die ältesten und ranghöchsten Zauberer der Unsichtbaren Universität blickten zur Tür.
Wer auch immer sie verriegelt hatte: Es konnte kein Zweifel daran bestehen, daß sie geschlossen bleiben sollte. Dutzende von Bolzen verbanden sie mit dem Türrahmen. Mehrere Bretter waren quer darauf genagelt. Und bis zu diesem Morgen hatte sie sich hinter einem Bücherschrank verborgen.
»Und dann das Schild, Ridcully«, sagte der Dekan. »Du hast es doch gelesen, oder? Das Schild mit der Aufschrift: ›Diese Tür darf auf keinen Fall geöffnet werden‹?«
»Natürlich habe ich es gelesen«, erwiderte der Erzkanzler. »Warum möchte ich die Tür wohl öffnen?«
»Äh … warum?« fragte der Dozent für neue Runen.
»Um herauszufinden, warum sie geschlossen bleiben soll.«
Ridcully winkte Modo zu. Der Zwerg kümmerte sich um den Garten der Universität und erledigte auch andere Arbeiten, fungierte als »Mädchen für alles«. Diesmal hielt er eine Brechstange.
»Also los, Junge.«
Modo salutierte. »Zu Befehl, Herr.«
Während Holz knirschte, fuhr Ridcully fort: »Auf den Bauplänen habe ich gesehen, daß dies hier einst ein Badezimmer gewesen ist. Vor Badezimmern braucht man sich nicht zu fürchten, um Himmels willen. Ich möchte ein Badezimmer. Ich hab’s satt, mit euch anderen herumzuplanschen. Das ist unhygienisch. Da kann man sich was holen. Mein Vater hat mich darauf hingewiesen. Wenn viele Leute zusammen baden, macht der Warzengnom mit einem kleinen Beutel die Runde.«
»Könnte man ihn mit der Zahnfee vergleichen?« fragte der Dekan voller Sarkasmus.
»Ich bin hier der Boß und verlange ein eigenes Badezimmer«, sagte Ridcully mit Nachdruck. »Damit dürfte wohl alles geklärt sein. Ich will ein eigenes Bad, und zwar rechtzeitig bis Silvester, kapiert?«
Das ist eine der Schwierigkeiten mit den Anfängen. Wenn man es mit okkulten Sphären zu tun hat, in denen die Zeit große Freiheit genießt, bekommt man die Wirkung manchmal vor der Ursache.
Irgendwo am Rand des akustischen Horizonts erklang ein leises Klingelingelingelingeling, wie von kleinen Silberglocken.
Etwa zur selben Zeit, als der Erzkanzler ein eigenes Bad forderte, saß Susanne Sto-Helit im Bett und las im Schein einer Kerze.
Der Frost malte Eisblumen ans Fenster.
Sie mochte den frühen Abend sehr. Wenn sie die Kinder zu Bett gebracht hatte, gab es praktisch nichts mehr zu tun. Frau Gamasche vermied es tunlichst, ihr Anweisungen zu erteilen, obgleich sie ihr Lohn zahlte.
Was natürlich nicht bedeutete, daß der Lohn eine große Rolle spielte. Es kam Susanne in erster Linie darauf an, sie selbst zu sein und eine richtige Arbeit zu haben. Und die Pflichten einer Gouvernante waren richtige Arbeit. Ein wenig knifflig wurde es, als ihre Arbeitgeberin feststellte, daß sich eine Herzogin in ihren Diensten befand. In Frau Gamasches ganz privatem Buch der Regeln (eher eine Broschüre, der Text in ziemlich großer Handschrift) hieß es, daß die vornehmen Leute nicht arbeiteten, sondern auf sehr würdevolle Art faulenzten. Susanne hatte sie mehrmals aufgefordert, nicht vor ihr zu knicksen.
Ein kurzes Flackern ließ sie ihren Kopf drehen.
Die Kerzenflamme brannte jetzt horizontal, zitterte wie in starkem Wind.
Susanne hob den Kopf. Die Gardinen wölbten sich fort vom Fenster, das…
…mit lautem Klappern aufsprang.
Doch es wehte kein Wind.
Zumindest nicht in dieser Welt.
Bilder formten sich vor dem inneren Auge der jungen Frau. Ein roter Ball… Der typische Duft von frisch gefallenem Schnee… Beides löste sich auf, und statt dessen sah Susanne…
»Zähne?« brachte sie hervor. »Schon wieder?«
Sie blinzelte und schloß die Augen. Als sie die Lider einige Sekunden später wieder hob, war das Fenster geschlossen, und die Gardinen rührten sich nicht. Die Kerzenflamme brannte ganz normal.
O nein, wiederholte es sich etwa? Nach so langer Zeit? Bisher war alles gutgegangen…
»Fufanne?«
Sie blickte sich um. Die Tür war geöffnet worden, und eine kleine Gestalt stand auf der Schwelle, gekleidet in ein Nachthemd.
Susanne seufzte. »Ja, Twyla?«
»Ich habe Angst vor dem Ungeheuer im Keller, Fufanne. Es will mich freffen.«
Susanne schloß das Buch und hob einen mahnenden Zeigefinger.
»Was habe ich dir über den Versuch gesagt, auf einschmeichelnde Weise süß zu sein, Twyla?« fragte sie.
»Du hast gesagt, ich soll es lassen«, antwortete das Mädchen. »Du hast gesagt, absichtlich zu lispeln sei eine schlimme Sache und ich wolle damit nur Aufmerksamkeit erregen.«
»Gut. Welches Ungeheuer ist es diesmal?«
»Ein grofef haarigef mit …«
Susanne hob erneut den Finger. »Nun?«
»Ein großes haariges mit acht Armen«, sagte Twyla.
»Was, schon wieder? Na schön.«
Susanne stand auf, streifte den Morgenmantel über und versuchte ruhig zu bleiben, während das Mädchen sie beobachtete. Sie kommen also zurück. Nicht die Ungeheuer im Keller – die waren kaum ein Problem. Nein, sie meinte die Erinnerungen an zukünftige Ereignisse.
Die junge Herzogin schüttelte den Kopf. Wie schnell man auch weglief: Früher oder später holte man sich selbst ein.
Mit Ungeheuern konnte man leicht fertig werden. Das hatte Susanne inzwischen gelernt. Sie nahm den Schürhaken aus dem Kamin des Kinderzimmers und ging die Hintertreppe hinunter, gefolgt von Twyla.
Familie Gamasche veranstaltete eine Abendgesellschaft. Gedämpfte Stimmen drangen aus dem Eßzimmer.
Als Susanne vorbeischlich, öffnete sich die Tür, und gelbes Licht fiel in den Flur.
»Meine Güte!« ertönte es. »Hier ist eine junge Frau im Nachthemd, und sie hat einen Schürhaken in der Hand!«
Silhouetten zeichneten sich vor dem hellen Hintergrund ab, und Susanne erkannte die...
Auszug aus Schweinsgalopp von Terry Pratchett, Andreas Brandhorst. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Die Leute haben immer gewußt, daß die Anfänge der Dinge problematisch sind. So fragen sie sich zum Beispiel, wie der Fahrer des Schneepflugs zur Arbeit kommt oder wo die Autoren von Wörterbüchern die richtige Schreibweise von Wörtern nachschlagen. Dennoch ist der Wunsch allgegenwärtig, in den ausgefransten, verhedderten und verknoteten Netzen der RaumZeit einen Punkt zu finden, auf den man deuten und sagen kann, daß hier, genau hier alles begann
Etwas begann, als die Assassinengilde Herrn Kaffeetrinken aufnahm, der die Dinge anders sah als die meisten Leute: Er sah in den meisten Leuten Dinge. (Später meinte Lord Witwenmacher, Präsident der Gilde: »Wir hatten Mitleid mit ihm, weil er schon früh Vater und Mutter verloren hat. Im nachhinein betrachtet, wäre es vermutlich besser gewesen, genauer über diesen Punkt nachzudenken.«)
Viel früher vergaßen die Leute, daß es in den ältesten aller Geschichten früher oder später um Blut geht. Später nahmen sie das Blut heraus, weil sie glaubten, dadurch wären die Geschichten besser für Kinder geeignet beziehungsweise für die Leute, die sie Kindern vorlasen (Kinder haben nichts gegen Blut, wenn es von den Verdienstvollen vergossen wird). Anschließend fragten sie sich, was aus den Geschichten wurde.
Noch früher hockte etwas in der Finsternis tiefer Höhlen und dunkler Wälder und dachte: Was sind das für Geschöpfe? Ich werde sie beobachten
Und noch viel, viel früher formte sich die Scheibenwelt. Sie ruht auf dem Rücken von vier Elefanten, die ihrerseits auf dem Panzer der Sternenschildkröte Groß-ATuin stehen.
Während sie sich dreht, ergeht es ihr vielleicht wie einem Blinden, der durch ein Haus voller Spinnweben irrt. Möglicherweise verfängt sie sich immer wieder in hochspezialisierten Raum-Zeit-Fäden, die versuchen, in jeder historischen Struktur, mit der sie in Kontakt geraten, Wurzeln zu schlagen um die betreffende Geschichte zu dehnen und zu verzerren, ihr eine ganz neue Form zu geben.
Aber vielleicht stimmt das alles nicht. Der bekannte Philosoph Didaktylos hat eine alternative Hypothese formuliert: »Dinge passieren einfach, und damit hat es sich.«
Die ältesten und ranghöchsten Zauberer der Unsichtbaren Universität blickten zur Tür.
Wer auch immer sie verriegelt hatte: Es konnte kein Zweifel daran bestehen, daß sie geschlossen bleiben sollte. Dutzende von Bolzen verbanden sie mit dem Türrahmen. Mehrere Bretter waren quer darauf genagelt. Und bis zu diesem Morgen hatte sie sich hinter einem Bücherschrank verborgen.
»Und dann das Schild, Ridcully«, sagte der Dekan. »Du hast es doch gelesen, oder? Das Schild mit der Aufschrift: Diese Tür darf auf keinen Fall geöffnet werden?«
»Natürlich habe ich es gelesen«, erwiderte der Erzkanzler. »Warum möchte ich die Tür wohl öffnen?«
»Äh warum?« fragte der Dozent für neue Runen.
»Um herauszufinden, warum sie geschlossen bleiben soll.«
Ridcully winkte Modo zu. Der Zwerg kümmerte sich um den Garten der Universität und erledigte auch andere Arbeiten, fungierte als »Mädchen für alles«. Diesmal hielt er eine Brechstange.
»Also los, Junge.«
Modo salutierte. »Zu Befehl, Herr.«
Während Holz knirschte, fuhr Ridcully fort: »Auf den Bauplänen habe ich gesehen, daß dies hier einst ein Badezimmer gewesen ist. Vor Badezimmern braucht man sich nicht zu fürchten, um Himmels willen. Ich möchte ein Badezimmer. Ich habs satt, mit euch anderen herumzuplanschen. Das ist unhygienisch. Da kann man sich was holen. Mein Vater hat mich darauf hingewiesen. Wenn viele Leute zusammen baden, macht der Warzengnom mit einem kleinen Beutel die Runde.«
»Könnte man ihn mit der Zahnfee vergleichen?« fragte der Dekan voller Sarkasmus.
»Ich bin hier der Boß und verlange ein eigenes Badezimmer«, sagte Ridcully mit Nachdruck. »Damit dürfte wohl alles geklärt sein. Ich will ein eigenes Bad, und zwar rechtzeitig bis Silvester, kapiert?«
Das ist eine der Schwierigkeiten mit den Anfängen. Wenn man es mit okkulten Sphären zu tun hat, in denen die Zeit große Freiheit genießt, bekommt man die Wirkung manchmal vor der Ursache.
Irgendwo am Rand des akustischen Horizonts erklang ein leises Klingelingelingelingeling, wie von kleinen Silberglocken.
Etwa zur selben Zeit, als der Erzkanzler ein eigenes Bad forderte, saß Susanne Sto-Helit im Bett und las im Schein einer Kerze.
Der Frost malte Eisblumen ans Fenster.
Sie mochte den frühen Abend sehr. Wenn sie die Kinder zu Bett gebracht hatte, gab es praktisch nichts mehr zu tun. Frau Gamasche vermied es tunlichst, ihr Anweisungen zu erteilen, obgleich sie ihr Lohn zahlte.
Was natürlich nicht bedeutete, daß der Lohn eine große Rolle spielte. Es kam Susanne in erster Linie darauf an, sie selbst zu sein und eine richtige Arbeit zu haben. Und die Pflichten einer Gouvernante waren richtige Arbeit. Ein wenig knifflig wurde es, als ihre Arbeitgeberin feststellte, daß sich eine Herzogin in ihren Diensten befand. In Frau Gamasches ganz privatem Buch der Regeln (eher eine Broschüre, der Text in ziemlich großer Handschrift) hieß es, daß die vornehmen Leute nicht arbeiteten, sondern auf sehr würdevolle Art faulenzten. Susanne hatte sie mehrmals aufgefordert, nicht vor ihr zu knicksen.
Ein kurzes Flackern ließ sie ihren Kopf drehen.
Die Kerzenflamme brannte jetzt horizontal, zitterte wie in starkem Wind.
Susanne hob den Kopf. Die Gardinen wölbten sich fort vom Fenster, das
mit lautem Klappern aufsprang.
Doch es wehte kein Wind.
Zumindest nicht in dieser Welt.
Bilder formten sich vor dem inneren Auge der jungen Frau. Ein roter Ball Der typische Duft von frisch gefallenem Schnee Beides löste sich auf, und statt dessen sah Susanne
»Zähne?« brachte sie hervor. »Schon wieder?«
Sie blinzelte und schloß die Augen. Als sie die Lider einige Sekunden später wieder hob, war das Fenster geschlossen, und die Gardinen rührten sich nicht. Die Kerzenflamme brannte ganz normal.
O nein, wiederholte es sich etwa? Nach so langer Zeit? Bisher war alles gutgegangen
»Fufanne?«
Sie blickte sich um. Die Tür war geöffnet worden, und eine kleine Gestalt stand auf der Schwelle, gekleidet in ein Nachthemd.
Susanne seufzte. »Ja, Twyla?«
»Ich habe Angst vor dem Ungeheuer im Keller, Fufanne. Es will mich freffen.«
Susanne schloß das Buch und hob einen mahnenden Zeigefinger.
»Was habe ich dir über den Versuch gesagt, auf einschmeichelnde Weise süß zu sein, Twyla?« fragte sie.
»Du hast gesagt, ich soll es lassen«, antwortete das Mädchen. »Du hast gesagt, absichtlich zu lispeln sei eine schlimme Sache und ich wolle damit nur Aufmerksamkeit erregen.«
»Gut. Welches Ungeheuer ist es diesmal?«
»Ein grofef haarigef mit «
Susanne hob erneut den Finger. »Nun?«
»Ein großes haariges mit acht Armen«, sagte Twyla.
»Was, schon wieder? Na schön.«
Susanne stand auf, streifte den Morgenmantel über und versuchte ruhig zu bleiben, während das Mädchen sie beobachtete. Sie kommen also zurück. Nicht die Ungeheuer im Keller die waren kaum ein Problem. Nein, sie meinte die Erinnerungen an zukünftige Ereignisse.
Die junge Herzogin schüttelte den Kopf. Wie schnell man auch weglief: Früher oder später holte man sich selbst ein.
Mit Ungeheuern konnte man leicht fertig werden. Das hatte Susanne inzwischen gelernt. Sie nahm den Schürhaken aus dem Kamin des Kinderzimmers und ging die Hintertreppe hinunter, gefolgt von Twyla.
Familie Gamasche veranstaltete eine Abendgesellschaft. Gedämpfte Stimmen drangen aus dem Eßzimmer.
Als Susanne vorbeischlich, öffnete sich die Tür, und gelbes Licht fiel in den Flur.
»Meine Güte!« ertönte es. »Hier ist eine junge Frau im Nachthemd, und sie hat einen Schürhaken in der Hand!«
Silhouetten zeichneten sich vor dem hellen Hintergrund ab, und Susanne erkannte die besorgte Miene von Frau Gamasche.
»Susanne? Äh was machst du hier?«
Die Gouvernante blickte kurz auf den Schürhaken und sah dann wieder zu der Frau. »Twyla fürchtet sich vor einem Ungeheuer im Keller, Frau Gamasche.«
»Und du willst es mit dem Schürhaken angreifen?« spekulierte ein Gast. Es roch nach Brandy und Zigarren.
»Ja«, erwiderte Susanne schlicht.
»Susanne ist unsere Gouvernante«, erklärte Frau Gamasche. »Äh ich habe euch von ihr erzählt.«
Die aus dem Eßzimmer starrenden Gesichter veränderten sich und brachten so etwas wie amüsierten Respekt zum Ausdruck.
»Sie kämpft mit Schürhaken gegen Ungeheuer?« fragte jemand.
»Eigentlich gar keine schlechte Idee«, meinte jemand anders. »Das Kind hat sich in den Kopf gesetzt, es gäbe ein Ungeheuer im Keller. Sie geht mit einem Schürhaken hinunter und macht ein bißchen Lärm, und alles ist in bester Ordnung. Die junge Dame hat Phantasie. Sehr vernünftig und modern.«
»Hast du so etwas vor, Susanne?« fragte Frau Gamasche, die noch immer recht besorgt wirkte.
»Ja, Frau Gamasche«, bestätigte Susanne gehorsam.
»Das muß ich mir ansehen, bei Io! Man erlebt nicht jeden Tag, wie Ungeheuer von einer jungen Frau verprügelt werden«, sagte der Mann hinter ihr. Seide raschelte, und Wolken aus Zigarrenrauch trieben in den Flur, als die Gäste das Eßzimmer verließen.
Susanne seufzte erneut und ging zur Kellertreppe. Twyla setzte sich in aller Seelenruhe auf die oberste Stufe und schlang die Arme um ihre Knie.
Eine Tür schwang auf und fiel wieder zu.
Es war kurz still, und dann erklang ein gräßlicher Schrei. Eine Frau sank ohnmächtig zu Boden, und einem Mann fiel die Zigarre aus der Hand.
»Es besteht kein Grund zur Besorgnis«, sagte Twyla gelassen. »Susanne gewinnt immer. Gleich ist alles in Ordnung.«
Es pochte und klirrte. Kurz darauf surrte etwas, und schließlich blubberte es.
Susanne öffnete die Tür und hob einen Schürhaken, der in mehreren rechten Winkeln geknickt war. Nervöser Applaus erhob sich.
»Ausgezeichnet«, kommentierte ein Gast. »Sehr pschikologisch. Gute Idee. Das mit dem krummen Schürhaken, meine ich. Ich schätze, jetzt hast du keine Angst mehr, Kleine, oder?«
»Nein«, antwortete Twyla.
»Sehr pschikologisch.«
»Susanne sagt immer, man soll sich nicht fürchten, sondern wütend werden«, erklärte Twyla.
»Äh danke, Susanne.« Frau Gamasche schien einem Nervenzusammenbruch nahe zu sein. »Und äh Sir Geoffrey und die anderen, wenn ihr euch jetzt bitte zum Wohnzimmer begeben würdet äh ich meine zum Salon «
Die Abendgesellschaft wanderte erneut durch den Flur. Bevor sie die Tür schloß, hörte Susanne noch: »Wirklich enorm überzeugend, wie sie den Schürhaken verbogen hat und so «
Sie wartete.
»Sind sie alle weg, Twyla?«
»Ja.«
»Gut.« Susanne kehrte in den Keller zurück und zog etwas Haariges mit acht Beinen hervor. Irgendwie gelang es ihr, das Geschöpf die Treppe hochzuzerren und durch den Flur bis zum Hinterhof zu ziehen. Dort gab sie ihm einen letzten Tritt bis zum nächsten Morgen hatte es sich bestimmt aufgelöst.
»So verfahren wir mit Ungeheuern«, sagte sie.
Twyla beobachtete alles.
»Und jetzt wirds Zeit für dich.« Susanne hob das Mädchen hoch. »Kann ich den Schürhaken mit in mein Zimmer nehmen?« »Meinetwegen.« »Er tötet doch nur Ungeheuer, nicht wahr ?« fragte Twyla müde, als Susanne sie durchs Haus trug. »Ja«, sagte die Gouvernante. »Alle Arten von Ungeheuern.« Sie legte das Mädchen neben seinen Bruder und lehnte den Schürhaken an den Spielzeugschrank.
Das Objekt bestand aus billigem Metall und hatte einen Knauf aus Messing. Susanne hätte es zu gern an der früheren Gouvernante der Kinder ausprobiert.
»GNacht.«
»Gute Nacht.«
Susanne zog sich wieder in ihr kleines Schlafzimmer zurück, ging dort zu Bett und warf einen argwöhnischen Blick zum Fenster. Es wäre schön gewesen zu glauben, daß sie sich alles nur eingebildet hatte. Unglücklicherweise wäre das auch ziemlich dumm gewesen. Seit fast zwei Jahren bin ich normal, dachte Susanne. Seit fast zwei Jahren komme ich gut in der richtigen Welt zurecht, ohne mich jemals an die Zukunft zu erinnern
Vielleicht steckte doch nicht mehr dahinter als ein Wachtraum. (Aber selbst Träume konnten die Realität widerspiegeln )
Sie versuchte, den kleinen Wachsbuckel zu ignorieren, der verriet, daß die Kerze für wenige Sekunden im Wind gebrannt hatte.
Während Susanne versuchte einzuschlafen, saß Lord Witwenmacher in seinem Arbeitszimmer und erledigte Schreibarbeiten.
Lord Witwenmacher war ein Mörder. Besser gesagt: Er war ein Assassine. Dieser feine Unterschied trennte einfache Halunken, die Leute für Geld umbrachten, von ehrenwerten Gentlemen, deren Dienste gelegentlich von anderen ehrenwerten Gentlemen in Anspruch genommen wurden. In den meisten Fällen ging es darum, gegen Entgelt unangenehme Rasierklingen aus der Zuckerwatte des Lebens zu entfernen.
Die Mitglieder der Assassinengilde hielten sich für kultivierte Männer, die gute Musik, erlesenes Essen und hohe Literatur schätzten. Sie kannten den Wert des menschlichen Lebens, in den meisten Fällen bis auf den letzten Pfennig.
Lord Witwenmachers Arbeitszimmer war mit Eichenholz vertäfelt und mit einem dicken Teppich geschmückt. Die alten Möbel wirkten auf eine Weise abgenutzt, die nur im Verlauf von Jahrhunderten eintritt. Es waren gereifte Möbel.
Ein Feuer brannte im Kamin. Davor schliefen zwei Hunde und bildeten ein Knäuel, das für alle besonders haarigen Hunde im Multiversum typisch ist.
Abgesehen von einem gelegentlichen Hundeschnarchen und leisem Knacken im Kamin, erklang nur das dumpfe Kratzen von Lord Witwenmachers Feder, die emsig übers Pergament strich. Dazu tickte die Großvateruhr an der Tür. Es waren kleine, private Geräusche, denen es mühelos gelang, der Stille mehr Tiefe zu geben.
Bis sich jemand räusperte.
Solch ein Räuspern sollte nicht etwa störende Keksreste oder dergleichen entfernen. Sein Zweck bestand vielmehr darin, möglichst höflich auf die Präsenz des betreffenden Halses hinzuweisen.
Witwenmacher hörte auf zu schreiben, hob jedoch nicht den Kopf.
Nach einigen nachdenklichen Sekunden sagte er in neutralem Tonfall: »Die Türen sind verschlossen und die Fenster verriegelt. Die beiden Hunde schlafen weiterhin. Die quietschenden Dielen sind still geblieben. Andere kleine Dinge, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte, haben in keiner Weise reagiert. Das schränkt die Möglichkeiten stark ein. Ich bezweifle, daß du ein Geist bist, und Götter kündigen sich normalerweise nicht so höflich an. Du könntest natürlich der Tod sein, aber ich glaube kaum, daß der sich mit solchen Feinheiten aufhält. Außerdem fühle ich mich recht gut. Hmm.«
Etwas schwebte vor seinem Schreibtisch.
»Meine Zähne sind in einem guten Zustand du kannst also nicht die Zahnfee sein. Ich bin immer der Ansicht gewesen, daß man auf die Dienste des Sandmanns verzichten kann, wenn man vor dem Schlafengehen einen doppelten Brandy trinkt. Und da mit mir auch ansonsten alles in Ordnung ist, erwarte ich nicht den Besuch von Des Alten Mannes Schwierigkeiten. Hmm.«
Die Gestalt schwebte ein wenig näher.
»Ein Gnom könnte vielleicht durch ein Mauseloch kriechen, aber ich habe dort unten Fallen aufgestellt«, fuhr Witwenmacher fort. »Schwarze Männer sind dazu fähig, durch Wände zu gehen, aber sie zeigen sich nicht gern. Offen gestanden: Ich bin ratlos. Hmm?«
Er sah auf.
Eine graue Kutte hing in der Luft. Jemand schien in ihr zu stecken, denn sie hatte eine klar ausgeprägte Form, doch die entsprechende Person blieb unsichtbar.
Es prickelte in Witwenmacher, als er dachte: Vielleicht blieb der Besucher unsichtbar, weil er sich im physischen Sinne an einem ganz anderen Ort aufhielt.
»Guten Abend«, sagte er.
Guten Abend, Lord Witwenmacher, erwiderte die Kutte.
Das Gehirn des Assassinen nahm die Worte zur Kenntnis, doch seine Ohren schworen, sie nicht gehört zu haben.
Nun, man wurde nicht zum Präsidenten der Assassinengilde, indem man sich leicht Angst einjagen ließ. Außerdem war die Erscheinung nicht furchterregend. Sie wirkte eher langweilig. Wenn monotone Tristheit Form gewinnen konnte, würde sie sich für diese Gestalt entscheiden.
»Du scheinst ein Phantom zu sein«, sagte Witwenmacher.
Eine Antwort erreichte den Kopf des Assassinen: Unser Wesen steht hier nicht zur Debatte. Wir haben einen Auftrag für dich.
»Möchtest du jemanden inhumieren lassen?« fragte Witwenmacher.
Wir möchten, daß eine gewisse Existenz beendet wird.
Witwenmacher dachte darüber nach. Es war nicht so ungewöhnlich, wie es auf den ersten Blick erscheinen mochte. Es gab Präzedenzfälle. Jeder konnte die Dienste der Gilde kaufen. Einige Zombies hatten Gildenmitglieder bezahlt, um Rechnungen mit ihren Mördern zu begleichen. Lord Witwenmacher hielt die Gilde für das beste Beispiel praktischer Demokratie. Man brauchte weder Intelligenz noch einen hohen gesellschaftlichen Rang oder Schönheit beziehungsweise Charme, um ihre Dienste in Anspruch zu nehmen. Man brauchte nur Geld, und das stand im Gegensatz zu den genannten Eigenschaften allen zur Verfügung. Abgesehen von den Armen, aber einigen Leuten konnte man eben nicht helfen.
Eine Existenz beenden Witwenmacher fand diese Ausdrucksweise seltsam.
»Wir können «, begann er.
Die Bezahlung wird der Schwierigkeit des Auftrags angemessen sein.
»Unsere Gebühren «
Wir bezahlen drei Millionen Ankh-Morpork-Dollar.
Witwenmacher lehnte sich zurück. Das war viermal mehr als das bisher höchste von einem Gildenmitglied erzielte Honorar und in jenem Fall hatte sich der Auftrag auf eine ganze Familie sowie einige übernachtende Gäste bezogen.
»Und es sollen keine Fragen gestellt werden, nehme ich an?« vermutete Witwenmacher.
Es werden keine Fragen beantwortet.
»Aber wenn die Höhe des Honorars dem Schwierigkeitsgrad entspricht Ist der Klient gut geschützt?«
Überhaupt nicht. Doch es dürfte fast unmöglich sein, ihn mit konventionellen Waffen zu tilgen.
Witwenmacher nickte. Darin sah er kaum ein Problem. Im Lauf der Zeit hatte die Gilde einige recht ungewöhnliche Waffen entwickelt. Tilgen? Wieder eine seltsame Ausdrucksweise.
»Wir würden gern wissen, für wen wir arbeiten«, sagte er.
Das glauben wir.
»Ich meine, wir müssen deinen Namen erfahren. Beziehungsweise eure Namen wobei ich euch versichern darf, daß wir diese Informationen streng vertraulich behandeln. Wir brauchen die Angaben für unsere Akten.«
Wir sind die Revisoren.
»Ach? Und was überprüft ihr?«
Alles.
»Ich glaube, wir müssen etwas mehr über euch erfahren.«
Wir sind diejenigen mit den drei Millionen Dollar.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .